09.04.2015
Hektischer Klamauk, bühnen- aber nicht filmreif

Nur eine Stunde Ruhe!


Nur eine Stunde Ruhe! Michels Tag beginnt gut, er findet eine ihm in der Jugend liebgewordene Schallplatte auf dem Flohmarkt und begibt sich gutgelaunt heimwärts, voller Vorfreude auf den Hörgenuss auf seiner hochwertigen Stereo-Anlage. Aber er wird unaufhörlich abgelenkt – die Mutter ruft auf dem Handy an, ein Patient will sich gleich auf der Straße behandeln lassen, zuhause will die Ehefrau ein ernstes Gespräch führen, der problembehaftete Sohn kommt vorbei, es sind lärmende Bauarbeiter im Hause – der Andrang nimmt zu und steigert sich ins Unerträgliche. Aber Schritt für Schritt erfährt man durch Michels Reaktionen, wer er eigentlich ist.

Das Jahr 2014 scheint für den vor allem national aber inzwischen auch international renommierten Christian Clavier (bekannt für seine Asterix-Rolle oder der sehr eindrucksvollen Darstellung von Napoleon in der gleichnamigen TV-Miniserie) sehr arbeitsreich gewesen zu sein, da er neben "Nur eine Stunde Ruhe" auch in "Monsieur Claude und seine Töchter", wie auch in einem dritten Film, der eher an Kinder adressiert ist, "Le Grimoire d'Arkandias", mitspielte.

Die in sechs Wochen abgedrehte Komödie "Nur eine Stunde Ruhe!" basiert auf einem Bühnenstück von Florian Zeller. Der Schauspieler Fabrice Luchini trat darin erfolgreich auf – und da rührt auch schon ein erster Kritikpunkt am Film her. Die Handlung ist im wahrsten Sinne "bühnenreif" und die dramatischen, manchmal slapstickhaften Szenen sind auf den Brettern, die die Welt bedeuten, wahrscheinlich besser aufgehoben. Denn die hektische subjektive Kamera, die die lawinenhaften Anhäufungen von Katstrophen in Michels Leben aufnimmt, das Auf and Ab, das Hin und Her, verliert im Film seine Wirkung und führt eher zu Schwindel als zu Amüsement.

Nur eine Stunde Ruhe! Dennoch hat man zunehmend Mitleid mit dem geplagten Michel, weil die ad absurdum geführten Anforderungen an ihn jeden Menschen überfordern würden. Sein Leben bricht förmlich über ihm zusammen, aber er lässt dennoch nicht vom tiefen Verlangen ab, diese alte Jazz-CD zu hören, jedes Mittel ist ihm dazu recht. Dabei kommen seine Oberflächlichkeit und Verlogenheit zutage, sein Egoismus und das cholerische Temperament. Natürlich gehört sich für eine Komödie ein nettes Ende, aber viel gelacht hat man dann doch nicht in den knapp 80 Minuten.

Nichtsdestotrotz sieht man Clavier gerne beim Spielen zu, und das alleine schon macht den Film sehenswert. Sozialkritik ist unüberhörbar – schwarz arbeitende Putzfrauen und Bauarbeiter tauchen kurz auf, die Flüchtlingsthematik wird gestreift, Ehrlichkeit in der Ehe und das Thema Altersdemenz werden erörtert. Und schließlich ist der bekömmliche Jazz der geliebten CD auch schön anzuhören.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: DCM

 
Filmdaten 
 
Nur eine Stunde Ruhe! (Une heure de tranquillité) 
 
Frankreich 2014
Regie: Patrice Leconte;
Darsteller: Christian Clavier (Michel Leproux), Carole Bouquet (Nathalie Leproux), Valérie Bonneton (Elsa), Rossy de Palma (Maria), Stéphane De Groodt (Pavel), Sébastien Castro (Sébastien Leproux), Christian Charmetant (Pierre), Arnaud Henriet (Léo) u.a.;
Drehbuch: Patrice Leconte nach dem Bühnenstück von Florian Zeller; Produzenten: Olivier Delbosc, Marc Missonnier; Kamera: Jean-Marie Dreujou; Musik: Éric Neveux; Schnitt: Joëlle Hache;

Länge: 79,30 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der DCM Film Distribution GmbH; deutscher Kinostart: 16. April 2015



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<09.04.2015>


Zitat

"Filme Deine Morde wie Liebesszenen, und filme Deine Liebesszenen wie Morde."

("Film your murders like love scenes, and film your love scenes like murders.")

Regisseur Alfred Hitchcock

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