18. 5. 2006

Der Charme des deutschen Bürgertums, sehr diskret

Falscher Bekenner


Falscher BekennerEin Teenager langweilt sich. In seine Gedankenwelt fährt "Falscher Bekenner" ein wie in eine Geisterbahn der abstrus-morbiden Fantasien. Die Eltern haben schon alles erreicht. So verliert sich der Junge in seiner Ziellosigkeit im Konterkarieren bürgerlicher Ideale für sich selbst. Nach außen handzahm und den treudeutsch-bürgerlich Heranwachsenden mimend, narrt er sogar aus Spiellaune heraus die Polizei. Nicht das gefühlte Gelangweiltsein, aber die Seelenlosigkeit des 18-Jährigen überträgt sich auf den Film, der so an Zugkraft in seiner Intention verliert: das emotional Zombienöse oberflächlich strukturierten Familienalltags darzustellen.

Regisseur Christoph Hochhäusler gab und gibt immer noch mit anderen eine Filmzeitschrift heraus, Revolver Film. Es ist eines der intellektuelleren, leider weniger bekannten Medien in der Sparte. Eines Tages wurden er und seine Mitstreiter gefragt: Wäre es nicht vorstellbar, selber mal zu drehen? Das Vorbild französischer Filmjournalisten, die gewissermaßen die Seite wechselten, zum Beispiel François Truffaut, ist evident. Hochhäuslers Kollege Benjamin Heisenberg debütierte erfolgreich und exzellent mit "Schläfer"; einem Film, der nahezu zeitgleich mit "Falscher Bekenner" in die Kinos kam. Da war Christoph Hochhäusler schon zwei Jahre weiter: Er inszenierte "Milchwald", eine moderne Hänsel-und-Gretel-Adaption. Gedrungene Kommunikation zwischen Kindern und Eltern thematisierte er, die im Aussetzen von Kindern aus dem Auto durch die die Nerven verlierende Stiefmutter kulminiert. Ende der Diskussion - für die Mutter. Neue Form von Erfahrung des puren Existentialismus für die Kleinen.

Falscher BekennerIn "Falscher Bekenner" ist es wieder die mangelbehaftete Fähigkeit von Eltern und ihrem Kind, eine gemeinsame Verständnisbasis zu schaffen. Geredet wird hier schon - Banales, wo tiefgehende Gespräche erforderlich wären. Aber die Eltern haben ja davon keine Ahnung, dass es vonnöten sein könnte - wie sollten sie. Der 18-jährige Armin (Constantin von Jascheroff) gibt sich normal, wie verlangt. Im Innern brodelt es. Häufig zeigt der Film ihn am Rande einer Autobahn oder in sonstiger lebensferner Umgebung. Seine bizarre Gedankenwelt fühlt sich dort eher zu Hause als zu Hause, dem vorstädtischen Einfamilienhaus, dessen innere Ruhe, wie sie im Film gezeigt wird, nur zur Antihaltung führen kann. Aber nicht zum expressiven Rebellentum. Da verbleibt Armin offiziell im Zustand der Starre, während in seinem Gehirn der Wahn um sich greift. Die Autobahn hat es ihm also angetan - hier kann er, auf ihren kahlgefliesten Raststätten, sexuellen Begierden nachgehen wie sie es ihm die dort anzutreffende, in Lederkluft verbleibende Motorradgang vorlebt - und an ihm, dem Willigen, dem gelehrigen Schüler, auslebt. Die Autobahn hat es ihm angetan - hier kann er als Erster erfahren, was in der Zeitung stehen wird: Ein Autounfall mit einem einsamen Toten. Und hier kann er den Inhalt des Zeitungsartikels nach eigenem Gusto umgestalten: Er schreibt anonyme Briefe an die Polizei bezüglich des falschen Mordanschlags, er wird ein "Falscher Bekenner"...

Falscher Bekenner"Falscher Bekenner" wurde zum Filmfestival in Cannes 2005 eingeladen, wie auch "Schläfer"; wenn auch jeweils in einer Nebenreihe, aber immerhin. An "Falscher Bekenner" lobten die Journalisten den international wettbewerbsfähigen, anders gesagt, in seiner Art nicht deutsch wirkenden Inszenierstil. So hat es sich gelohnt, die Seite zu wechseln, vom Filmjournalisten mit hehren Zielvorstellungen, wie ein Film auszusehen hat, zum Praktiker, der es umsetzt. François Truffaut, Alain Resnais, Jean-Luc Godard lassen grüßen. Einer Nouvelle Vague des deutschen Arthouse-Films könnte damit Tür und Tor geöffnet sein. Mit "Falscher Bekenner" als einem der Vorreiter reicht es dafür letzten Endes nicht - das effektiv-genialische Moment fehlt diesem Film, stattdessen verliert er sich in den morbiden Tagträumen des Jungen, deren Wirrnisse er von den realen Ereignissen nicht sauber trennt. Dieses Ineinanderfließen hat Methode, verfehlt in der Unübersichtlichkeit aber seinen Sinn. Eine Vorreiterrolle kann der Film auch nicht spielen, weil er eine ähnliche Geschichte des im Schockstarre-Zustand verharrenden Familienalltags Wohlhabender mit der daraus resultierenden Rebellion eines Jünglings erzählt wie der einige Jahre früher datierte Film "Bungalow" (Regie: Ulrich Köhler; Deutschland 2002); und auch dort spielt Devid Striesow den älteren Bruder. Die knapp vollreife Hauptfigur in seinem apathischen Dahinwelken zum wandelnden Untoten zu sehen, bedeutet hier auch, den gesamten Film so zu sehen; davon kann sich "Falscher Bekenner" nicht befreien. Das eigentlich Lobenswerte an dem Film ist aber, dass Christoph Hochhäusler diesen dem Filminhalt wesensnahen Erzählstil überhaupt gewagt hat.  

Michael Dlugosch / Wertung:  * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Piffl Medien

 
Filmdaten 
 
Falscher Bekenner (Deutschland 2005) 
 
Regie: Christoph Hochhäusler ("Milchwald");
Darsteller: Constantin von Jascheroff, Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff, Nora von Waldstätten, Devid Striesow, Florian Panzner, Laura Tonke u.a.; Drehbuch: Christoph Hochhäusler; Produktion: Heimatfilm GmbH; Kamera: Bernhard Keller; Musik: Benedikt Wolfgang Schiefer; Länge: 94 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Piffl Medien



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<18. 5. 2006>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe