08.01.2019
Bananenrepublik USA

Fahrenheit 11/9


Fahrenheit 11/9: Michael Moore Ende 2016 wurde Donald Trump zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Eine Reaktion von Michael Moore, der in seinen Dokumentarfilmen gerne gegen die Republikaner stichelt, konnte da nicht ausbleiben. Gut so! Moores Filme zeigen Missstände auf, die vor allem von der Partei, für die sich Trump wie einst George W. Bush aufstellte, erzeugt werden. Wer jetzt denkt, Moores neuester Film handle nur von Trump, irrt sich. Der Filmemacher Moore teilt auch gegen die Demokraten aus. Eine Ausnahme ist Bernie Sanders, der gegen Hillary Clinton in den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidaten-Kür verlor; der Bernie Sanders, den Trump als "Kommunisten" beschimpft hatte. Ein "Titel", den auch Moore trägt, da ihm Republikaner das Aufzeigen von Missständen übelnehmen. Diese Missstände sind das große Problem von "Fahrenheit 11/9": Moore will alles gleichzeitig in den Film packen, was ihm gerade einfällt, und springt wahllos hin und her.

2004 kam der Film "Fahrenheit 9/11" in die Kinos. In dem Film, der bei den Filmfestspielen Cannes die Goldene Palme gewann, untersuchte Moore bissig die politischen Entwicklungen nach 9/11, nach dem 11. September 2001 in den USA unter George W. Bush. 2018 dreht Moore im Filmtitel die Ziffern einfach um: Es war der 9. November 2016, als Donald Trump die Wahl gewann. Überraschend – und doch hatte es Michael Moore vorausgesehen. Er kennt eben seine Pappenheimer: das Wahlvolk, das Trump den Slogan "Make America Great Again" abnimmt. Eine "heute-show" Ende 2018 zeigte einen US-Amerikaner, der sagte, Trump sei der "Erlöser". Ja, warum eigentlich nicht? Wenn man den Begriff im kapitalistischen Sinne wortwörtlich nimmt. Schon manchen Erlös hat Trump kassiert. Im Film bleibt leider weitestgehend ausgespart, wie Trump als Immobilienmakler vorging; ziemlich rassistisch, was das Vermieten an Schwarze betrifft – nämlich gar nicht. Dafür macht Michael Moore sich darüber lustig, wie der heutige weiße Mann im Weißen Haus seinen TV-Job verlor, und was Neues suchte. Er hatte die Idee, Präsident zu werden.

Fahrenheit 11/9: Donald Trump, Hillary Clinton Er biss sich durch. Trump attackierte mit Lügen die parteiinternen Gegner wie Jeb Bush. Das Volk glaubte ihm. Glaubte ihm auch, als er gegen Hillary Clinton antrat. Jetzt springt Moores Film, springt weg von Trump, hin zu Mrs. Clintons Unterstützern. Damit bietet der Film eine wirkliche Überraschung auf: Bernie Sanders war nicht so chancenlos, wie es im Nachhinein aussieht. Das demokratisch wählende Volk wollte ihn, die Oberen in der Demokratischen Partei wollten Clinton. Wer setzte sich durch? Wie so häufig, zu häufig in den USA, zeigt Moore, die Oberen. Und Moore springt, springt zu einem anderen Oberen: Rick Snyder, dem Gouverneur von Michigan. Ein Republikaner, ein Parteifreund Trumps. Ihn hat Moore besonders auf dem Kieker, der Film wird sich vor allem um die Machenschaften Snyders drehen. Denn Snyder drehte aus Gier den Bewohnern von Flint/Michigan, Moores Heimatstadt, das saubere Wasser ab, glaubt man Moores Film. Bleihaltiges, damit giftiges Wasser floss nun als Trinkwasser aus den Hähnen. Von Venezuelas derzeitigem Staatspräsidenten Nicolas Maduro wird gesagt, er sei nur an der Spitze seines Landes, um kräftig abzukassieren. Diesen Vergleich zieht Moore nicht, aber es ist evident, dass der Regisseur an solche Leute wie Maduro denkt, wenn er Snyders Machenschaften offenlegt: Moore zeigt ein erschütterndes Bild seines Landes, das kein Dritte-Welt-Staat ist, und doch kann man von der Bananenrepublik USA sprechen. Was das Wasser für Flint angeht: Sogar Flint-Besucher Barack Obama kriegt im Moore-Film sein Fett weg.

Fahrenheit 11/9: Das Empire State Building mit einem Porträt des neuen Präsidenten Donald Trump Der Filmemacher springt weiter, springt zur Hoffnung Amerikas, zu jungen Leuten, die nach einem Amoklauf für die Eingrenzung des freien Waffenkaufs kämpfen. Und springt weiter zu Hitler (böse, zu böse, viel zu drastisch: Hitler bei einer Rede im Bild, dazu der Originalton einer Trump-Rede), und Moore springt und springt, weil er alles in den Film integrieren möchte, was in seinem Anliegen ist. Haben andere Filme keine Struktur und zu wenig Inhalt, hat "Fahrenheit 11/9" dessen zu viel und eine beinahe unübersichtliche Struktur. Aber man kann Moore trotzdem dankbar dafür sein, den Film gedreht zu haben. Er kämpft in den USA noch für das Gute. Allerdings gilt: Wie Spike Lees ähnlich kritisch-satirischer Spielfilm "BlacKkKlansman" wird auch der Dokumentarfilm "Fahrenheit 11/9" nur ein begrenztes Publikum ansprechen, das linksliberale Bürgermilieu. Die anderen US-Amerikaner nicht, für die Trump der Erlöser ist.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Midwestern Films LLC

 
Filmdaten 
 
Fahrenheit 11/9 (Fahrenheit 11/9) 
 
USA 2018
Regie & Drehbuch: Michael Moore;
Produzenten: Carl Deal, Michael Moore, Meghan O'Hara; Kamera: Luke Geissbuhler, Jayme Roy; Schnitt: Doug Abel, Pablo Proenza;

Länge: 128,13 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Weltkino Filmverleih GmbH; deutscher Kinostart: 17. Januar 2019



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Zitat

"Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land. ... Zumal Artur Brauner dies [das Produzieren von Filmen über den Holocaust; Red.] schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Tode des legendären Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner (1. August 1918 - 7. Juli 2019)

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