29. Juli 2004

Der Müll, die Stagnation und der Tod


Ladykillers (2004)


Ladykillers (2004)

1955 drehte Regisseur Alexander Mackendrick eine zu ihrer Zeit erstaunlich extrovertiert schwarze britische Komödie mit Sir Alec Guinness, Katie Johnson, Peter Sellers und anderen Leinwand-Größen:
Ein angeblicher Professor führt mit einem angeblichen Musiker-Quintett einen Raub durch, aber sie scheitern schließlich an einer eigentlich wehrlosen ältlichen Dame. Sollte es je zu einem Remake des Meisterwerks kommen - und wir wissen, die Ideen gehen den Hollywood-Drehbuchautoren aus, es musste so kommen -, so sollte man sich in dem Fall, der jetzt mit Tom Hanks in der Hauptrolle eingetreten ist, auf die Regie der Gebrüder Joel und Ethan Coen verlassen können, denn sie pflegen stets einen ähnlich frischen, charismatischen Stil. Stets? Ansonsten. Ansonsten stets.



Im Wettbewerb der 57. Internationalen Filmfestspiele in Cannes 2004 war auch dieser Film der Coen-Brüder vertreten. Jury-Präsident Quentin Tarantino dürfte wenigstens an einem Protagonisten des "Ladykillers"-Remakes seine helle Freude gehabt haben: Gangster überfallen einen von einem vietnamesischen Paar geführten Donut-Shop. Dies hätten sie trotz perfekter Bewaffnung besser nicht getan. Der Besitzer des Ladens (Tzi Ma) ist nur mit dauerbrennender Zigarette, Hitler-Bärtchen, stoischem Blick und seinen Händen ausgestattet. Und seiner Kampf-Erfahrung als "General", wie er den Rest des Films über genannt wird, aus den Zeiten des Vietnam-Kriegs.
Deutlich weniger erfahren, schon gar nicht dermaßen streetwise: Lump (Ryan Hurst), ein Footballer. Genauer: Ex-Footballer. Das muskulöse Riesenbaby braucht keinen David, um häufiger als Goliath umzufallen und so dem Spiel seines Teams dauernd zu schaden.
Fast mit genauso wenig Hirn, aber mit Dauerplappermaul ausgestattet ist der farbige Gawain (Marlon Wayans). Er gehört der Putzkolonne eines Kasinos an.
Dann ist da Garth Pancake (J.K. Simmons), ein Sprengstoff-Experte mit Dauer-Verdauungsstörungen. Nicht nur durch sie zieht der unscheinbare Charakter, der noch sein eigenes Spiel zu treiben versuchen wird, jedes Unheil an.
Ausgerechnet dieses Quartett infernale soll das Kasino, in dem Gawain arbeitet, ausrauben.

Ladykillers (2004)

So hat es Goldthwait Higginson Dorr (Tom Hanks) beschlossen, ein vorgeblicher Professor für Altphilologie mit Vorliebe für Edgar-Allen-Poe-Lyrik. Ausgerechnet dieses Quintett infernale gibt sich als Musiker-Quintett auf der Suche nach dem idealen ruhigen Ort zum Üben aus. Der Keller der älteren Mrs. Munson (Irma P. Hall) ist vorgeblich geeignet dafür - in Wirklichkeit der ideale Ort für einen Tunnel zum Kasino. Nur unterschätzen die Herren die Dame und überschätzen sich selbst.

Ladykillers (2004)

Aus einer tüddeligen, weißen älteren Lady ist eine gottesfürchtige, äußerst naive farbige Lady geworden, vier Gauner und ihr Chef treten in diesem Remake auf, die nur in ihrer platitüdenhaft ausformulierten jeweiligen Beschränktheit differenziert dargestellt sind, das legendäre Grinsen des Alec Guinness im Original ersetzt Tom Hanks in seiner Rolle als Professor durch grotesk anmutendes lautes Gelächter, so oft wie möglich, bis klar ist: Diese Komödie ist nicht fähig, sich in ihrem Verlauf solide fortzuentwickeln. Stagnation macht sich breit in ihr, hoffentlich nicht in der weiteren Karriere der Coen-Brüder, aber: Weiß man es nicht explizit, so merkt man es dem Film dennoch an, es handelt sich bei "Ladykillers" um eine Auftragsarbeit für die beiden Coens, so lustlos, uninspiriert, demotiviert wirkte noch nie einer ihrer Filme.

Ladykillers (2004)

Zweifellos eine Reminiszenz an Mackendricks Werk, das in den 50ern eine wesentliche Auffrischung des Genres der schwarzen Komödie darstellte, sollte das Beibehalten des Stils sein. In die Ruhe der gesichts- und namenlosen Vorstadt fällt unsichtbar das Verbrechen ein, dem angepasst der Auftritt von Hanks als gesichts- und charakterloser Professor, letzteres im doppelten Sinn, wie ein Gelehrter von vorgestern, der in diese Vorstadt und zu seiner an die Ruhe der Vorstadt angepassten Vermieterin passen mag bei Kommunikation über Musik und andere Kaffeestunden-Gesprächsthemen, aber auf geradezu anachronistische Weise nicht zu seinen an Dumpf- und Derbheit sich gegenseitig überbietenden Verbündeten bestehend aus zweimal white, einmal asian und einmal black trash. A propos Trash: Müll spielt eine große Rolle in diesem Film. Ein Müll-Transportschiff dient erst zum Entfernen von Beweismitteln, dann zum sukzessiven Entfernen sämtlicher Beteiligter jeweils als Leiche. Müll als stets wiederkehrendes Bild: Was wollen uns die Coen-Brüder damit sagen?

 
Michael Dlugosch / Wertung: * (1 von 5)

Quelle der Fotos: Buena Vista Int.


Filmdaten

Ladykillers (2004)
(The Ladykillers)

USA 2003
Regie: Joel & Ethan Coen;
Darsteller: Tom Hanks (Prof. Goldthwait Higginson Dorr), Irma P. Hall (Mrs. Munson), Marlon Wayans (Gawain MacSam), J.K. Simmons (Garth Pancake), Tzi Ma (der General), Ryan Hurst (Lump) u.a.; Drehbuch: Joel & Ethan Coen; Produktion: Tom Jacobson, Barry Sonnenfeld, Barry Josephson; Kamera: Roger Deakins; Schnitt: Roderick Jaynes [Pseudonym für die Coen-Brüder]; Musik: Carter Burwell;

Länge: 104 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Buena Vista Int.




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Link zu unserer Rezension zum Film
Ladykillers (1955)
von Jessica Ridders  

Offizielle Seite zum Film
Ladykillers (2004)
<29.07.2004>  



Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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