09.01.2003

"Wir sind Büßerinnen, wir müssen leiden. Schon vergessen?"

Die unbarmherzigen Schwestern

Peter Mullans "Die unbarmherzigen Schwestern" hat den Goldenen Löwen der Filmfestspiele Venedig 2002 gewonnen. Prämiert wurde ein Film über subtile Macht und Ohnmacht am Beispiel des katholischen Irland Mitte der 1960 Jahre.

Die unbarmherzigen SchwesternMargret (Anne-Marie Duff) wird auf einer Hochzeitsfeier von ihrem Cousin vergewaltigt, Patricia (Dorothy Duffy) bringt ein uneheliches Kind zur Welt, Bernadette (Nora-Jane Noone) kokettiert mit ihrem Aussehen. Die Mädchen werden von ihren Ehrziehungsberechtigten abgestoßen in eines der Magdalenen-Heime, katholische Arbeitslager. Kontakt zur Außenwelt und sogar untereinander ist verboten. Sie arbeiten unendgeltlich in der Wäscherei eines Klosters, "um ihre Seelen reinzuwaschen und Rettung vor der Verdammnis zu erlangen", wie ihnen die Nonnen täglich einhämmern, auch mit roher physischer Gewalt. Dort leben auch Crispina (Eileen Walsh), ein schlichter Geist, Mutter eines Sohnes und Una, vom Vater geschlagen und als "Hure und Schlampe" gedemütigt. Crispina wird von einem Priester im Kloster missbraucht, den sie einmal öffentlich anklagt: "Sie sind kein Mann Gottes." Sie endet in der Irrenanstalt, wo sie an Magersucht stirbt. Una tritt nach einem Fluchtversuch ins Kloster ein. "Seht ihr Opfer und ihre Wandlung", kommentieren die Schwestern.

Die jungen Frauen werden ihres freien Willens, ihrer Selbsteinschätzung, ihrer Identität beraubt. Alle fühlen sich bald schuldig. Nur Bernadette ist von dem Unrecht - "Was haben wir denn getan?" - überzeugt und verliert nie ihr trotziges Gemüt, sie "will nicht enden, wie eine von denen" und versucht sich selbst zu retten, als Einzige. Sie hat die Alternative einer vermeintlich schützenden Familienidylle als Waise ohnehin nie erfahren. Ein Fluchtversuch scheitert an dem Wäscherei-Jungen Brandon, der sie kurz vor dem Ziel im Stich lässt. Margret findet einen zufälligen Weg aus dem Kloster und geht aus Angst vor der Außenwelt unbemerkt zurück zu ihren Peinigern. Nach vier Jahren wird sie unerwartet von ihrem jüngerer Bruder abgeholt aus deren bigotten Klauen: "Ist es zu fassen, dass es so einfach ist?"

Die unbarmherzigen Schwestern Diese Szenen machen wütend auf die Ohnmacht der jungen intelligenten Frauen, die Unfähigkeit der Opfer zu handeln. Sie könnten sich in ihrer Not solidarisieren gegen die zahlenmäßig und körperlich unterlegenen Schwestern. Das Gegenteil passiert. Für die als Sünderin Stigmatisierten stellt ein Ausbruch keinen Ausweg dar. Man bringt ihnen bei, dass sie schuldig geworden sind, und dass sie dumm sind. Von der Gesellschaft verbannt, glauben sie irgendwann, was man ihnen oft genug einprügelt. Ein seltenes Aufbegehren einer Einzelnen wird von den Anderen nur mit stummen Blicken regungslos wahrgenommen.

Unvermeidbar bleiben Assoziationen der Bilder mit Konzentrationslagern, z.B. als alle Mädchen nackt vor den Nonnen stehen, die ihre kranken Spielchen mit ihnen treiben. "Ei, wer hat die größten Brüste von euch?" Das Quälen beschert den Schwestern Lust, trotzdem werden sie auch als Opfer gezeigt, längst des freien Geistes entwöhnt und Teil der Maschinerie, in der man nach oben buckelt und nach unten knüppelt.

Wie zufällig wird die Erfindung der Waschmaschine, feierlich geweiht, in die Handlung eingestreut. Von da an löst sich ein Knoten, die Klosterfolter nimmt einen neuen Rhythmus als fehle ihr die Legitimation. Oft sieht man die Vorsteherin Bridget (Geraldine McEwan) die Einnahmen lächelnd zählen. "Einer der rentabelsten Geschäftsleute ganz Dublins" spendiert dem Heim eine Filmvorführung.

Patricia und Bernadette schließlich gelingt es davon zu laufen, sie schlagen Randale und erhalten von Schwester Bridget selbst den Schlüssel zum Ausgang - im Tauschgeschäft mit dem Schlüssel zur Geldkassette. Aus Profitgier lässt sie die Schutzbefohlenen laufen. Patricia und Bernadette nehmen keine Rache und keine der anderen Mädchen nutzt die Gelegenheit ihnen zu folgen. In Freiheit freut sich Bernadette über eine Lehrstelle, denn "die können einem nichts tun, wenn man ehrbar ist."

Die unbarmherzigen Schwestern Die Leistung der Schauspielerinnen ist großartig. Leise schafft es der Film, an persönlichen Schicksalen das Allgemeine aufzuzeigen; das ist das Herausragende. Natürlich ist er politisch und lupft das Deckmäntelchen der katholischen Kirche, die per Schuld und Sühne nicht nur billige Arbeitskräfte rekrutiert. Mullan ruft auf zur Überwindung stillschweigender Gewalt und ihrer ideologischen Rechtfertigung. Die Anklage gilt der Gesellschaft, ihrer Feigheit "im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes"; einer Gesellschaft, die ihre eigenen Widersprüche durch soziale Gewalt und Ausgrenzung zu leugnen versucht. Mullan zeigt sie vor allem verlogen, scheinheilig und ohne Rückgrat und damit brutal; von rigiden paranoiden Moralvorstellungen und deren absoluter Macht getrieben.

Der aus Angst gespeiste Katholizismus steht exemplarisch, die Botschaft des Films: Jeder ist für sein Handeln verantwortlich. Mullan hält ein Plädoyer dafür, sich seines Verstandes zu bedienen. Er geht weiter: Wer das nicht tut, wird selbst böse - wie die alten Schwestern (die einst an Stelle der Margarets, Unas und der anderen waren) oder die Familien der Mädchen. Jeder selbst setzt die Maßstäbe nach denen er handelt und muss sich selbst gegenüber Rechenschaft ablegen. Für Mullan wird schuldig, wer sich nicht wehrt. Einem (maroden) Machtapparat kann man sich widersetzen, wie er an Margrets Bruder -"Ich musste erst älter werden" - oder dem Ausbruch zweier Mädchen, die an sich glauben, zeigt.

Magdalenen-Heime hat es in Irland bis 1996 gegeben, über 30.000 Frauen waren dort. So zu lesen als Schlusswort Mullans auf der Leinwand.  

Vera Schankath / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: Concorde Filmverleih


Filmdaten

Die unbarmherzigen Schwestern
(The Magdalene Sisters)

Gb / Irland 2002
Regie und Drehbuch: Peter Mullan ("Orphans"; Schauspieler in "My Name is Joe" und "Das Reich und die Herrlichkeit")
Darsteller: Geraldine McEwan (Schwester Bridget), Anne-Marie Duff (Margaret Maguire), Dorothy Duffy (Patricia / Rose), Eileen Walsh (Crispina), Nora-Jane Noone (Bernadette), Daniel Costello (Father Fitzroy), Mary Murray (Una) u.a.; Produktion: Frances Higson; Co-Produzent: Alan J. (Willy) Wands; Line Producer: Paddy Higson; Ausführende Produzenten: Ed Guiney und Paul Trijbits; Kamera: Nigel Willoughby; Produktionsdesign: Mark Leese; Schnitt: Colin Monie; Originalmusik: Craig Armstrong; Länge: 119 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Concorde Filmverleih
Länge: 119 Minuten



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"Ich mag es nicht, meine eigenen Filme zu sehen - in meinen eigenen Filmen schlafe ich ein."

("I don't like to watch my own movies - I fall asleep in my own movies.")

Schauspieler Robert De Niro, 73. Geburtstag am 17. August 2016

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