13.02.2020
Satire oder kann das weg?

Jojo Rabbit


Jojo Rabbit: Taika Waititi, Roman Griffin Davis Schon 1940 wagte Charlie Chaplin das scheinbar Unfassbare: eine Satire auf Adolf Hitler und das Dritte Reich ("Der große Diktator"). Schon damals mit zahlreichen vergötternden Kritiken überschüttet. Schon damals kritisiert. Und jetzt 80 Jahre nach Charlie Chaplin klebt sich der Neuseeländer Taika Waititi den "Hitler-Bart" an und steigt in die braune Nazi-Uniform. Auch dieses Mal, etlicher Ruhm für die Verfilmung, unter anderem sechs Oscar-Nominierungen, aber auch nicht zu ignorierende Kritik, auf Grund der Herangehensweise Waititis. Wie soll man damit umgehen, wenn das schlimmste Kapitel der Geschichte humorvoll und locker behandelt wird? Kann man so etwas überhaupt bewerten? Darf man darüber lachen?

Ja, es ist Satire, und es ist Satire, die gut funktioniert, weil sie richtig inszeniert wurde. Mit ganz viel Fingerspitzengefühl beobachtet der Zuschauer über 108 Minuten den Gang Taika Waititis auf einer scharfen Klinge zwischen ernsthafter Geschichtsaufarbeitung und urkomischen Charakteren.

Jojo Rabbit: Roman Griffin Davis, Taika Waititi, Scarlett Johansson Im Zentrum der Geschichte, umgeben von den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges, steht der zehnjährige Jojo Betzler, der gerne ein richtiger Nazi sein möchte. Bei seinem Wunsch, der damit zu vergleichen ist, wie sich heute jedes Kleinkind wünscht Fußballer*in oder Astronaut*in zu sein, hilft ihm sein imaginärer Hitler (grandios durch Taika Waititi verkörpert), welcher ihm stets Befehle und Ratschläge nahe bringt. Doch im Laufe seiner "Nazi-Ausbildung" findet Jojo ein jüdisches Mädchen im früheren Zimmer seiner Schwester. Daraufhin beginnt der Zehnjährige über sein Handeln nachzudenken, zu hinterfragen, was hier gerade passiert und Empathie für eine Figur zu entwickeln, über die ihm beigebracht wurde, sie zu hassen.

Durch die Augen eines Kindes zeigt Taika Waititi, wie absurd die Zeit vor 80 Jahren war. Dies macht er nicht so wie Steven Spielberg mit "Schindlers Liste", der einen dunklen und ernsten Weg einschlägt, um dem Zuschauer die Grauen des Dritten Reiches zu verdeutlichen. Waititi macht es, wie er es immer macht, humorvoll, aber auch realistisch. Er macht sich lustig über sämtliche Nazioberhäupter, die Gestapo und die HJ-Ausbilder. Das schafft er durch überzeichnete Charaktere, die sich schon fast wie Zeichentrickfiguren anfühlen, da sie so absurd sind. Dabei wird es aber zu keiner Sekunde so abgedreht, als dass man mit diesen Figuren sympathisieren könnte. Bei jeder Persönlichkeit wahrt Waititi die Ernsthaftigkeit und Distanz, die dieses Kapitel der Geschichte benötigt.

Jojo Rabbit: Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie Von vielen Kritikern wird dem Film vorgeworfen, den Zweiten Weltkrieg zu verharmlosen und zu beschönigen. Das stimmt, aber auch nur weil eine Welt aus den Augen einen jungen deutschen Hitlerfanatikers in Zeiten des Nationalsozialismus nicht grau und trist gewesen sein kann, sondern bunt und fröhlich ist. Und genau das stellt Waititi dar, er verharmlost nichts und zeigt alles, bloß aus den Augen eines Kindes. Er lässt dieses bunte Bild aber nicht unkritisch für sich stehen, er gibt seinen Charakteren im Laufe des Films die Chance und lässt sie sich hinterfragen, ihr Handeln reflektieren und gibt ihnen die Chance sich zu bessern.

Seinen Humor verliert der Oscar-Preisträger trotz dieses dunklen Themas aber keinesfalls. In gewohnter Lässigkeit und Leichtigkeit schüttelt der Drehbuchautor hier einen Witz oder eine urkomische Szene nach der anderen aus dem Ärmel und jedes Mal passt der Humor haargenau zur jeweiligen Situation.

Eine Schwäche hat der Streifen allerdings doch aufzuweisen. Die Geschichte wird gerade zum Ende des Films etwas dünn und ziellos. Gerade nach dem zweiten Drittel fehlt eine klare Struktur, die den Zuschauer durch das Grauen des Weltkrieges leitet, und so wird es etwas durcheinander wenn der Film aufs Ende zusteuert.

Taika Waititi beweist mit "Jojo Rabbit" ein weiteres Mal sein Können als Drehbuchautor und Regisseur. Obwohl es ein schweres Thema ist, an das sich der Neuseeländer traut, bewahrt er jedes Mal den Respekt und Anstand vor der Geschichte, schafft es aber auch, geniale Absurditäten zu kreieren.

"Jojo Rabbit" zeigt die Grauen der Geschichte auf, übt aber auch gleichzeitig durch einen bittersüßen Humor Kritik und zeigt auf, worauf es im Leben ankommt und dass es niemals zu spät ist, etwas an seinem Handeln zu ändern.  

Gregor Oldenburg / Wertung: * * * * (4 von 5) 

 
Filmdaten 
 
Jojo Rabbit (Jojo Rabbit) 
 
Neuseeland/Tschechien/USA 2019
Regie: Taika Waititi;
Darsteller: Roman Griffin Davis (Jojo), Thomasin McKenzie (Elsa), Scarlett Johansson (Rosie), Taika Waititi (Adolf), Sam Rockwell (Kapitän Klenzendorf), Rebel Wilson (Fräulein Rahm), Alfie Allen (Finkel), Stephen Merchant (Deertz), Archie Yates (Yorkiv), Luke Brandon Field (Christoph), Sam Haygarth (Hans), Stanislav Callas (russischer Soldat) u.a.;
Drehbuch: Taika Waititi nach dem Roman von Christine Leunens; Produzenten: Carthew Neal, Taika Waititi, Chelsea Winstanley; Kamera: Mihai Malaimare Jr.; Musik: Michael Giacchino; Schnitt: Tom Eagles;

Länge: 108,18 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der The Walt Disney Company (Germany) GmbH; deutscher Kinostart: 23. Januar 2020

Auszeichnungen:
Academy Award (Oscar) 2020 für das Beste adaptierte Drehbuch (Taika Waititi) und viele andere Auszeichnungen



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Zitat

"Ich bin bis heute ein Minimalist. Es war Bogart, der sagte, 'Wenn Du die richtigen Gedanken denkst, wird die Kamera sie aufnehmen.' Das Wichtigste im Gesicht sind die Augen, und wenn Du die Augen zum Reden bringst, hast Du schon die halbe Strecke geschafft."

("I've always been a minimalist. It was Bogart who once said, 'If you think the right thoughts, the camera will pick it up.' The most important thing in the face is the eyes, and if you can make the eyes talk, you're halfway there.")

Schauspieler Ian Holm ("Alien", "Der Herr der Ringe"-Filme; 12. September 1931 - 19. Juni 2020)

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