20.10.2012
Verführen und Verführtsein

Last Night


Wie sicher ist meine Beziehung, in der ich lebe? Das ist die Frage, die dieser Film stellt. Sehe ich andere attraktive Menschen als verpasste Gelegenheiten? Könnte ich einer Verführung widerstehen? Gibt es noch "offene" Ex-Beziehungen, an denen mein Herz hängt? Regisseurin und Drehbuchautorin Massy Tadjedin gelingt mit ihrem Erstlingswerk ein sensibler, nicht
(ver)urteilender Film über die Komplexität einer Liebesbeziehung mit realistischen, ruhigen, analytischen Bildern, der den Zuschauer zum Nachdenken bringt, ob Betrug im Kopf oder im Bett anfängt.

Eine Dekade nach Stanley Kubricks "Eyes Wide Shut", der Verfilmung von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", kommt auf ähnliche Weise mit "Last Night" erneut die Frage nach der Treue in Ehe- und Liebesbeziehungen auf. Letzterer Film verzichtet jedoch auf große und mysteriöse Gesten des Vorgängers, sondern hebt für kurze Zeit – insgesamt 36 Stunden – ein eher unscheinbares junges Ehepaar aus der Masse heraus, mit dem sich der Zuschauer identifizieren kann. Joanna und Michael (dargestellt von Keira Knightley und Sam Worthington) hatten sich im College kennengelernt und nach vier Jahren geheiratet. Joanna ist eine von Zweifeln geplagte Schriftstellerin, die sich mit Modeartikeln darüber hinwegtröstet, dass sie nicht zu einem zweiten Buch findet. Michael arbeitet in einer Planungsfirma von Gewerbeimmobilien und ist viel beruflich unterwegs.

Bei einer Party stellt Joanna fest, dass ihr Mann sich von seiner attraktiven Kollegin Laura (gespielt von der ewig "anderen" Frau, Eva Mendes) sehr gerne umgarnen lässt. Sam leugnet wenig überzeugend, aber seine Frau erkennt, dass (noch) kein Betrug stattgefunden hat. Als Sam am nächsten Tag auf Dienstreise – natürlich unter anderen mit der schönen Laura – fährt, bleibt Joanna mit ihren Zweifeln wieder alleine. Ausgerechnet jetzt trifft sie zufällig den Mann, in den sie sich vor zwei Jahren verliebt hatte, und den sie noch nicht überwunden hat: Alex. Er ist Franzose, erfolgreicher Schriftsteller und "gerade in der Stadt" – nebenbei gesagt sind Joanna und Michael vermutlich aus beruflichen Gründen in New York niedergelassene Briten.

Jetzt kann das Drama der Nacht beginnen – zweideutige Fragen, erotische Innuendos und gewollt "zufällige" Berührungen. Parallel werden Joanna mit ihrer Ex-Liebe Alex und Michael mit der verführerischen Laura an diesem Abend und in dieser abenteuerlichen Nacht fast voyeuristisch verfolgt. Dennoch kommen die Dialoge ohne Schnörkel und unnötiges Getue aus, alle sind ehrlich, auch wenn das Zugegebene nicht ethisch einwandfrei ist. Die schönen Bilder der Gesichter mit den verschiedenen Ausdrücken von Neugier, Begierde, Zurückhaltung, Enttäuschung, im Licht von Straßenlaternen oder Innenbeleuchtungen sind ästhetisch pointiert und leiten sicher durch die Handlung. Der Zuschauer kann sich ganz nach Belieben in die Charaktere hineinversetzen und seine eigene Moral auf die Probe stellen – der Film moralisiert jedoch nicht.

Auch wenn der Film kein Kassenknüller und kein Hollywood-Hochglanz-Film ist, so hat er doch kleine glamouröse Akzente, wobei die nächtlichen Straßen New Yorks und Philadelphias, Bars oder Hotellobbys sowie die schicken Yuppie-Wohnungen der Filmfiguren eine stille Nebenrolle einnehmen. Die intensiv durchgearbeiteten und tadellos dargestellten Rollen geben dem Film die nötige Tiefe, wobei die leise Klaviermusik punktgenau landet und begleitet. Ein sehr gelungenes Erstlingswerk, das auf viel mehr von der jungen Regisseurin hoffen lässt.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Last Night (Last Night) 
 
USA / Frankreich 2010
Regie & Drehbuch: Massy Tadjedin;
Darsteller: Keira Knightley (Joanna), Sam Worthington (Michael), Eva Mendes (Laura), Guillaume Canet (Alex), Griffin Dunne (Truman), Scott Adsit (Stuart), Anson Mount (Neal), Justine Cotsonas (Maggie) u.a.;
Produzenten: Sidonie Dumas, Massy Tadjedin, Nick Wechsler; Kamera: Peter Deming; Musik: Clint Mansell; Schnitt: Susan E. Morse;

Länge: 93,03 Minuten (Kino; Video: 88 Minuten); FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von NFP; deutscher Kinostart: 30. Dezember 2010



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<20.10.2012>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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