06.08.2000

Pat Garrett jagt Billy The Kid


Die Zeiten ändern sich - und Freunde werden zu Todfeinden. Sheriff Pat Garrett inszeniert eine gnadenlose Jagd auf seinen früheren Freund William Bonney, genannt Billy The Kid, der sich weigert einzusehen, dass die Zeit der Outlaws vorbei ist. Peckinpahs Spätwestern als Abgesang auf die wilde Zeit des Westens.


New Mexico 1881. Dort, wo einst das Eldorado der Gesetzlosen und Desperados war, nehmen zunehmend reiche Rinderbarone die Zügel in die Hand. Auch der frühere Revolverheld Pat Garrett (James Coburn) hat die Zeichen der Zeit erkannt und die Seiten gewechselt. Als Handlanger der Großgrundbesitzer und des Gouverneurs Lew Wallace, dem späteren Autor von "Ben Hur" (Jason Robards), soll der neugewählte Sheriff seinen alten Weggefährten Billy The Kid (Kris Kristofferson) unschädlich machen. Doch dieser letzte Outlaw will sich nicht vertreiben lassen. Nachdem ein Ultimatum des Sheriffs verstrichen ist, nimmt Garrett ihn fest. Billy tötet zwei Deputies und kann seiner Hinrichtung entgehen, woraufhin eine gnadenlose Jagd auf ihn ausgerichtet wird. Den Vorschlag seiner Freunde, in Mexiko unterzutauchen, schlägt er aus, deshalb kann er letztendlich von Garrett gestellt und getötet werden. Dieser fällt 1908 einem Anschlag seiner ehemaligen Auftraggeber zum Opfer.

Mit dieser Einstellung beginnt auch der Film, der sich dann rückblickend aus der Sicht Garretts bis zum Tod Billys entwickelt. Sterbend wird dem Sheriff somit deutlich, dass er nur als Figur im Spiel der Großen agiert und nun selbst geopfert wird, wie er seinerzeit den Freund verraten und geopfert hat. Damit hat er aber auch einen Teil seiner Geschichte, seiner Ideale und somit seines Ichs verleugnet - filmisch dargestellt durch eine Überblendung des sterbenden Garretts und eines Wettschießens auf die Köpfe eingegrabener Hähne, wobei die Kamera den Eindruck erweckt, als schieße Garrett auf sich selbst. Billy hingegen bleibt sich selbst und seinen Idealen treu. Sein Entschluss, nicht nach Mexiko zu fliehen und dort nur ein Gringo unter vielen zu sein, ist die bewusste Entscheidung zum Mythos Billy The Kid zu werden. Der Begriff Märtyrertod scheint hochgegriffen, doch legt die Kreuzeshaltung, mit der er sich bei seiner ersten Verhaftung ergibt, sogar diese Assoziation nahe. Damit scheint auch die Intention Peckinpahs deutlich: Eine Würdigung der Western-Mythen, eine Würdigung des Außenseitertums und eine Würdigung der Tugenden Loyalität, Freundschaft und Mut.

Der Film leistet somit keine psychologisch-detaillierte Analyse der Protagonisten, auch vollzieht sich die Handlung nicht nach einem logischen, aufeinander aufbauenden Muster, die Bilder - im Stile alter Holländer-Gemälde, melancholisch, trist, rauchverhangen - werden aneinandergereiht und zelebrieren eine fragwürdige Romantik. Gewalt wird explizit dargestellt, gestorben wird in Zeitlupe ("ballett of death" nannte Peckinpah dieses Stilmittel, das er in "The Wild Bunch", 1969, zum ersten Mal anwandte). Dennoch kann sich der Zuschauer der Intensität des Dargestellten nur schwer entziehen, zumal die Bilder schlichtweg kongenial durch die Musik des einmaligen Singer-Songwriters Bob Dylan untermalt werden. Allein das entrückte "Knockin' On Heaven's Door", in der Sterbeszene des alten Sheriffs Baker (Slim Pickens), der seinem Freund Garrett nur noch eine Gefälligkeit erweisen will, bevor er "diesem verfluchten Land" für immer den Rücken kehrt - tragische Wortwörtlichkeit seines Wunsches - allein dieser zum Klassiker avancierte, oft gecoverte Song genügt, um die perfekte Symbiose von Bild und Musik zu dokumentieren, da der schwermütige, fatalistische Tenor der Filmvorlage exakt widergespiegelt wird. Musikalischer Genius und schauspielerisches Talent gehen aber nicht einher, denn Dylans Darstellung der Rechten Hand Billys, des undurchschaubaren - nomen est omen - Alias, der leider dramaturgisch völlig überflüssig ist, bleibt hölzern-dilettantisch, obwohl die sogenannte "Bohnen-Szene" mittlerweile Kultstatus genießt. Anders sein Sängerkollege Kristofferson ("Me And Bobby McGee"), dessen juvenile Unbekümmertheit und aufreizende Lässigkeit sogar Coburns betonte Arroganz und Widerlichkeit in den Schatten stellen.

Viele Schwächen von "Pat Garrett jagt Billy The Kid", vor allem sein Inneres-Zerissen-Sein, resultieren, neben wahrhaft katastrophalen Drehbedingungen im mexikanischen Durango, aus einer internen und in der Filmgeschichte beispiellosen Schneide-Fehde zwischen dem Regisseur und der Produktionsfirma MGM, die - trotz eines massiven Protests seitens Peckinpahs - plakativ und unpersönlich die Gewalttaten der Menschenjagd in den Vordergrund stellen wollte, ohne sich um die auslösenden Motive zu kümmern (Man vermeide es, diese Untat zu sehen, ebenso wie man die deutsche Synchronisation umgehen sollte, die nicht nur übersetzt: "Möchtest du noch etwas Fleisch", wenn Pfannkuchen auf dem Tisch zu sehen sind!). Erst seit 1988 kann, dank Cutter Roger Spottiswoode, eine gegenüber der Erstaufführung elf Minuten längere Fassung gesehen werden, die eigentliche vom Regisseur intendierte Version gilt aber als unwiederbringlich verloren. Wahrscheinlich aber könnte nur diese ihr den gebührenden Platz in der Western-Filmographie sichern.

Amüsante Randnotiz: In einer kleinen Szene ist auch Peckinpah selbst zu sehen, der, als Sargschnitzer, einen von Garrett angebotenen Drink ablehnt. Coburn: "Then I offer him a drink from this flask I'm carryin' and he refuses it, which was hilarious because I think that's the only drink Sam's ever turned down and we got it on film."

 
Stefan Strucken / Wertung: * * * (3 von 5)




Filmdaten

Pat Garrett jagt Billy The Kid
(Pat Garrett and Billy The Kid)

USA 1973
Regie: Sam Peckinpah; Drehbuch: Rudolph Wurlitzer; Kamera: John Coquillon; Musik: Bob Dylan (Pat Garrett & Billy The Kid, CBS Records 13.07.73);
Darsteller: James Coburn (Pat Garrett), Kris Kristofferson (William H. "Billy the Kid" Booney), Jason Robards (Lew Wallace), Katy Jurado (Mrs. Baker), Slim Pickens (Sheriff Colin Baker), Jack Elam (Alamosa Bill/Kermit), Harry Dean Stanton (Luke), Bob Dylan (Alias), Elisha Cook Jr., Bruce Dern u.a.

Erstausstrahlung BRD 26.10.73 / 03.12.92; Länge:117 Minuten (Rekonstruierte Fassung); FSK: ab 16.




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weitere Rezension zum Film
von Jessica Ridders
Wertung: 4 von 5  



Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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