27.10.1999
Eine Reise entlang des Regenbogens

Eyes Wide Shut


Nachdem Stanley Kubrick 2001 - Odyssee im Weltraum (2001: A Space Odyssey, 1968) vollendet hatte, erwarb er die Rechte zweier literarischer Werke, an deren Filmadaption er interessiert war. Er entschied sich für Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange, 1971). Seine Ehefrau Christina hatte Kubrick gebeten, sich dem zweiten Werk der Auswahl, Arthur Schnitzlers Traumnovelle, nicht anzunehmen, da sie ansonsten ihre Ehe gefährdet sah. Doch nach über 25 Jahren entschloss sich Stanley Kubrick dennoch, die Traumnovelle verfilmen.

Eyes Wide Shut Arthur Schnitzler, der literarische Bruder Freuds, benötigte 20 Jahre, um die Traumnovelle zu vollenden. Das Werk hatte bei seiner Veröffentlichung 1927 bereits ein schwieriges Zeitalter erlebt und in sich aufgenommen: Die Zeit des Niedergangs der Doppelmonarchie an der Donau und die Nachkriegsjahre des Umbruchs mit ungewissem Ausgang. Auch daher stammen die diffusen Ahnungen der Krise oder womöglich des Niedergangs von sozialer und kultureller Identität in Schnitzlers Novelle. Dass Kubrick die Traumnovelle 60 Jahre später im New York der Gegenwart platzieren kann, liegt nicht nur an der Distanz zur Zeitgeschichte durch Abstraktion, sondern auch an der Zeitlosigkeit der dunklen Fragen, von denen die Traumnovelle und nun Eyes Wide Shut handeln.

Der Arzt Bill Harford und seine Frau Alice werden von einem Tycoon der Oberschicht, einem Patienten Bills, zu einer Party eingeladen. Während einer Feier, auf der die beiden nicht eine Seele kennen, geht das Ehepaar schon bald getrennte Wege. Während die angetrunkene Alice mit einem ungarischen Playboy flirtet, erwehrt sich Bill nicht den Avancen zweier junger Schönheiten. Später offenbaren die Ehepartner in der Nacht dem anderen ihr Begehren, das sie auf der Feier umschlich. Der Dialog wirft Fragen auf nach Ehe, Treue, Eifersucht und männlichem und weiblichem Begehren. Bills Versuche zu rationalisieren, als Alice ihn mit ihren geheimen Wünsche konfrontiert, schlagen fehl. Der tiefe Gegensatz zwischen sexueller Freiheit und der alten Institution Ehe, dem Mythos der Monogamie in der christlich-westlichen Gesellschaft, gerät an die Oberfläche. Und es taucht die Frage auf, ob eine sexuelle Liberalisierung womöglich aus dem Reich der Fantasie stammt, wenn nicht an dem Fundament des Gemeinlebens gekratzt werden soll.

Mit den geträumten Bildern seiner untreuen Frau im Kopf begibt er sich auf eine nächtliche Odyssee. Die Tochter eines gerade verstorbenen Patienten gesteht ihm ihre Liebe, eine Prostituierte lockt ihn, und ein nymphenartiges Mädchen offeriert sich in einem Kostümverleih. Schließlich gelingt es ihm, sich Zugang zu einer geheimen Orgie zu verschaffen. Dort erwartet ihn gespenstisches Zeremoniell und byzantinischer Reigen. Als er jedoch am Tage den Spuren der vergangenen Nacht folgt, trifft er immer wieder auf Schuld und Tod. Kubrick lässt die Geschichte während der Weihnachtszeit spielen und stellt so die Heilige Familie als ständigen Begleiter der Bilder in den Hintergrund. Es geht um die Entwicklung einer Ehe und schließlich um deren Bewährung - auf Zeit.

Eyes Wide Shut Nicole Kidman, die außerhalb ihrer Heimat Australien mit Todesstille (Dead Calm, 1989) bekannt wurde und sich in To Die For (To Die For, 1995) entscheidend profilieren konnte, gelingt es, ihr mimisches und gestisches Spiel auch außerhalb der Dialoge einzusetzen und Tom Cruise, den amerikanischen Sunnyboy, gefrieren zu lassen. Eyes Wide Shut ist Kubricks erster Film seit zwölf Jahren. Sein Perfektionismus lässt die durchkonstruierten Bilder und Töne beinahe unwirklich und träumerisch erscheinen und ist damit ein angemessener Ausdruck für die abstrakte Thematik des Filmes. Eine Woche, nachdem Stanley Kubrick den abgeschlossenen Film den Warner Studios übergeben hatte, starb er am 6. März 1999 im Alter von 70 Jahren.  

Philipp Wallutat / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Eyes Wide Shut (Eyes Wide Shut) 
 
GB / USA 1999
Regie: Stanley Kubrick;
Darsteller: Tom Cruise (Dr. William Harford), Nicole Kidman (Alice Harford), Sydney Pollack (Victor Ziegler), Marie Richardson (Marion), Thomas Gibson (Carl), Leelee Sobieski (Milichs Tochter), Vinessa Shaw (Domino), Todd Field (Nick Nightingale), Rade Sherbedgia (Milich), Sky Dumont (Sandor Szavost) u.a.; Drehbuch: Stanley Kubrick, Frederic Raphael (inspiriert durch Arthur Schnitzlers Traumnovelle); Kamera: Larry Smith; Musik: Jocelyn Pook; Schnitt: Nigel Galt;

Länge: 159 Minuten; FSK: ab 16 Jahren



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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