16.11.2011
Ein märchenhaftes Potpourri

Huhn mit Pflaumen


Huhn mit Pflaumen: Mathieu Amalric Huhn mit Pflaumen, das ist das Lieblingsgericht von Nasser (Mathieu Amalric); und der Verzehr dieses Gerichts ist gleichsam einer der ganz wenigen Momente, in denen der eher introvertierte wie defätistische und zutiefst melancholische Violinist von Weltrang dem Leben auch einmal einen positiven Kommentar abgewinnen kann. Es ist auch das letzte Geschütz, das Faringuisse (Maria de Medeiros) auffährt, um ihren Ehemann von seinem Entschluss, sterben zu wollen abzubringen. Die simple Tatsache, dass seine Violine bei einem handfesten Ehestreit zerstört worden ist, veranlasst ihn sich ins Bett zu legen mit dem einzigen Wunsch zu sterben, von dem ihn schlussendlich keiner abbringen kann. Soweit zum Ausgangspunkt der Geschichte.

In zahlreichen Rückblenden und Vorausschauen, ebenso in etlichen Nebenhandlungen und kleineren Nebenschauplätzen lässt Nasser sein bewegtes Leben noch einmal Revue passieren. Ein facetten- wie variantenreiches, im Wesentlichen unstetes Leben, das von einer in ihren Grundfesten unglücklichen Kindheit bis hin zu einer unmöglichen Liebe und einer schlussendlich zermürbenden Zweckehe reicht. Ein Lebensfresko, das die verschiedenen Zeitläufe beschreibt, wird mit viel Poesie entrollt. Wobei in diesem Fresko sämtliche Lebens- und Stimmungslagen anzitiert werden. Vorab ist zu sagen, dass der Film keineswegs eine bedrückende oder tiefenpsychologisch angelegte Nabelschau des viel zitierten leidenden Künstlers ist, der aus sich und seinem Weltschmerz bisweilen einen Mythos kreiert. Eher ist es ein durchaus abwechslungsreiches Changieren zwischen Tragik und Komik, und Momente der Traurigkeit werden von jenen der Heiterkeit oder des spontanen Witzes abgelöst.

Huhn mit Pflaumen: Isabella Rossellini Die Filmemacher Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud – beide kommen aus dem Bereich des Comic – sind bekannt geworden mit dem Animationsfilm "Persepolis", der 2007 für etlichen Furor gesorgt hatte, und für den die Filmemacher durchaus renommierte Auszeichnungen erhalten haben. Hier arbeitet das Regieduo wieder zusammen. Während Persepolis in toto ein Zeichentrickfilm ist, wagen die Regisseure in "Huhn mit Pflaumen" einen Stilmix zwischen "Live-Action Filming" einerseits und animierten Sequenzen andererseits. Man darf sagen, dass bei diesem Film zweifelsohne die Form vor den Inhalt geht, oder anders gesagt: viele filmästhetische Spielereien und Außergewöhnlichkeiten täuschen ein wenig über den seichten thematischen Grundton hinweg.

Der Film ist ein Märchen par excellence, was schon durch die warme wie sonore Erzählerstimme, die als voice-over über den ganzen Film gelegt ist, zu Beginn angekündigt wird. Und natürlich die Assoziation Persien und seine lange Tradition der Märchen, die sofort abgerufen wird. Nicht selten bewegen sich die Protagonisten, also die Realfiguren in einem animierten Rahmen, und ganze Sequenzen und Erzählabschnitte sind reine Animation, während wieder bei anderen jegliche Animation fehlt.

Huhn mit Pflaumen: Filmplakat Zuweilen werden einzelne Handlungsstränge unterbrochen und später wieder aufgenommen, so dass im Laufe des Films ein beträchtliches Arsenal verschiedener Charaktere zusammenkommt, die miteinander verwoben sind. Auf einer Zeitachse besehen befinden wir uns im Teheran der ausgehenden 1950er Jahre. Ein Teheran, das nicht nur dem Westen zugewandt ist, sondern jenen Sinn für die Moderne und die freie Kunst entwickelt hat und auch entsprechend lebt, den man heute so schmerzlich vermisst. Progressiv im besten Sinne des Wortes kann, nein muss man jenes Teheran bezeichnen. Von diesem Teheran springen Nasser und der Erzähler zurück in die 1930er Jahre, aber auch ins Amerika der 1990er Jahre etwa, wenn sie reichlich überspitzt und überspannt – im Stile einer Sitcom – die amerikanische Kultur aufs Korn nehmen, und möglichst alle verfügbaren Klischees durchdeklinieren. Immer wiederkehrende Metaphern und Symbole wie plötzlich erscheinender Rauch durchziehen den Film und verleihen ihm eine gewisse poetische Kraft. Das gleiche gilt für die Musik, die durchweg emotionalisierend zu ganz offensichtlich zu dramatischen, wie dramatisierenden Zwecken eingesetzt wird. Der Verdacht liegt nahe, dass die Filmemacher genau mit dieser Herangehensweise, die jedem reichlich aus dem Mainstreamkino bekannt sein dürfte, kokettieren. "Huhn mit Pflaumen" ist keineswegs allein auf der Ebene der filmästhetischen Mittel ein Stilmix; neben melodramatischen Elementen, Elementen popkultureller Erscheinung, tragikkomischen Elementen, findet man auch satirische Einsprengsel: ein Potpourri der Genres gleichsam, das viele Geschmäcker abdecken kann. Die überbordende Menge an Stilen, Ebenen, Symbolen und Verspieltheiten sind freilich wenig originell und muten insofern fast ein wenig anbiedernd an, nach dem Motto: Wir machen für jeden ein klein bisschen was, ohne eine erkennbare Linie deutlich werden zu lassen, um sich damit auch einer gewissen Kritik zu entledigen.

Mathieu Amalrics – schnauzbärtig gibt er den immer gleich aussehenden Nasser – Kapital sind unzweifelhaft seine Augen. Ihre Größe lassen uns darin Geschichte und Emotionen der verschiedenen Nuancen lesen, sie sind sein starkes Kommunikationsmittel, und nicht umsonst war es sein Auge, über das seine Filmfigur in Julian Schnabels "Schmetterling und Taucherglocke" ausschließlich mit der Außenwelt in Kontakt treten konnte. Abgesehen davon gibt er stilsicher den leicht zynischen Künstler. Chiara Mastroianni, Tochter von Fellini-Mime und Legende Marcello Mastroianni, betritt die Bühne als Beinahe-Femme-fatale, als draufgängerische auch undurchsichtige Tochter von Nasser, die sich physisch zugrunde richtet, ohne dabei aber an Würde zu verlieren. Großartig Mastroiannis Spiel. Die Rolle von Nassers Mutter hat Isabella Rossellini übernommen. Rossellini hat ein Faible für außergewöhnliche Produktionen und in ihrer kleinen Rolle als Mutter von Nasser ist für sie die Darstellung der bestimmenden Matriarchin eine Fingerübung.

"Huhn mit Pflaumen" ist betuliches Unterhaltungskino mit dem dazugehörigen Schuss Poesie.  

Sven Weidner / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Prokino

 
Filmdaten 
 
Huhn mit Pflaumen (Poulet aux prunes) 
 
Frankreich / Deutschland / Belgien 2011
Regie & Drehbuch: Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud basierend auf der gleichnamigen Graphic Novel von Marjane Satrapi;
Darsteller: Mathieu Amalric (Nasser-Ali), Edouard Baer (Azraël), Maria de Medeiros (Faringuisse), Golshifteh Farahani (Irâne), Eric Caravaca (Abdi), Chiara Mastroianni (Lili als Erwachsene), Mathis Bour (Cyrus), Enna Balland (Lili), Didier Flamand (der Musiklehrer), Serge Avédikian (Irânes Vater), Rona Hartner (Soudabeh) und als Gäste: Jamel Debbouze (Houshang / Der Bettler), Isabella Rossellini (Parvine) u.a.;
Produktion: Celluloid Dreams; Produzent: Hengameh Panahi; Kamera: Christophe Beaucarne; Musik: Olivier Bernet; Schnitt: Stéphane Roche;

Länge: 91,29 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Prokino Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 5. Januar 2012

Auszeichnungen / Nominierungen:
ein Film im Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele von Venedig 2011
Film Festival von Abu Dhabi 2011: Black Pearl Award für den Besten Spielfilm



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<16.11.2011>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe