09.04.2010
Der Tag des Jägers

Zeit des Zorns


Symbolkräftig erzählt "Zeit des Zorns" von einem Schuss aus persönlicher Rache und der Auflehnung gegen die Willkür einer Diktatur. In dieser absurden Welt greift ein Mann zur Waffe.

Zeit des Zorns Aus der Tür zu treten und "mit einem Revolver in den Fäusten auf die Strasse zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen", so beschreibt André Breton in seinem Manifest des Surrealismus von 1924 die "einfachste surrealistische Tat". Radikal markiert diese Forderung diesen großen Text der Moderne. Die Selbstermächtigung des Subjekts mit der Waffe in der Hand wird zur künstlerischen und politischen Figur der Sinngebung. Der Schuss als Zäsur, als Aufbegehren gegen das, was für den Einzelnen nicht mehr ertragbar ist und deshalb so nicht bleiben kann. Kunst und Politik sind hier nah beieinander. Ausdruck und Sinngebung durch den Einzelnen sind ästhetisches und demokratisches Prinzip zugleich. Muss, wem das Wort verboten wird, zur Waffe greifen, um mit dem "elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen", wie Breton weiter schreibt? Kultur und Politik sind die großen Gesellschaftsapparate, deren Räderwerk die Diktatur sauber aufeinander abgestimmt hat. Wo beide sich nicht mehr kritisch beeinflussen, sondern reibungslos zusammen laufen, erstickt die Freiheit, und zurück bleiben Leere und Ohnmacht.

Rafi Pitts wurde 1976 im Iran geboren. Seit 30 Jahren betrachtet er sein Land aus dem Exil. Sein Kino ist eine Auseinandersetzung mit dem Regime und eine Suche nach filmischer Repräsentation der herrschenden "Verhältnisse". Seinen neuen Film "Zeit des Zorns" hat er im Iran gedreht, zu sehen sein wird er dort wahrscheinlich nicht. Rafi Pitts erzählt von der Diktatur und dem Leben in ihr, das sich neue Freiräume suchen muss. Wie filmt man ein repressives System, wie lässt sich hinter die Fassaden blicken und das Gefühl der Ohnmacht und Unterdrückung sichtbar machen?

Ali Alavi greift zu seinem Gewehr. Oben auf dem Hügel über dem Smog und der flirrenden Hitze Teherans steht er, hat angelegt und zielt. Vor ihm das staubige Land und das Gewirr der Autobahnschleifen. Ein erster Schuss geht ins Leere. Dann taucht ein Polizeiwagen im Visier auf.

Zeit des ZornsAls Ali eines Abends von der Nachtschicht kam, waren seine Frau und seine Tochter spurlos verschwunden. Nach vergeblicher Suche und bürokratischer Schikane auf dem Polizeirevier hat er schließlich erfahren müssen, dass seine Frau bei einer Massendemonstration erschossen wurde. Seine Tochter findet man mehrere Tage später. Mit einem schlecht bezahlten Nachtwächterjob musste er seine Familie, für die ihm wenig Zeit blieb, durchbringen. Ihr Tod löscht allen Sinn aus Alis privater Existenz. Er nimmt sein Jagdgewehr, fährt aus der Stadt auf die Autobahn und steigt auf den Aussichtspunkt über den Highways, um zwei Polizisten zu töten. Dieser Schuss ist kein Terrorakt, sondern private Rache und Hass auf ein System, das sein Leben zerstört hat.

Ali Alavi lebt in mehreren Welten. Die Nachtschichten im gedämpften Licht der Fabrik, die Autofahrten durch den staubigen Großstadtjungel. Kalte Zirkulation, Funktionsweise einer kafkaesken Existenz in der man nie sicher sein kann, wer "eines Morgens verhaftet wird".

Der Wald ist das romantische Gegenbild zur urbanen Hölle. In diese andere Welt flüchtet sich Ali auf seinen Jagdausflügen. Allein am Feuer mit seinem Gewehr in der Hand, so inszeniert "Zeit des Zorns" seine Hauptfigur schon in den ersten Szenen in einem archaisches Symbolbild der Freiheit.
Zeit des ZornsIn diesem nebligen Wald, dessen Bäume schwarz und kahl wie auf einem Gemälde von Caspar David Friedrich aus dem Nebel ragen, spielt der zweite Teil des Films. Hier endet die Verfolgungjagd mit der Polizei, in die Ali nach seinem Attentat verwickelt wird. Das absurde Spiel der Macht mit seinen Objekten wird hier an seine Grenze getrieben. Völlig durchnässt trotten Ali und die beiden Polizisten, die ihn festgenommen haben über die matschigen Waldwege und irren im Nichts umher. Abseits von politischer Ordnung wird die Machtfrage hier zu einer abstrakten Persiflage. Wer wen zwingen und töten kann, reduziert sich darauf, wer Uniform und Waffen trägt.

Privates gegen Politisches, Stadt gegen Natur, individuelle Rache gegen gesellschaftliche Moral. "Zeit des Zorns" bedient sich der Antagonismen der Moderne und ihren künstlerischen Darstellungsformen. So still und enigmatisch dieser Film ist, sind es die wichtigen Brüche und Revolutionen aus Kunst und Literatur, die in diesem Film verdichtet werden. Alvi führt ein Leben wie einer von Kafkas traurigen Helden, in einer Welt die sich eindeutig auf eine politische Realität bezieht und doch so willkürlich und abstrakt erscheint wie absurdes Theater. Manchmal scheinen die Landschaften wie die leeren Bildwüsten Michelangelo Antonionis, dann hat der Wald etwas von dem "Erhabenen" in der Naturdarstellung der deutschen Romantik.

Mit "Zeit des Zorns" ist Rafi Pitts eine bewusst künstlerische Systemkritik gelungen, die sich nicht nur auf die Dokumentation des Lebens in der Diktatur reduziert, sondern etwas tut, das totalitäre Regime in Unbehagen versetzt: die Wirklichkeit so zu verdichten, dass ihre erschreckenden Züge deutlich hervortreten und die Unterdrückung sichtbar wird.  

Nicolas Oxen / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Neue Visionen

 
Filmdaten 
 
Zeit des Zorns (The Hunter / Shekarchi) 
 
Iran / Deutschland 2010
Regie & Drehbuch: Rafi Pitts;
Darsteller: Rafi Pitts (Ali Alavi), Mitra Hajja (Sara Alavi), Saba Yaghoobi (Saaba), Malak Kahzai (Mutter), Ossta Shaa-Tir (Vater), Ali Nicksaulat, Hassan Ghalenoi (Polizisten) u.a.; Produktion: Twenty twenty Visionen, Aftab Negaran, Pallas, ZDF, Arte; Produzenten: Thanassis Karathano, Mohammad Reza Takhtkeshian; Kamera: Mohammad Davudi; Schnitt: Hassan Hassandoost; Länge: 88 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Neue Visionen; Ein Film im Wettbewerb der Berlinale 2010; deutscher Kinostart: 08.04.2010



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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