03.12.2010
Verloren in Banalitäten

Somewhere


Somewhere: Stephen Dorff, Elle Fanning Ein Ferrari fährt anfangs des Films durch die Wüste, immer im Kreis. Der Besitzer des Boliden dreht aus Langeweile seine Runden, in den immer gleichen Bahnen. Bald erfährt man: Den Rest seiner Zeit verbringt der Mann ganz ähnlich, nämlich immer gleich. Nach dem Sehen dieses Films möchte der Zuschauer nicht mehr unbedingt mit den Schönen und Reichen tauschen: Am Beispiel eines Hollywood-Stars (Stephen Dorff, "Cecil B.", "Blade") zeigt Regisseurin Sofia Coppola in "Somewhere" die Ödnis eines Lebens im Glamour. Packend ist Coppolas Darstellung der Leere, die diesen Menschen umgibt, aber der minimalistische Stil, den sie für ihren Film wählt, enerviert unter Umständen dessen Publikum.

Somewhere: Filmplakat Sofia Coppola muss es wissen. Aufgewachsen ist sie als Tochter der Regie-Legende Francis Ford Coppola, und so hat sie von klein auf Einblicke getan in die Welt, die sie nun in "Somewhere" beschreibt. Das gilt für die Celebrity-Kultur wie für das Leben in Hotels, denn als Heranwachsende begleitete sie ihren Vater überall hin, während er Filme drehte oder diese auf Festivals vorstellte. In ihrem zweiten Film als Regisseurin, "Lost in Translation" (2003), ließ sie einen alternden Star (Bill Murray) in einem Tokioter Hotel am Leben und den Mitmenschen zweifeln, bis er auf eine junge Frau (Scarlett Johansson) trifft. In "Somewhere" ist es ebenfalls ein Hotel, das den Hauptschauplatz bildet, das berühmte Chateau Marmont am Sunset Boulevard in Los Angeles, in dem Johnny Marco, die "Somewhere"-Hauptfigur, lebt, oder besser: abhängt. Denn er weiß mit seiner Zeit zwischen Drehterminen und Pressekonferenzen zur Vorstellung seiner Filme nichts anzufangen, im Hotelzimmer starrt er dann trinkend und rauchend Löcher in die Luft, und Coppola zeigt dies mehrfach ausführlich, minutenlang. Marco ist zwar ein begehrter Schauspieler und genauso begehrt bei Frauen, aber mehr als ein Sexualobjekt ist er nicht, so bleibt es bei One Night Stands und dem Anschauen heimgeholter Table-Dancerinnen. Ist er überhaupt noch beziehungsfähig? Er hatte mal eine Beziehung, aus der eine Tochter hervorging. Die Mutter bittet Marco, für ein paar Tage auf das Kind aufzupassen. Die elfjährige Cleo (Elle Fanning) mischt fortan sein bisher einseitiges Leben auf und ist damit eine Art jüngeres Alter Ego von Scarlett Johanssons Rollenfigur in "Lost in Translation", denn beide junge Frauen retten den väterlich-platonischen Freund aus seinem Verdruss. Die kleine Cleo ist dabei von noch unschuldiger Natur im Gegensatz zu den erwachsenen Frauen, die zu nichts anderem mehr imstande sind, als sich für Marco auszuziehen. Für Cleo ist die Welt noch nicht versext, für Johnny Marco der Blick eines, seines Kindes auf die Welt ein kathartisches Ereignis. Beispielsweise bittet er eine Sex-Gespielin, zu gehen, bevor seine Tochter sie sieht. Am Ende des Films, wenn seine Tochter wieder fort ist, fährt er erneut seinen Ferrari aus. Aber nicht mehr im Kreis.

Somewhere: Stephen Dorff Sofia Coppola gewann für "Somewhere" auf der Filmbiennale Venedig 2010 den Goldenen Löwen. Dies ist Ironie pur und ein Politikum, spielt doch ein Teil des Films in Italien, in Mailand, und es ist als ein Seitenhieb auf Ministerpräsident und Medienmogul Silvio Berlusconis Verständnis von Fernsehen zu verstehen, was Coppola darstellt: Marco nimmt in Mailand einen Preis entgegen, aber eine Rede kann er nicht halten – leicht bekleidete, falsch lächelnde Frauen liefern stattdessen ihr Bühnenprogramm ab. In Italien ist dies ein eigener Beruf, eine Velina zu sein, oft geben schon Mädchen als Berufsziel an, Velinen werden zu wollen, Frauen, die ganz unemanzipiert zum Amüsement des Publikums beitragen. Aber Italien ist überall – die Frauen in Johnny Marcos sonstigem Leben sind nicht besser, und egal ob in Mailand oder L.A., Marco ist verloren in Banalitäten. In ihnen schwelgt Sofia Coppola in ihrem Film ausgiebig, bestimmte Einstellungen dauern mehrere Minuten. Die Ödnis eines Lebens im Glamour überträgt sich auch auf die Erzählweise: So monoton Marcos Dasein ist, so monoton ist auch die Handlung des Films. Für manche Zuschauer dürfte dies keine leichte Kost sein, an diese Zuschauer denkt Coppola nicht bei ihrem Film. Auf "Somewhere" muss man sich einlassen, einlassen können, denn wie Coppola die zunächst unbewusste und dann manifest werdende Sinnkrise eines Menschen zeichnet, ist sehr intelligent.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Tobis Film

 
Filmdaten 
 
Somewhere (Somewhere) 
 
USA 2010
Regie & Drehbuch: Sofia Coppola;
Darsteller: Stephen Dorff (Johnny Marco), Elle Fanning (Cleo), Chris Pontius (Sammy), Michelle Monaghan (Rebecca), Kristina Shannon (Bambi), Karissa Shannon (Cindy) u.a.; als Gast: Benicio del Toro;
Produktion: G. Mac Brown, Roman Coppola, Sofia Coppola; Ausführende Produzenten: Francis Ford Coppola, Paul Rassam, Fred Roos; Kamera: Harris Savides; Musik: Phoenix;

Länge: 98 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Tobis; deutscher Kinostart: 11. November 2010



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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