13.02.2015
Berlinale-Hauptreihenfilm außer Konkurrenz

Elser
- Er hätte die Welt verändert


Knapp daneben ist auch vorbei. Das gilt nicht nur für das Bombenattentat, das der Titelheld auf Hitler verübt, sondern Oliver Hirschbiegels Prestige heischendes Biopic. Dem voran steht schon ein Zitat, das die heimatehrende Tendenz ankündigt: "Kein schöner Land in dieser Zeit, als hier das uns're weit und breit, wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit..." Deutschtümelei und Heroismus vermitteln ein enttäuschend simplifiziertes Bild des Widerstandskämpfers Georg Elser, dessen Person lediglich als dramaturgisches Mittel zum Aufpolieren des Nationalstolzes dient.

Elser - Er hätte die Welt verändert Besonders ärgerlich ist diese Instrumentalisierung, da der nach seinem gescheiterten Anschlag ins KZ verschleppte und dort kurz vor Kriegsende ermordete Elser eine filmische Würdigung mehr als verdient; Hirschbiegels ideologisiertes Monument verdient er nicht. Darin setzt der Regisseur, der sich dem Thema Nationalsozialismus bereits in "Der Untergang" widmete, ein fragwürdiges Ideal vermeintlich urdeutscher Wesenheit und bedient fast jedes Klischee vom schlichten, aber ehrbaren Patrioten. Elser, so wie Hirschbiegel ihn charakterisiert, könnte ebenso gut Held eines ganz anders gearteten Propagandafilms sein. Dass die Vaterlandsliebe jede zwischenmenschliche Liebe übertrifft, der einzelne für sein Land in den Tod geht und Gewalt legitimes Mittel zum Durchsetzen eigener Ziele ist, all dies waren auch Grundsätze der Nazis. Die erscheinen auf der Leinwand einmal mehr wie eine finstere fremde Macht, die in den schönen Land eindringt und irgendein ach so grundgutes Deutsches in den Menschen verwandelt. Die Faschisten wirken wie eine mit den Superwaffen "Investition" und "Versprechungen" bewaffnete außerirdische Macht, die plötzlich fast alle unter Alien-Kontrolle hat. Wie in "Invasion of the Body Snatchers", den Hirschbiegel 2007 verfilmte. Der Hauptcharakter (Christian Friedel) ist in seiner dörflichen Heimat bald einer der letzten echten, wahren Deutschen, die keine Space Nazis sind, sondern aufrechte Bürger oder zumindest einer. Der nimmt auch den Tod Unbeteiligter in Kauf, wenn es dem Wohl des Staates dient. Vigilantism wins!

Elser - Er hätte die Welt verändert Wenn er nicht heimlich an seinem Hitler-Hochjage-Plan tüftelt, ist Elser ein toller Hecht, der im gleichnamigen Wirtshaus beim Tanzvergnügen die Ehefrau (Katharina Schüttler) seines späteren Vermieters Erich (Rüdiger Klink) abschleppt. Damit selbst der Konservativste im Kinopublikum darin keinen Fehl sieht, ist Elsas Mann ein Säufer und die Ehe sowieso ruiniert. Dass Elser Elsas Hausfreund wurde, findet Produzent Boris Ausserer viel spannender als mögliche Ängste oder Zweifel der Hauptfigur: "Oft wird einem Film noch eine überflüssige Liebesgeschichte aufgepfropft, die es gar nicht gab." Aber Elser ist echt und echte Helden haben heiße Affären, keine Ängste! Wenn er Elsa schließlich sitzen lässt, folgt Elser dem Ruf der Pflicht. Die Filmemacher sahen hier augenscheinlich einen tiefschürfenden Konflikt, der Zuschauer sieht lediglich ein eindimensionales Heldenbild. Psychologische Glaubwürdigkeit wird ausgebügelt, als wäre Menschlichkeit per se ein Makel. Stattdessen wird die historische Figur zum Sprachrohr politischer Parolen: "Man muss was machen. Und zwar bald und radikal!" Draufhauen! Jetzt! Radikal! Bei solch diffuser Stimmungsmache soll der Zuschauer begeistert die Faust schwingen. Dass die Nazis auch hier ganz ähnliche Sprüche auf Lager hatten und haben, kümmert Hirschbiegel offenbar nicht.

Die patriotischen Ansprüche, die seine publikumsfixierte Inszenierung formuliert, fühlen sich ähnlich verstaubt an wie der zähe Erzählton. Mitläufertum erscheint dann verwerflich, wenn man dem Falschen folgt, dem, der im örtlichen Souvenir-Shop die Aschenbecher mit SS-Emblem zu verantworten hat. Als sogar auf Kuhglocken das Nazi-Emblem prangt, ist Elser endgültig klar, was die Stunde geschlagen hat und für wen sie schlagen muss. Von wegen, Bomben bringen keinen Frieden; ist alles eine Frage des Timings. Aber wenn sich nicht mal der Führer höchstpersönlich an die Tugend der Pünktlichkeit hält...  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Lucky Bird Pictures / Bernd Schuller

 
Filmdaten 
 
Elser - Er hätte die Welt verändert  
 
Titel für den englischsprachigen Markt: 13 Minutes

Alternativtitel: Elser (Berlinale 2015)

Deutschland 2015
Regie: Oliver Hirschbiegel;
Darsteller: Christian Friedel (Georg Elser), Katharina Schüttler (Elsa), Burghart Klaußner (Arthur Nebe), Johann von Bülow (Heinrich Müller), Felix Eitner (Hans Eberle), David Zimmerschied (Josef Schurr), Rüdiger Klink (Erich), Simon Licht (SS-Obergruppenführer), Cornelia Köndgen (Maria Elser), Lissy Pernthaler (Protokollführerin) u.a.;
Drehbuch: Fred Breinersdorfer, Léonie-Claire Breinersdorfer; Produktion: Lucky Bird Pictures; Produzenten: Boris Ausserer, Oliver Schündler, Fred Breinersdorfer; Kamera: Judith Kaufmann; Musik: David Holmes; Schnitt: Alexander Dittner;

Länge: 113,44 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von NFP; deutscher Kinostart: 9. April 2015

Ein Film in der Hauptreihe der 65. Berlinale 2015 außer Konkurrenz



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Der Film im Online-Katalog der Berlinale
<13.02.2015>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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