09.03.2014
Schreckgespenst Überbevölkerung

Population Boom


Population Boom Wir schreiben das Jahr 2011. Medienwirksam wird das Überschreiten der Marke von sieben Milliarden Menschen auf der Welt von den Vereinten Nationen bekanntgegeben. Statt einer Feier für den neuen Erdenbürger wird sein Kommen allerdings wie die Ankunft eines Anti-Messias verkündet – der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Krisen, Kriege und Konflikte zeigen, dass die Rasse Mensch sich ihrem apokalyptischen Ende nicht mehr lange entziehen können wird. Oder doch? Auf einer Reise um die Welt jagt der österreichische Dokumentarfilmer Werner Boote ("Plastic Planet") ein Gespenst, welches seit Jahrzehnten in der Welt umgeht. Das Gespenst der Überbevölkerung.

Um es vorwegzunehmen – Werner Boote findet keine Überbevölkerung. Weder in den modernen Metropolen wie Tokio oder New York noch in für Mitteleuropäer so fernen Gefilden wie Nairobi oder Bangladesch. Als Stilmittel ist sich der Filmemacher dabei auch selbst nicht zu schade. Mit wiederkehrenden Sequenzen, in denen er inmitten überwältigender Menschenmengen Zeitung liest kontrastiert er die Idee, dass es eine bestimmte kritische Masse gibt, ab der es zu viele sind.

In anderen Szenen wiederum spaziert Werner Boote an Orten umher, die vollkommen leer sind, es aber nicht sein sollten. Ein leerer Highway ist das eindrücklichste Beispiel. Schnell wird klar: Die Behauptung, es gebe ein Ressourcenproblem, ist nicht haltbar. Es zeigt sich vielmehr, dass es ein Güterverteilungsproblem ist, mit dem die Menschheit momentan zu kämpfen hat. Die Herleitung dieser Erkenntnis ist durch gut gewählte Interviewpartner nachvollziehbar. Eingestreute, technisch hervorragende Landschaftsaufnahmen und Momente der Stille unterstreichen den Eindruck noch weiter.

Population Boom Besondere Aufmerksamkeit widmet der Film der Frage der Geburtenkontrolle – genauer, der national oder international verordneten Geburtenkontrolle. Unausgesprochen wird klar, dass diese Eingriffe nur kurzzeitig wirken und mehr Probleme schaffen, als sie lösen. Die diplomatischen, aber subtil eindeutigen Aussagen der chinesischen Staatskommission für Bevölkerung und Familienplanung belegen dies. Den Höhepunkt der Spannung hat Werner Boote, ganz im Drama-Stil, in der Mitte des Films platziert. Die Szenen in Nairobi und anderen Teilen Afrikas sind wahre Augenöffner.

Unterstrichen wird dies durch den teils starken Kontrast des gut gekleideten Österreichers zu seiner oft traditionell bekleideten Umgebung. Dass dies scheinbar keine Rolle spielt, lässt das Fragezeichen in den Köpfen der Zuschauer noch weiter wachsen. Was läuft denn nun alles schief, wenn es eigentlich nur ein Problem der Verteilung ist?

Population Boom Nach dem Höhepunkt flacht der Film leider ohne nennenswerte Verzögerungen ab. Trotz weiterhin eindringlicher Bilder verliert sich der Streifen in Plattitüden und einem unkoordinierten Rundumschlag gegen Konzerne, Profitgier und Aktienmärkte. Die Stammtisch-Kapitalismuskritik mag ihren wahren Kern haben, doch wird sie dem soliden, bewegenden und unterhaltsamen Anfang des Films nicht gerecht. Da hilft auch die Schützenhilfe von John Lennon aus den Fernseharchiven nicht viel. Das Gespenst der Überbevölkerung hat sich zum Ende in ein Gespenst des Großkapitals verwandelt. Es bleibt abzuwarten, ob sich Werner Boote auch dieser Jagd annimmt oder es bei den vagen Parolen von "Population Boom" belässt.  

Hendrik Neumann / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Mindjazz Pictures

 
Filmdaten 
 
Population Boom  
 
Österreich 2013
Regie & Drehbuch: Werner Boote;
Produzenten: Nikolaus Geyrhalter, Markus Glaser, Michael Kitzberger, Wolfgang Widerhofer; Kamera: Dominik Spritzendorfer; Musik: Karwan Marouf; Schnitt: Emily Artmann;

Länge: 92,58 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Mindjazz Pictures GbR; deutscher Kinostart: 27. März 2014



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<09.03.2014>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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