14.06.2015
Ein kurzes Leben

Seht mich verschwinden


Seht mich verschwinden: Isabelle Caro In den letzten vier Jahren ihres Lebens brachte es die französische Schauspielerin Isabelle Caro zur internationalen Berühmtheit. In allerdings fragwürdiger Weise in einer neuen Rolle als ein besonderes Fotomodel: Mit Bildern des ungewöhnlichen Aussehens der magersüchtigen Caro (32 Kilogramm Gewicht bei 1,65 Metern Körpergröße) initiierte der Benetton-Fotograf Oliviero Toscani 2007 eine Kampagne gegen den Schlankheitswahn. Die Bilder wurden in einigen Ländern verboten, da sie das Gegenteil von Toscanis Motiv bewirken könnten, dass Caro von Models zum Vorbild erkoren wird. Caro bekam danach weitere Modelaufträge. Ihre Krankheit begründete sie nicht etwa mit ihrer Tätigkeit als Model, sondern mit einer schweren Kindheit. Die Fotos der dürren jungen Frau kursieren noch heute, vor allem im Internet. Über die mittlerweile verstorbene Caro drehte die US-Amerikanerin Kiki Allgeier ihren ersten langen Dokumentarfilm, ein einfühlsames Porträt einer Frau, deren Krankheit aber eine tiefere und vielseitigere Darstellung nötig gehabt hätte.

Isabelle Caro wusste es ganz genau: Durch ihre Krankheit fallen irgendwann die Zähne aus. Dann schafft es der Körper nicht mehr, ein Herzinfarkt droht. Dies sagt Caro in diesem Dokumentarfilm selbst einmal erstaunlich ungerührt. Es kam, wie es kommen musste: Isabelle Caro lebt nicht mehr, sie starb 2010 mit vermutlich 28 Jahren an den Folgen von Anorexie. Sie war eine Magersüchtige, die andere immer wieder vor dieser Krankheit warnte. Regisseurin Kiki Allgeier war mit Caro befreundet und begleitete sie bei verschiedenen Gelegenheiten mehrere Jahre lang mit der Kamera. Nach Caros Tod schuf sie diese detaillierte Dokumentation mit Archivaufnahmen und neuen Interviews, darunter mit Caros Vater Christian. Oder war dieser nur ihr Stiefvater? So, wie nie ganz klar ist, ob Caro 1980 oder 1982 geboren wurde, so gibt es neben der Vaterfrage auch weitere Ungereimtheiten im Leben der Isabelle Caro, die Kiki Allgeier nennt, ohne sie aufzuklären.

Seht mich verschwinden: Isabelle Caro Ungereimtheiten waren typisch für Caros Leben: Die junge Frau veränderte viel an sich, am Lebenslauf wie an ihrem Körper: Sie unterzog sich Schönheitsoperationen und ließ Sommersprossen ins Gesicht tätowieren. Caro sei eine starke Persönlichkeit gewesen, die an ihrem Leben hing, erklärt Kiki Allgeier. Nur die Magersucht, die war stärker als Caro. Der Originaltitel des Films, Femmefille, ist angelehnt an den Titel der 2008 veröffentlichten Autobiografie Caros, "La petite fille qui ne voulait pas grossir" ("Das kleine Mädchen, das nicht dick werden wollte"). In der Autobiografie verortete Caro die Ursache für die Magersucht in ihrer Kindheit: Ihre Mutter sperrte sie zuhause ein, ließ sie auch keine Freundinnen und Freunde haben, damit Isabelle, die damals noch Melody hieß, nicht Gefahren ausgesetzt war. Die Krankheit, an der Caro starb, war wohl auch eine Art unterbewusster Protest gegen die Behandlung durch ihre Mutter.

Die Darstellung der Krankheit ist auch das große Manko des Dokumentarfilms, der ansonsten vieles richtig macht: Der Film "Seht mich verschwinden" möchte wie zuvor Isabelle Caro selbst vor der krankhaften Appetitlosigkeit warnen, erläutert aber kaum die Hintergründe, die zu ihr führen. Genannt wird als Ursache nur die schwere Kindheit Caros, aber auf die vielfältigen Gründe dieser für Models typischen Erkrankung, wie Ernährung oder den unmenschlichen Druck der Modeindustrie, wird nicht umfassend genug eingegangen. Das Porträt der einerseits sympathischen, andererseits raffiniert die Medien für ihre Zwecke nutzenden, im Scheinwerferglanz badenden Caro ist dennoch gelungen, man erfährt viel über die Frau, die auch auf der Leinwand zu sehen war: Luc Besson besetzte sie als dürre Mumie in "Adèle und das Geheimnis des Pharaos". Danach lebte Isabelle Caro nur noch kurze Zeit.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Kiki Allgeier

 
Filmdaten 
 
Seht mich verschwinden  
 
Alternativtitel: Femmefille - Die Geschichte der Isabelle Caro

Deutschland 2014
Regie, Drehbuch & Kamera: Kiki Allgeier;
Mitwirkende: Isabelle Caro, Christian Caro, Anne-Marie Caro, Oliviero Toscani, Loretta, Jessica Simpson u.a.;
Produktion: TAG/TRAUM Filmproduktion und FSL Filmproduktion in Zusammenarbeit mit ARTE/ZDF, YLE und SVT; Musik: Andreas Bjørck, Masami Tomihisa; Schnitt: Gesa Marten;

Länge: 84,46 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Farbfilm Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 2. Juli 2015



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<14.06.2015>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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