22.02.2015

Madame Mallory und der Duft von Curry


Der schwedische Regisseur Lasse Hallström, Jahrgang 1946, ist Spezialist für "schöne" Filme, also solche, die – wie etwa "Chocolat" (2000) – herrliche Landschaften zeigen, gut aussehende Hauptdarsteller haben, alles in warme Farben tauchen und einfach einen Wohlfühleffekt beim Zuschauer erzeugen. Die Grenze zum Kitsch kann dabei leicht überschritten werden. In "Madame Mallory und der Duft von Curry" wird sie aber nur gestreift.

Wir erleben in einem malerischen südfranzösischen Ort namens Lumière (real: Saint-Antonin-Noble-Val, Midi-Pyrénées) einen Clash der Kulturen, genauer: der Esskulturen. Madame Mallory (Helen Mirren) führt ein elegantes, traditionsreiches Restaurant am Dorfrand, das sogar einen Michelin-Stern aufzuweisen hat: das renommierte "Le Saule Pleureur" (Die Trauerweide). Auf der anderen Straßenseite ist eine indische Familie in ein verlassenes Haus eingezogen. Sie musste ihre Heimat verlassen, weil ihr Restaurant bei Unruhen verwüstet wurde; die Mutter ist darin umgekommen. Unter Führung von "Papa" Kadam (Om Puri) will die Familie dem französischen Restaurant gegenüber Konkurrenz machen, mit indischer Küche und Spezialitäten wie Seeigel in Curry. Ernsthaft fürchtet Madame Mallory das "Maison Mumbai" mit seiner Folkloreküche und seinen einfachen Holztischchen nicht, dennoch will sie den Kadams eins auswischen. Arrogant taucht sie in deren Lokal auf, erkundigt sich heuchlerisch nach der Speisekarte für den nächsten Tag, um dann auf dem Markt alle dort aufgeführten Lebensmittel der Familie Kadam vor der Nase wegzukaufen. Das bedeutet "Krieg", von jetzt an bekämpfen sich Papa Kadam und Madame Mallory, schwärzen sich gegenseitig beim Bürgermeister an und bleiben sich auch im verbalen Schlagabtauch nichts schuldig.

Als einer von ihren Köchen bei den Indern Feuer legt und auf deren Gartenmauer schreibt: "Frankreich den Franzosen", geht das Madame Mallory aber doch zu weit. Sie entlässt den (zur lokalen Rechten gehörenden) Mann und hilft Kadam bei den Aufräumarbeiten. Sie wischt sogar mit großer Mühe den ausländerfeindlichen Spruch wieder von der Mauer ab.

Nach dem Genuss eines unvergleichlichen Omeletts erkennt die Chefin die große Begabung von Hassan Kadam (Manish Dayal), dem Sohn von Papa Kadam. Sie wirbt ihn an (nicht gerade zur Freude seiner Familie) und begründet das damit, dass er bei ihr die französische Küche erlernen und damit weiter aufsteigen kann. Ihm gelingt es auch in kurzer Zeit, die Köstlichkeiten beider Kulturen, also die französische Raffinesse mit der indischen Gewürzpalette, zu kombinieren und dem Restaurant den zweiten Michelin-Stern zu verschaffen. Zudem verliebt er sich noch in Marguerite (Charlotte Le Bon), die bezaubernde Sous-Chefin bei Madame Mallory. Der Weg nach Paris in die höchsten Etagen der Spitzenküche ist frei, Hassan wird sogar Chefkoch im Restaurant Le Georges im Centre Pompidou. Die Sehnsucht nach seinen Wurzeln und nach der indischen Küche treibt ihn aber nach einiger Zeit in seine Heimat zurück, wo er – zusammen mit Marguerite – die Leitung des "Saule Pleureur" übernimmt.

Dame Helen Mirren, Golden-Globe- und Oscar-Preisträgerin ("Die Queen", 2006), ist wieder mal bestechend. Wie sie ehrgeizig und hochnäsig ihre Intrigen spinnt, um dann doch die Versöhnung mit einzuleiten, zeigt eine große Virtuosität. Charakteristisch auch ihr Humor. So zeigt sie ihrem Küchenpersonal vorwurfsvoll eine schlappe Spargelstange vom Vortage und sagt: "In unserem Restaurant verstehen wir Kochen nicht als alte eingeschlafene Ehe, sondern als leidenschaftliche Affäre!" Die anderen drei Protagonisten (Papa und Sohn Kadam, Marguerite) stehen Madame Mallory in keiner Weise nach.

Die Musik mischt indische und französische Elemente und trägt unaufdringlich zur romantischen Stimmung bei. Der Film schwelgt in wunderbaren Bildern (Kamera: Linus Sandgren): Hassan und Marguerite angeln am idyllischen Fluss vor einer alten Mühle; Eier und Gewürze zischen in Großaufnahmen in die Pfanne; die köstlichen Gerichte, die in den beiden Lokalen serviert werden, scheinen auf der Leinwand zu duften. Dann der einsame Hassan im nächtlichen Paris oder das Feuerwerk über dem Dorf, das aus der Vogelperspektive gezeigt wird; der Schnellzug, der im Abendsonnenlicht das Tal durchquert... Sicher präsentiert der Film auch Klischees, die aber nicht stören. Die Botschaft ist einfach und im Moment besonders aktuell: Die Grenzen zwischen den Völkern, den Kulturen, den Religionen sind überschreitbar, ja man kann sich ganz nahe kommen, Freundschaft und Liebe entwickeln, so dass aus Gegensätzen eine Einheit wird, zur Bereicherung und zur Freude aller. Man muss nur den Mut haben, aufeinander zuzugehen. Darauf spielt auch der Originalfilmtitel an: "The Hundred-Foot Journey" (nach dem gleichnamigen Roman von Richard C. Morais), das ist der Abstand zwischen den beiden Restaurants, der am Ende überwunden ist.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Madame Mallory und der Duft von Curry (The Hundred-Foot Journey) 
 
Indien / USA 2014
Regie: Lasse Hallström;
Darsteller: Helen Mirren (Madame Mallory), Om Puri (Papa), Manish Dayal (Hassan Kadam), Charlotte Le Bon (Marguerite), Amit Shah (Mansur Kadam), Farzana Dua Elahe (Mahira Kadam), Aria Pandya (Aisha Kadam), Dillon Mitra (Mukthar Kadam), Michel Blanc (Bürgermeister) u.a.;
Drehbuch: Steven Knight nach dem gleichnamigen Roman von Richard C. Morais; Produzenten: Juliet Blake, Steven Spielberg, Oprah Winfrey; Kamera: Linus Sandgren; Musik: A. R. Rahman; Schnitt: Andrew Mondshein;

Länge: 122,44 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Constantin Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 21. August 2014



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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