24.09.2012
Kleine Gesten und Stille

Liebe (2012)


Keine große Betroffenheit, keine Tränen, keine Traurigkeit. Nur kleine Gesten, Berührungen, Blicke. Das muss dem Zuschauer genügen, um zu erahnen, was Georges und Anne durchmachen. Das gealterte Musikprofessoren-Ehepaar hat das ereilt, wovor sich alle insgeheim fürchten: Krankheit, Gebrechlichkeit, langes Siechtum. Was am Ende bleibt, ist die Liebe.

Liebe (2012): Jean-Louis Trintignant Viele Tabus werden auf würdevolle Weise gebrochen in diesem Film. Die Intimität des ausgeliefert Schwachen, die Abhängigkeit von den Helfern, die Hilflosigkeit gegenüber gefühllosen Pflegern, die Depression und der Wunsch, zu sterben. Nahrungsverweigerung, Rückzug, ungewollte Gewalt, die aus der Verzweiflung kommt. Dieser notwendige Film kommt zu einer Zeit, wo wir uns bewusst werden, wie viel noch verändert werden muss, damit der letzte Weg keine endlose Qual wird.

In einem Wechsel zwischen den Zeiten, mit Rückblenden und Traumsequenzen erzählt der musiklose Streifen aus guten und schweren Tagen des Ehepaars. Früher bewegten sie sich frei, besuchten Klavierkonzerte, aßen zusammen, schliefen und atmeten nebeneinander, unterhielten sich über alles und nichts. Wie man das so tut, wenn man eine gute und langjährige Ehe hat. Und vor allem ist man ehrlich. "Manchmal bist Du ein Monster, aber du bist nett" sagt Anne ganz locker zwischen zwei Bissen beim Mittagessen.

Und dann ist Anne nach einer missglückten Operation halbseitig gelähmt. Sie möchte Georges das Versprechen abringen, sie nie mehr in ein Krankenhaus zu bringen. Aber kann man so ein Versprechen geben? Die Wohnung wird zur dritten Hauptgestalt des Films. Zuerst kommt der Rollstuhl, mühsames Lernen auf beiden Seiten, wie man hilft und wie man Hilfe zulässt. Wie man mit dem veränderten Leben zurechtkommt. Die Tochter kommt aus London und will mitbestimmen, aber was gibt es da mitzubestimmen? Die Krankheit Annes verschlimmert sich. Georges lässt sich böse beschimpfen von der Pflegerin, die er wegen Rücksichtslosigkeit und fehlendem Feingefühl entlässt. Die Last wird Tag für Tag größer. Georges' Liebe erduldet die Unerträglichkeit. Und man fragt sich, wie er es aushält. Warum er nicht zusammenbricht. Und wie viel zu viel ist.

Liebe (2012): Emmanuelle Riva Das Gefühl der Beklemmung wird man nicht los, die Stille auf der Kinoleinwand schleicht sich in den Kinosaal. Und man nimmt die Bilder mit, das versteinerte Gesicht von Georges, sein Schweigen und sein Ertragen. Und die Hilferufe der wehrlosen kranken Anne.

Michael Haneke hat – erneut – einen meisterhaften Film geschaffen, der mit analytischen Bildern und langen Sequenzen die beklemmende Realität von Krankheit beschreibt. Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, sowie Isabelle Huppert als Tochter sind die bestmögliche Besetzung für diesen Film. Die Anzahl der Preise wird sich nach der Goldenen Palme in Cannes, bester Film in Durban, Grand Prix de la FIPRESCI (internationale Kritikervereinigung) und der Oscar-Nominierung noch mehren.

Selten beschäftigen sich Filme wie Carl Franklins "Familiensache", Alejandro Aménabars "Das Meer in mir" oder Cristi Puius "Der Tod des Herrn Lazarescu" mit dem Sterben. Aber noch seltener mit dem langsamen leidvollen Siechtum, das dem Tod vorangehen kann.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: X-Verleih

 
Filmdaten 
 
Liebe (2012) (Amour) 
 
Frankreich / Österreich / Deutschland 2012
Regie & Drehbuch: Michael Haneke;
Darsteller: Jean-Louis Trintignant (Georges), Emmanuelle Riva (Anne), Isabelle Huppert (Eva), Alexandre Tharaud (Alexandre), William Shimell (Geoff), Ramón Agirre (Hausmeister), Rita Blanco (Hausmeisterin), Suzanne Schmidt (Nachbarin) u.a.;
Produktion: Margaret Menegoz (Paris), Stefan Arndt (Berlin), Veit Heiduschka und Michael Katz (Wien); Kamera: Darius Khondji; Schnitt: Monika Willi, Nadine Muse;

Länge: 127,24 Minuten (Kino; bzw. Fernsehen/Video/DVD 122,56 Minuten); FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; deutscher Kinostart: 20. September 2012

Auszeichnungen:

Europäischer Filmpreis 2012:
Bester Film des Jahres
Michael Haneke für Bester Regisseur
Emmanuelle Riva für Beste Schauspielerin
Jean-Louis Trintignant für Bester Schauspieler



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<24.09.2012>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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