18.02.2018
Lustlosigkeit der Hauptfigur, Lustlosigkeit bei Woody Allen

Irrational Man


Pünktlich zu Woody Allens 80. Geburtstag kam Ende 2015 sein 46. Film in die deutschen Kinos. Nach dem großen Erfolg mit "Match Point" setzte der New Yorker Regisseur erneut auf einen Krimiplot. Der Film scheitert aber, wenngleich auf hohem Niveau. Versatzstücke früherer Filme bastelt der normalerweise geniale Filmemacher Allen in "Irrational Man" zusammen, wie die Liebe einer jungen Frau und eines intellektuellen, etwas älteren Mannes, oder die Frage nach Schuld und Sühne, die Untersuchung von Doppelmoral. Allen macht sich einen Jux draus, Philosophie als Grundlage für einen "moralisch korrekten" Mord, zumindest in der Denke seiner Film-Hauptfigur, zu verwenden. Die Philosophie arbeitet Allen, der Intellektuelle, hier nicht genügend aus, was dem Film schadet. Denn "Irrational Man" betrachtet nur Ansätze der Geistesarbeiten von Kant, Kierkegaard & Co. in Sachen Schuldigwerden, die Mordgeschichte ist sehr banal erzählt.

Der Name, den Allen für die Hauptfigur wählt, setzt sich zusammen aus Abe (Abraham) und Lucas, zwei Namen der Bibel, einem alt- und einem neutestamentarischen. Ist im Alten Testament davon die Rede, zurückzuhauen, sagt Christus im Neuen Testament, halte die andere Wange hin, wenn man dich auf die eine schlägt. Dieser extreme, archaische Kontrast fasziniert Woody Allen: Sein von Joaquin Phoenix gespielter Abe Lucas ist zu Beginn des Films am Ende. Phoenix stellt ihn als geprügelten Hund dar. Später wird Lucas selbst austeilen. Zunächst aber ist er alkoholabhängig, selbstmordgefährdet (er wird im Verlauf des Films mal an sich selbst demonstrieren, was russisches Roulette ist), ohne Motivation, ohne Sinn im Leben, was sogar für sexuelle Lustlosigkeit sorgt. Bald blüht Abe Lucas auf: Der Philosophie-Professor hat einen Lebenssinn gefunden. Einen Mord an einem fremden Richter begeht er, um einer fremden Frau zu helfen. Dann kann er auch wieder im Bett aktiv sein. Aus dem Mikrokosmos eines Uni-Campus interessieren sich gleich zwei Frauen für ihn, eine seiner ihn anhimmelnden Studentinnen, Jill Pollard (Emma Stone), und eine in ihrer Ehe frustrierte Kollegin, Rita Richards (Parker Posey). Die Stelle an der vor sich hin träumenden Elite-Universität in Rhode Island hat Lucas gerade erst angetreten, und sein Ruf als Frauenheld und genialer Professor eilt ihm voraus. Ersteres ist eingeschlafen (Impotenz durch Lebenskrise), zweites leidet ebenfalls unter seiner Lebenssinn-Verlorenheit. Bis Jill und Abe eines Tages zufällig hören, dass eine Frau sich über einen korrupten Richter beklagt, der ihr die Kinder nehmen will. Abe blüht schon vor dem Mord auf.

Philosophie als Basis für das Auf-sich-Laden von Schuld, diese Idee muss Woody Allen eines Tages gekommen sein, als er über einen neuen Krimiplot nachdachte – mit Mordgeschichten hatte er fast immer Erfolge feiern können, nicht nur in "Match Point", auch in dem älteren "Verbrechen und andere Kleinigkeiten". Den Mord begeht ein Philosophie-Professor, der in seinen Kursen ein Name- und Zitate-Dropping der Philosophen, die über Schuld und Sühne ihre Gedanken hegten, ausschüttet. Doch die Namen und Zitate sind vom Filmemacher oberflächlich dahingeworfen. Wie die Beziehungen, die Abe Lucas mit zwei Frauen eingeht, wie die Dialoge, die Allen für die Gespräche der Drei entwirft. Banal sind sie, nicht auf üblichem Allen-Niveau. Und nicht auf Elite-Uni-Niveau, sei hinzuzufügen.

Woody Allen, der Ende 2015 nun 80-Jährige, der als Regisseur seit den 1960ern jedes Jahr einen Film raushaut, mal top (seltener geworden), mal Flop (häufiger geworden), sei zu wünschen, dass er auch mal pausiert – und für einen richtig starken Film sich mehr als ein Jahr Zeit lässt, um ihn perfekter zu realisieren. Die Lustlosigkeit, die Abe Lucas umgibt, ist hier auch bei Woody Allen und seinem Interesse an der Verfilmung des Stoffes zu erkennen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Irrational Man (Irrational Man) 
 
USA 2015
Regie & Drehbuch: Woody Allen;
Darsteller: Joaquin Phoenix (Abe Lucas), Emma Stone (Jill Pollard), Jamie Blackley (Roy), Parker Posey (Rita Richards), Betsy Aidem (Jills Mutter), Ethan Phillips (Jills Vater), Robert Petkoff (Paul Richards), Tina Benko u.a.;
Produzenten: Letty Aronson, Stephen Tenenbaum, Edward Walson; Kamera: Darius Khondji; Schnitt: Alisa Lepselter;

Länge: 94,49 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros.; deutscher Kinostart: 12. November 2015



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"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

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