3. Oktober 2002

Fußball ist auch eine Religion

Kick it like Beckham

Kick it like Beckham: Jonathan Rhys-Meyers Im Wohnzimmer hängt die Ikonie des indischen Familienheiligen, im Kinderzimmer der 18-jährigen Jess (Parminder Nagra) finden sich die Plakate des von ihr noch höher verehrten David Beckham vor. Heimlich, ganz heimlich geht die junge Inderin, Tochter einer in England eingewanderten Familie, selbst im Park spielen - die gleichaltrigen Männer haben gegen sie keine Chance. Als die Amateur-Spielerin Jules (Keira Knightley) das Talent entdeckt und für ihre Mannschaft gewinnt, ist der Haussegen im Hause Bhamra gefährdet... In "Kick it like Beckham" ist Fußball keine Männerdomäne mehr, die Bindung an die Religion von der Generation im besten Fußballer-Alter nicht mehr streng dogmatisch genommen. Verspielt ist die Komödie und kräftig indisch-farbenfroh, wenn sie den Bruch mit Traditionen herbeisehnt - aber sie ist doch allzu verspielt, allzu farbenfroh, so dass die Intention unter der Grasnarbe bleibt.

Der französische Dichter Albert Camus hat einmal gesagt, alles, was er über Menschen und Moral gelernt hat, wisse er durchs Fußballspiel. Der Kampf elf Mann gegen elf Mann um einen Ball gibt somit die Probleme in der Gesellschaft allegorisch wieder. In dieser Form wurde das Fußballspiel in Literatur und Film zwar noch nie verwendet, wenn es denn aber dort schon mal vorkam, dann als das Leben bestimmendes Hobby, das an Sucht grenzt. Nick Hornby begründete seinen Ruhm als Autor, als er in "Fever Pitch" einen Fußball-Fan für Arsenal London seine Beziehung fast aufs Spiel setzen lässt. Im vorliegenden Film ist es eine gerade volljährig gewordene Inderin, die, mit dem runden Leder infiziert, ihrer den alten Sitten verhafteten Familie das für sich entdeckte sehr weltliche Interesse zunächst vorenthält, der Fußball aber siegt. Das Fußballspiel ist sehr weltlich? Mehr als das: Es ist auch eine Religion; eine, für die es sich zu Kämpfen lohnt; eine, die Lebenssinn stiftet. Es gab bisher noch nie einen an den Kino-Kassen und bei der Kritik erfolgreichen Fußball-Film. Das änderte sich mit "Bend it like Beckham", wie die Komödie im Original heißt.

Bend it: So nennt David Beckham, jener Titel gebende berühmte Fußball-Held von Manchester United seine besondere Art, den Ball präzise vors Tor zu flanken. To bend heißt übersetzt "knicken". Das Wort hat noch eine weitere Bedeutung: Bending the rules steht für das Brechen mit Konventionen. Wer repräsentiert dies in England, dem Mutterland des Fußballs, eher als Beckham, der wegen seiner Traumpässe und kaum zu überbietender Ballbeherrschung zum Nationalspieler, wegen seiner Allüren und dem anders gearteten Lebensstil aber zum Weltstar wurde? Sein Hang, neue Moden zu kreieren, mal mit Irokesenschnitt, mal mit Glatze, mal mit halb abrasierter Augenbraue, fand Nachahmer in der englischen Jugend. Bei jenen kaum jüngeren Fans, die ihr Idol für seinen Hang zum drastischen Paradigmenwechsel in puncto Weltanschauung lieben. Von Beckham geht, kurz gesagt, Erotik aus.

Es ist schade, dass in "Kick it like Beckham" die Intention sich vor allem über diesen Hintergrund erschließt, der Film sich hingegen in filmischen Konventionen verliert. Die Story ist aus althergebrachten Elementen zusammengezimmert: Mädchen am Beginn des besten Frauen- und Fußballspielerinnen-Alters, eben im erwähnten Beckham-Fan-Alter, zeigt's privat den ebenso alten Männern, die ihm sportlich unterlegen sind, wird entdeckt, seine Entdeckerin und Mitspielerin zur besten Freundin (Keira Knightley), es verliebt sich wie die Freundin in den kaum älteren Trainer (Jonathan Rhys-Meyers), der unter Sportinvalidität, ergo unter Deprimiertsein leidet und von der anstehenden Eifersuchtsproblematik noch nichts weiß. Dazu ist das Mädchen Jess Inderin, der konservativen Familie werden die Leidenschaften verschwiegen: Fußball passt nicht zur indischen Religion, schon gar nicht ein Engländer, also Nicht-Inder, als Freund, der er womöglich nicht mal wird, denn nicht mehr spielen zu dürfen, an der Religion Fußball nicht mehr aktiv dabei sein zu dürfen, zerstört ihm die Lust auf die Lust. Siehe so ähnlich bei Nick Hornby.

Das Drehbuch löst diese ganzen Irrungen und Wirrungen mit viel Humor und Jugendfrische, mit viel Verspieltheit im doppelten Sinne des Wortes. Doch ist alles zumal in englischen Filmen schon mal da gewesen, Billy Elliot im gleichnamigen Film bekehrte seinen derben Vater zur Toleranz seines unmännlichen Hobbys, der Ballett-Tänzerei, "East is East" verwob die Problematik der Abtrünnigkeit in einer traditionsverhafteten pakistanischen Einwanderer-Familie ernsthafter, eleganter. So gilt für "Kick it like Beckham": Ruft der Film zum Bruch mit Konventionen auf, so tut er das, indem gleichzeitig die Konventionen der Film-Dramaturgie eingehalten werden, mit viel zu viel inhaltlichem Ballast auf einmal. Traurige Ironie.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle des Fotos: Highlight Film und Home Entertainment GmbH


Filmdaten

Kick it like Beckham
(Bend it like Beckham)

GB / Deutschland 2002
Regie: Gurinder Chadha;
Darsteller: Parminder K. Nagra (Jess Bhamra), Keira Knightley (Jules), Jonathan Rhys-Meyers ("Velvet Goldmine"; Joe), Anupam Kher (Mr. Bhamra), Archie Panjabi (Pinky), Shaznay Lewis (Mel), Frank Harper (Alan), Juliet Stevenson (Paula), Shaheen Khan (Mrs. Bhamra), Ameet Chana (Tony), Pooja Shah (Meena), Paven Virk (Bubbly), Preeya Kalidas (Monica), Trey Farley (Taz), Saraj Chaudhry (Sonny), Imran Ali (Gary), Kulvinder Ghir (Teetu), Havey Virdi (Teetus Mutter), Ash Varrez (Teetus Vater), als sie selbst: Gary Lineker, Alan Hansen, John Barnes; Einspielung aus dem Archiv: David Beckham u.a.;
Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Guljit Bindra, Gurinder Chadha; Produzenten: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Ulrich Felsberg, Russel Fischer, Simon Franks, Zygi Kamasa, Deepak Nayar, Paul Ritchie, Haneet Vaswani; Kamera: Jong Lin; Originalmusik: Craig Pruess; Schnitt: Justin Krish; Casting: Carrie Hilton, Liora Reich;

<Länge: 112 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Highlight Film und Home Entertainment GmbH



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