4. August 2005
Lämmer, die nicht schweigen werden

Die Insel (2005)


FilmszeneHollywood-Action mit Anspruch, gar mit ernsten Botschaften - es passt nicht zusammen. Regisseur Michael Bay müht sich immerhin redlich, das alte Vorurteil zu widerlegen. Er schickt Ewan McGregor und Scarlett Johansson in eine Zukunft, in der menschliche Klone bereits existieren, während aktuell vor ihrer Produktion gewarnt wird, existieren zu Gunsten anderer Menschen, als Ersatzteillager. Optisch sehr sehenswert, die Story aber ausbaufähig, wagt sich Bay mit "Die Insel" stilistisch kraftlos nur auf schon von Werken wie "Gattaca" und "Fahrenheit 451" vorgegangene Wege.

Es kommt fürs Erste nur in Science-Fiction-Thrillern vor. Das Bild bleibt aber haften, denn so könnte eine Geburt in der Zukunft aussehen. Der Mensch, kahl wie ein Baby, aber mit erwachsenem Körper, wird in einer künstlichen Gebärmutter herangezüchtet. Und bleibt dort, bis man ihn braucht. In "Matrix" sollte der Mensch gleich sein Leben lang in ihr bleiben, als Energieproduzent. In "Die Insel" wird er aus ihr herausgeschnitten. Gebraucht wird er demnächst. Als natürliches Ersatzteillager. Das Bewusstsein dieses Klons existiert. Und wird manipuliert. Klein gehalten.

FilmszeneNicht klein genug. Lincoln Six Echo (Ewan McGregor) hätte die "Entbindung" eines Artgenossen nicht sehen dürfen. Gar nicht verstehen können. Er staunt. Erstaunt versucht er zu verstehen. Zu verstehen, warum er kurz zuvor genauso die Ermordung einer Artgenossin erleben musste. Er hat Gefühle. Neugierde legt er an den Tag. Und die Empfindung: Diesem Schwindel muss er entkommen. Eigentlich, so hat man es ihm erläutert, so hat er es gelebt, ist er einer von wenigen geretteten Menschen nach der Apokalypse. Der Erdboden ist verseucht. Also gilt es, unter Tage zu existieren. Der Tagesablauf ist vorgeschrieben. Sogar die Kleidung. Ein Ziel haben die glücklich Überlebenden: Eine tägliche Lotterie ermittelt einen noch glücklicheren Gewinner. Er darf auf die Insel. Ein Eiland, das von der Katastrophe verschont blieb. Lincoln kapiert: Es gibt keine Insel.

Die Klone in "Die Insel" sind auf den ersten Blick normale Erwachsene. So wie der Leiter jener klinisch sauberen Welt unter der Erde, Merrick (Sean Bean). Aber Merrick ist ein echter Mensch. Er züchtet die Klone, die von diesem Unterschied keine Ahnung haben, mit Bewusstsein, beschränkt aber ihr Bewusstsein. Durch Manipulation. Er lässt sie von der Insel träumen. Es gibt keine Insel in dem Sinne. Die Ermordung wartet. Merrick hat auch ihre Gefühle manipuliert. Keine Neugierde. Keine Sexualität. Denkt er. Merrick irrt. Lincoln wird ihn eines Besseren belehren. Lincoln flieht und nimmt seine beste Freundin mit. Warum sie? Gefühle ohne Sexualität. Fürs Erste. Jordan Two Delta (Scarlett Johansson) hätte als Nächste die Lotterie gewonnen.

FilmszeneStattdessen sind beide, gleichzeitig gejagt von Söldnern, auf dem Weg in ein futuristisches Los Angeles. Eine Welt, die sie mit dem Wissen "von 15-Jährigen" erst begreifen müssen. Auf der Suche nach den "echten" Lincolns und Jordans. Kranke Menschen. Und, zumindest im Fall von Lincoln Six-Echos Alter ego, Tom Lincoln, selbstverliebte Menschen. Tom hilft den beiden Flüchtigen nur vorgeblich, er braucht seinen Klon hirntot. Aber Lincoln Six-Echos Gehirn funktioniert blendend. So wie seine Nächstenliebe, bald auch körperlich. Klone sind die besseren Menschen, scheint's.

FilmszeneWar Scarlett Johansson schuld? Die Produzenten suchten Erklärungen für den finanziellen Flop und die negativen Kritiken für "Die Insel". Die 20-jährige Johansson spielt nach ihrem fulminanten Auftritt in "Lost in Translation" hier gelangweilt. Steril wirkt sie, was aber passen würde, soll sie doch einen Klon darstellen, der in einer kalt und emotionslos gehaltenen Welt aufwuchs. An der Nachwuchsdarstellerin liegt es, aber an ihr lange nicht allein. Die Idee für den Film ist hervorragend und dazu hochaktuell, Mühe wurde bis in Details hinein gemacht, an der Mixtur aus Anspruch und ihn sukzessive ersetzender Action sorgfältig gefeilt. Das Problem ist: Der Film tritt in Fußstapfen anderer. Und hinterlässt so keine eigenen. Alles schon mal gesehen. Das Leben als Schwindel, speziell: "Matrix", "Die Truman Show". Geordnetes, sterilisiertes Dasein, speziell: "Gattaca". Ausbrechen aus der faschistoiden Welt, speziell: "1984", "Fahrenheit 451". Ein per Telepropter zu seinem von ihm so geliebten Volk sprechender Gott-gleicher Präsident, speziell: "Equilibrium". Wenn die Übernahmen schon sein müssen, so gilt es, weitere Fehler zu vermeiden. Die gibt es aber, und sie wiegen schwer: Abrupt wird der Chef der Söldner-Truppe (Djimon Hounsou) seine Haltung zu den Klonen über den Haufen werfen und an ihrer Seite stehen; zuvor waren seine Leute über Leichen, und nicht nur die der Klone gegangen. Der Film endet mit einem überschwänglich pathetischen Kracher der großen Befreiung aller noch unaufgeklärten Klone. Bis dahin ist der Film zu lang geraten. Regisseur Michael Bay hatte spürbar ein Filmgeschichte schreibendes Epos im Sinn.

Und doch hat Bay manches erreicht: Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt der Film, indem Lincoln Six-Echo sie stellt. Beantwortet wird sie: im empathischen Einsatz für andere. Und dies ist, vom Filmschluss abgesehen, nicht zu pathetisch geraten. Einsatz für das Leben, nicht fürs Klonen. Der Chef des Unternehmens, der die Klone produziert und missbraucht, am Ende in Gaskammern schicken will, ist als exakter Antipode zu Lincoln nicht übertrieben gezeichnet - angesichts der Chefs der heutigen Börsen-notierten Unternehmen und ihrem finanzbestimmten Ethik-Bewusstsein. Klone, die gefühlvolleren Menschen? Klone, die es nicht geben würde, würde die Intention des Films nur die allgemeingültigen Maßstäbe setzen, weil vor deren Herstellung Bay sehr überzeugend warnt. Agnaten werden sie im Film bezeichnet; der lateinische Begriff Agnat kann mit "der Nachgeborene" übersetzt werden. Ein weiteres lateinisches Wort schwingt darin mit: Agnus. Doch diese Lämmer werden nicht schweigen.  

Michael Dlugosch / Wertung:  * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Die Insel (The Island) 
 

USA 2005
Regie: Michael Bay;
Darsteller: Ewan McGregor (Lincoln Six Echo / Tom Lincoln), Scarlett Johansson (Jordan Two Delta / Sarah Jordan), Djimon Hounsou ("In America"; Albert Laurent), Sean Bean (Merrick), Steve Buscemi (McCord), Michael Clarke Duncan (Starkweather), Ethan Phillips (Jones Three Echo), Brian Stepanek (Gandu Three Alpha), Siobhan Flynn (Lima One Alpha), Max Baker (Carnes), Troy Blendell, Jamie McBride, Kevin McCorkle, Gary Nickens, Kathleen Rose Perkins, Richard Whiten (letzte sieben Darsteller: Laurents Team) u.a.; Drehbuch: Caspian Tredwell-Owen, Alex Kurtzman, Roberto Orci nach der Story von Caspian Tredwell-Owen; Produktion: Walter F. Parkes, Michael Bay, Ian Bryce; Ausführende Produktion: Laurie MacDonald; Kamera: Mauro Fiore; Schnitt: Paul Rubell, Christian Wagner; Musik: Steve Jablonsky; Länge: 136 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih der Warner Bros. Pictures Germany; Film-Homepage: http://www.dieinsel-derfilm.de



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<4. 8. 2005>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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