21.05.2015

Die Karte meiner Träume


Die außergewöhnliche Familie Spivet lebt auf einer abgelegenen Ranch in Montana: Vater Tecumseh Elijah (Callum Keith Rennie) ist Farmer und begeisterter Cowboy. Mutter Clair (Helena Bonham Carter) ist Wissenschaftlerin mit Doktortitel, die sich mehr für ihre Käfersammlung als für die Landwirtschaft interessiert. Im Haushalt ist sie so ungeschickt, dass sie regelmäßig die Toaster durchbrennen lässt. Tochter Gracie (Niamh Wilson) steckt in der Pubertät und möchte gern "Miss America" werden. Layton und T.S. sind Zwillinge, zwölf Jahre alt. Layton (Jacob Davies) kommt auf den Vater raus, ist schon ein kleiner Cowboy. Er hat die "Muckis", sein Bruder dagegen hat den "Grips": T. S. Spivet (Kyle Catlett) ist ein Wunderkind, ein kleiner Einstein, der ständig naturwissenschaftliche Experimente durchführt, Modelle baut und Diagramme zeichnet. Als Layton bei einem dieser Versuche mit einem Gewehr unglücklicherweise stirbt, macht sich sein Bruder Vorwürfe, die den ganzen Film durchziehen werden. Jetzt hat er ein Perpetuum mobile erfunden und damit den prestigeträchtigen Baird-Preis des berühmten Smithsonian Instituts in Washington gewonnen. Dessen Leiterin G.H. Jibsen (Judy Davis) will den Sieger natürlich zur Preisverleihung einladen, ahnt aber nicht, dass es sich um einen kleinen Jungen handelt. Ohne seine Eltern zu informieren, weil er sich insbesondere von seinem Vater nicht richtig verstanden fühlt, macht sich T.S. mit seinem schweren Kinderkoffer voller wissenschaftlicher Geräte auf die weite Reise nach Washington, erst als blinder Passagier auf einem Frachtzug und dann als Anhalter in einem Truck.

Die Handschrift des Regisseurs Jean-Pierre Jeunet (Jahrgang 1953), von dem der weltbekannte Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" (2001) stammt, erkennt man sofort. Auch "Die Karte meiner Träume" ist in magische Farben getaucht, und immer wieder geschieht "Zauberhaftes", "Surrealistisches": Ein Hund kann sprechen, der tote Zwillingsbruder erscheint plötzlich auf dem Eisenbahnwaggon und unterhält sich mit T.S., wir blicken in die Hirnrinde Gracies und sehen eine Runde von mehreren Gracies, die über die Absichten des Bruders diskutieren. Vor allem aber tauchen auf der Leinwand immer wieder kleinere Filmbilder, Skizzen und Diagramme auf, die die Handlung ergänzen und untermalen. Die faszinierten schon in der Vorlage des Films, dem ungewöhnlich schön gestalteten Buch von Reif Larsen (2009). Angeblich sind sie vom jungen Wissenschaftler T.S. selbst geschaffen worden. Durch seine Zeichnungen und durch seine Stimme aus dem Off gelingt es den Zuschauern, sich noch tiefer in die Gedankenwelt des kleinen Helden zu versetzen.

Die Handlung zerfällt in drei Teile. Wir erleben zunächst die Situation der Familie. Im Mittelpunkt des Films steht dann die lange und abenteuerliche Reise von Montana nach Washington, untermalt von typischer romantischer "Westernmusik", deren Rhythmus dem der rollenden Räder entspricht. Schließlich spielt der dritte Teil in Washington: die Preisverleihung. Der Film zeigt berauschende Bilder von der Fahrt: breite Ebenen, Stadtsilhouetten, riesige Güterbahnhöfe, Sonnenuntergänge hinter Wassertürmen, eine alte Schiffsschleuse, Begegnung mit einem Landstreicher am heimlichen Feuerchen auf einem anderen Güterzug.

Sympathieträger ist eindeutig der kleine T.S. Spivet, der durch Kyle Catlett erstaunlich natürlich und reif dargestellt wird. Man fiebert mit, wenn er in Schwierigkeiten gerät, fast entdeckt wird (in einem auf dem Zug transportierten Campingwagen rettet er sich, indem in einer lebensgroßen Gruppe von Pappfiguren einfach ein Familienmitglied "mimt") oder sich mit einem Polizeibeamten eine Verfolgungsjagd liefert. Er nutzt seine Preisrede, um seine Schuldgefühle wegen des Todes seines Bruders mitzuteilen. Helena Bonham Carter ("The King's Speech") spielt die etwas verpeilte Mutter, Callum Keith Rennie den wortkargen Vater, beide verstehen sich trotz ihrer Unterschiede und Streitigkeiten ("Wie sich meine Eltern je ineinander verlieben konnten, ist ein Rätsel") offenbar doch gut und sorgen durch ihr radikales Verhalten im Fernsehstudio, wo der Junge in einer Talkshow vorgeführt wird, für eine deutliche Kritik an der kommerziellen Oberflächlichkeit der amerikanischen Medien. Der Vater versetzt dem öligen Talkmaster einen Kinnhaken, die Familie rettet das kleine Genie aus der Maschinerie der auf Hype gepolten TV-Welt. Am Ende ist die Mutter wieder schwanger, im Happy End zeigt sich, dass in dieser Familie trotz aller Charakterunterschiede doch Harmonie herrscht.

Fazit: Ein ganz ungewöhnlicher Film, ein Roadmovie (übrigens auch in 3D!), das eine fantastische, "fabelhafte" Welt zeigt, in der alles möglich erscheint, und das zugleich eine Hommage ist: an die Imagination und an den menschlichen Forschergeist.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Die Karte meiner Träume (The Young and Prodigious T.S. Spivet) 
 
Frankreich / Kanada 2013
Regie: Jean-Pierre Jeunet;
Darsteller: Kyle Catlett (T.S. Spivet), Helena Bonham Carter (Dr. Clair), Judy Davis (G.H. Jibsen), Callum Keith Rennie (Vater), Niamh Wilson (Gracie), Jakob Davies (Layton), Rick Mercer (Roy), Dominique Pinon u.a.;
Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant nach dem Roman von Reif Larsen; Produzenten: Frédéric Brillion, Gilles Legrand; Kamera: Thomas Hardmeier; Musik: Denis Sanacore; Schnitt: Hervé Schneid;

Länge: 105,12 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der DCM Film Distribution GmbH; deutscher Kinostart: 10. Juli 2014



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<21.05.2015>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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