18.07.2019
Almodóvar - Alles über seine Mutter

Leid und Herrlichkeit


Der Regisseur Pedro Almodóvar hat für "Leid und Herrlichkeit" die bisher wohl autofiktionalsten Szenen aus seinem bewegten Leben einfließen lassen. Dafür hat er wieder seine illustre Filmfamilie um Penélope Cruz und Antonio Banderas zusammengetrommelt – die kennen ihn ja am besten.

Leid und Herrlichkeit: Antonio Banderas Penélope Cruz dreht schon seit 1997 ("Live Flesh – Mit Haut und Haar") mit Almodóvar, kennt seine 1999 (da erschien auch "Alles über meine Mutter" mit Cruz) verstorbene Mutter noch persönlich. Daher ist sie sicher die Idealbesetzung mit erwartbar viel Einfluss für deren Darstellung. Die Altersrolle der Mutter spielt Julieta Serrano. Im Film ist ihr Tod wenige Jahre her. In Rückblenden wird für die Kindheit des Regisseurs besonders viel Zeit verwendet. Hier liegen offensichtlich auch einige Wurzeln seiner femininen Figuren vergraben, die in seinen Filmen immer wieder zutage treten. Der gealterte Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) leidet immer noch darunter und unter seinen chronischen Schmerzen und Depressionen. Er verliert sich immer wieder in Erinnerungen an seine Kindheit und Adoleszenz.

Da ist die starke Figur der Mutter. Sein Vater taucht nur anfänglich auf, als er die Familie zur neuen Unterkunft in einem spanischen Dorf führt; eine verlassene Katakombe. Er versucht dies zwar als traditionelles Haus ("So wohnten hier viele") schönzureden, aber er wirkt gebrochen. Danach wird der sich als Versager fühlende Ehemann nur noch als "vermutlich in der Kneipe" erwähnt. Seine Mutter kümmert sich weitgehend alleine darum, die Höhle wohnlicher zu machen und ihrem Sohn eine bessere Zukunft zu geben. Da er aber zu arm für die Schule ist, bleibt nur der katholische Orden, um Schulbildung zu bekommen. Mallo entwickelt Kämpfergeist und die Neugier auf Bücher und Filme. Ein lesendes Kind weckt im Dorf das Interesse eines Maurers, der nun im Gegenzug für Schreib- und Lesehilfe bei der Wohnung hilft. Mallo entwickelt erste homoerotische Fantasien.

Leid und Herrlichkeit: Penélope Cruz, Asier Flores Die Szenen wechseln sich immer wieder mit der Gegenwart des Regisseurs ab. Filmhintergrund ist dabei der Plot mit der Wiederaufführung eines über 30 Jahre alten Films, während dessen Drehs er sich mit dem damaligen Hauptdarsteller Alberto Crespo (Asier Etxeandia) verkrachte. Das gibt Mallo die Gelegenheit sich mit alten Geistern zu versöhnen, was nur teilweise gelingt, aber es zieht ihn wieder aus dem dunklen Gewölk seiner Wohnung, die zugleich ein detailreicher Spiegel seiner Seele ist. Er leidet unter einem ganzen Panoptikum von Krankheiten und versucht zeitweise mit gerauchtem Heroin von den Schmerzen loszukommen. Dies bekommt er vom drogenabhängigen Alberto. Dann taucht noch ein abhängiger Schauspieler auf, seine Jugendliebe Federico (Leonardo Sbaraglia).

Die früheren Protagonisten zeichnen durch ihren verblassenden Ruhm dabei auch eine Analogie zur aktuellen Arthouse-Krise aus. Almodovar entwickelt mit seiner liebevollen Regiearbeit (und mithilfe von Alberto Iglesias, seinem 80-jährigen Komponisten) nun auch wieder ein Gegengift zum Filmstreaming auf Computer oder gar Tablet und Handys. Für solche Filme muss man eben ins dunkle Kino. Ein Sonderlob verdient sich Antonio Banderas, der zur achten Filmarbeit mit Almodóvar antrat und sichtlich ambitioniert war, seine besonderen Kenntnisse durch ihre lange Verbundenheit in allen Charakterfarben wiederzugeben.

In einer der letzteren Szenen sieht man den Regisseur Mallo mit der schon gebrechlichen Mutter um ihren Segen kämpfend. Denn er müsse die (sehr katholische) Mutter mit seiner gottlosen Entwicklung sicher enttäuscht haben. Sie erwähnt diese "Geschichten" nie direkt, nimmt sie wie das Leben hin und sagt nur mit dem Finger drohend: "... aber das gehört nicht in deine Filme".

Dabei gehören sie zum Glück ja längst schon dahin, nur diesmal ungeschminkter.  

Jürgen Grötzinger / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Studiocanal / El Deseo / Manolo Pavón

 
Filmdaten 
 
Leid und Herrlichkeit (Dolor y gloria) 
 
Spanien 2019
Regie & Drehbuch: Pedro Almodóvar;
Darsteller: Antonio Banderas (Salvador Mallo), Penélope Cruz (Jacinta, jung), Julieta Serrano (Jacinta, alt), Asier Etxeandia (Alberto Crespo), Leonardo Sbaraglia (Federico Delgado), Nora Navas (Mercedes), César Vicente (Eduardo), Asier Flores (Salvador Mallo als Kind), Cecilia Roth (Zulema), Susi Sánchez (Beata), Raúl Arévalo (Venancio Mallo), Pedro Casablanc (Dr. A. Galindo), Agustín Almodóvar (Sacerdote) u.a.;
Produzenten: Agustín Almodóvar, Ricardo Marco Budé, Esther García, Ignacio Salazar-Simpson; Kamera: José Luis Alcaine; Musik: Alberto Iglesias; Schnitt: Teresa Font;

Länge: 113,54 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Studiocanal GmbH; deutscher Kinostart: 25. Juli 2019



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<18.07.2019>


Zitat

"Warum bin ich so gut darin, Zicken zu spielen? Ich denke, es liegt daran, dass ich keine Zicke bin. Vielleicht ist das der Grund, warum Joan Crawford immer Ladies spielt."

("Why am I so good at playing bitches? I think it's because I'm not a bitch. Maybe that's why Joan Crawford always plays ladies.")

Schauspielerin Bette Davis, 30. Todestag am 6. Oktober 2019, mit einer Spitze gegen ihre Dauerrivalin Crawford

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