26.03.2014

Grand Budapest Hotel


Grand Budapest Hotel Man fühlt sich entfernt an "Die fabelhafte Welt der Amélie" erinnert: So skurril sind die Typen, so überraschend die Handlung, so vielfältig die Ideen. Aber nur entfernt. Wes Andersons "Grand Budapest Hotel", mit dem die Filmfestspiele von Berlin 2014 eröffnet wurden, ist eine Mischung aus grotesker Komödie und Gangsterfilm. Der Film präsentiert eine unglaublich einfallsreiche Geschichte, die in fünf Kapitel auf drei Zeitebenen eingeteilt ist, und diese Geschichte wird – bis in die Nebenrollen – von einer lustvoll agierenden Starriege zum Leben erweckt.

In der Ruine des einst prächtigen Grand Budapest Hotel im Bergort Nebelsbach in der fiktiven Alpenrepublik Zubrowka erzählt der Besitzer Zéro Moustafa (F. Murray Abraham) einem Schriftsteller (Jude Law), wie er es vom kleinen Lobby-Boy zum Eigentümer des prächtigen Hotels gebracht hat. In den 1930er Jahren nahm ihn der Concierge Gustave H. (Ralph Fiennes) in seine Obhut. Als der Concierge von einer alten Dame, mit der er auch ein Verhältnis hatte (Madame D.: Tilda Swinton), ein fünf Millionen teures Gemälde erbt, zieht er damit den Zorn der Familie D. auf sich, die auch vor Mord nicht zurückschreckt. Gustave stiehlt das Bild bei der Testamentseröffnung, da er Angst hat, es sonst zu verlieren. Daran schließt sich eine abenteuerliche Verfolgungsjagd an, Höhepunkte sind ein Gefängnisausbruch und eine (an James Bond erinnernde) ungeheuer schnelle Abschussfahrt im Schnee (inklusive Sprungschanze). Es stellt sich zum Schluss heraus, dass laut letztem Willen der Madame D. im Falle ihres gewaltsamen Todes Hotel, Vermögen und Bild an Gustave vererbt werden. Während einer Bahnfahrt wird Gustave im Streit um angeblich ungültige Reisepapiere Zéros von Soldaten erschossen. Zéro führt das Hotel weiter. Im hohen Alter gesteht er nun dem Schriftsteller, dass er es nicht übers Herz bringt, das Prunkstück zu schließen.

Grand Budapest Hotel Es ist unmöglich, die immer wieder überraschenden Einfälle dieser schrägen, turbulenten Gangsterkomödie aufzuzählen. In einem bonbonbunten Dekor mit teils gemalten Kulissen – gedreht wurde u.a. in Görlitz und in Babelsberg – läuft die halsbrecherische Story ab, wobei jede Figur liebevoll originell charakterisiert wird, nicht zuletzt durch Kostüm und Frisur. An der Spitze des Ensembles steht Ralph Fiennes als Gustave, der sich durch ungemein elegante, girlandenartige Sätze hervortut – ihnen zu lauschen ist ein besonderer Genuss. Neben Zéro (als Lobby-Boy: Tony Revolori) ist er die einzige konstante Figur, der sich alle anderen in oft kurzen Episoden annähern. Gustave ist ein charmanter Frauentyp, selbstbewusst, ein bisschen arrogant, ironisch. Mit Zéro bildet er eine Art Lehrer-Schüler-Paar, das schnell die Sympathien der Zuschauer gewinnt.

Grand Budapest Hotel Komödienspezialist Wes Anderson ist mit 44 Jahren auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Den verdankt er in erster Linie seiner speziellen Handschrift: Es ist ein liebevoll verträumter, facettenreicher, abgedrehter, lakonischer Stil, der ihn auszeichnet. Davon zeugten u.a. schon "Rushmore" (1998), "Die Royal Tenenbaums" (2001) und "Moonrise Kingdom" (2012). In "Grand Budapest Hotel" gestaltet er durch die Verknüpfung verschiedener Zeitebenen eine nostalgische Reise in die Vergangenheit, nicht nur der europäischen Zeit-, sondern auch der Kinogeschichte. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gibt Anderson zu, dass sein Film ohne digitale Technologie so sicher nicht hätte gemacht werden können. Und er weist auf einen biographischen Bezug hin: "Als wir anfingen, das Drehbuch zu schreiben, spielte die Handlung in der Gegenwart. Sie spielte sogar in Frankreich und in England, wo wir uns zu dem Zeitpunkt aufhielten. Dann fielen mir die Bücher Stefan Zweigs in die Hände und ich begann sie zu verschlingen, weil ich eine Verbindung erkannte zwischen ihrem Inhalt und meinem eigenen Leben." So sind Motive aus Zweigs Erzählungen eingearbeitet worden. Herausgekommen ist ein cineastisches Meisterwerk, wie man es selten zu sehen bekommt.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Twentieth Century Fox

 
Filmdaten 
 
Grand Budapest Hotel (The Grand Budapest Hotel) 
 
GB / Deutschland 2013
Regie: Wes Anderson;
Darsteller: Ralph Fiennes (M. Gustave H.), Tony Revolori (Zéro Moustafa, jung), F. Murray Abraham (Zéro Moustafa, alt), Mathieu Amalric (Serge X.), Adrien Brody (Dmitri Desgoffe und Taxis), Willem Dafoe (J. G. Jopling), Jeff Goldblum (Deputy Vilmos Kovacs), Harvey Keitel (Ludwig), Jude Law (Schriftsteller, jung), Tom Wilkinson (Schriftsteller, alt), Bill Murray (M. Ivan), Edward Norton (Inspektor Albert Henckels), Saoirse Ronan (Agatha), Léa Seydoux (Clotilde), Tilda Swinton (Madame D.) u.a.;
Drehbuch: Wes Anderson, Hugo Guinness; Produzenten: Wes Anderson, Jeremy Dawson, Steven M. Rales, Scott Rudin; Kamera: Robert D. Yeoman; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Barney Pilling;

Länge: 100,37 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH; deutscher Kinostart: 6. März 2014



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<26.03.2014>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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