8. September 2000
Kein Zielpublikum - das einzige Experiment des Disneyfilms

Fantasia 2000


Im Jahre 1940 schuf Disney mit dem Zeichentrickfilm "Fantasia" ein Meisterwerk der Filmgeschichte. Abseits der für Disney typischen Zeichnungen und Geschichten über brabbelnde Enten und Mäuse kombinierte "Fantasia" episodenartig klassische Musik mit ungewöhnlichen Bildern, Farben und Formen. Mit "Fantasia 2000" erhält der Klassiker einen nicht ebenbürtigen Nachfolger.

Fantasia 2000: Filmplakat In der ersten von sieben Episoden machen abstrakte Dreiecke in zahlreichen Pastellfarbtönen den Auftakt. Zu den Klängen von Beethovens "Symphonie Nr.5" haben sich die Disney-Zeichner einen farbenfrohen Kampf zwischen geometrischen Formen wie Dreiecken und Trapezen ausgedacht. Helle gegen dunkle Formen, Gut gegen Böse – wer da gewinnt, steht schon im vorhinein fest. In der Episode "Pinien von Rom" (komponiert von Ottorino Respighi) sucht ein Babywal in den Tiefen der Meere und in den Höhen der Lüfte seine Eltern und erlebt so manche fantastische Abenteuer. Hier fehlt weder das Happy-End noch die gewohnt niedlichen Disney-Konturen. Überraschend und beeindruckend sind in dieser Episode die Computeranimationen, die ursprünglich für dreidimensionale IMAX-Leinwände kreiert worden sind. Auf der platten Leinwand lässt sich der 3D-Effekt leider nur erahnen. Die sieben Episoden in "Fantasia 2000" haben höchst unterschiedlichen Unterhaltungswert. Das Highlight des Zeichentrickfilms ist die kreative Geschichte über New York zur Zeit der Depression. Regisseur Eric Goldberg ließ sich von George Gershwins "Rhapsody in Blue" inspirieren und schuf verschiedene Figuren, deren Tagesabläufe sich bald überschneiden und sich schließlich in einem Jazz-Club vereinen, um den einstigen Beat der Metropole zu genießen. Goldberg, der auch für die Animationen in "Pocahontas" verantwortlich ist, zeichnete die Story im Stile des legendären Karikaturisten Al Hirschfeld. Mit strengen Linien und einer Farbpalette aus überwiegend Türkis, Grün und Pink ist die Hommage an Hirschfeld ebenso ein amüsantes und eigenwilliges Porträt von New York.

Trotz der mutigen Absicht der Disney-Zeichner, mit "Fantasia 2000" künstlerisch zu experimentieren, kommen sie doch nicht vorbei an bekannten Figuren wie Donald Duck (als Assistent bei der Besetzung der Arche Noah mit allen Tieren der Welt) und Micky Maus. Die Geschichte von Micky Maus als Zauberlehrling bildet wie bereits im Original das Kernstück des Films. Die Episode ist unverändert aus der alten Version übernommen worden – und ist zugleich der größte Schwachpunkt des Films. "Der Zauberlehrling" langweilt trotz seiner Kürze von etwa zehn Minuten. Die Zeichnungen in "Fantasia 2000" wirken trotz zahlreicher Computereffekte überwiegend etwas angestaubt. Mit Trickfilmen wie "Der König der Löwen" hat Disney schon andere Standards gesetzt. Als äußerst störend erweisen sich die regelmäßigen Auftritte von Hollywood-Stars zwischen den einzelnen Episoden. In Festtagskleidung stehen sie zwischen den Musikern des Chicago Symphonic Orchesters und des Londoner Philharmonic Orchesters (beide unter der Leitung von James Levine), um die nächste Episode anzukündigen. Was Steve Martin, Quincy Jones oder Bette Midler in diesem Zeichentrickfilm zu sagen haben, ist wirklich nicht von Belang. Das Experiment "Fantasia 2000" verlässt zu selten die gewohnten Pfade der Disney-Abenteuer und ist daher nur teilweise gelungen. Ein Happy-End fehlt ebenso wenig wie die immer wieder belehrende Aussage der einzelnen Geschichten. Trotzdem ist der Film auch nicht uneingeschränkt für Kinder geeignet, die in so manch abstrakteren Formen und Figuren, Schwierigkeiten mit dem Verständnis haben werden. "Fantasia 2000" ist ein Film ohne echtes Zielpublikum – in diesem Sinne ist der Film doch ein gewagtes Experiment.  

Bastian Heinsohn / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle des offiziellen Filmplakats: Verleih

 
Filmdaten 
 
Fantasia 2000   
 

USA 1999
Regie: Hendel Butoy, Pixote Hunt, Eric Goldberg, James Algar, Francis Glebas, Gaetan & Paul Brizzi, Don Hahn; Buch: Hans-Christian Andersen, Carl Fallberg, Irene Mecchi, Perce Pearce, David Reynolds; Länge: 75 Minuten



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

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