03.08.2018

Des Kaisers äußeres wie geistiges Ebenbild

Der Untertan

Nach oben buckeln, nach unten treten – diese Redewendung ist allgemein bekannt, aber nirgendwo in Literatur und Film ist sie deutlicher wortwörtlich zu nehmen, als im Roman "Der Untertan" von Heinrich Mann (1914) und dessen Verfilmung 1951 von Wolfgang Staudte ("Rosen für den Staatsanwalt"). Der westdeutsche Regisseur drehte in der DDR, was zum langjährigen Verbot des Films in der Bundesrepublik führen sollte. Bis sich liberale Kreise gegen konservativ Denkende durchsetzten; nach heftigen Protesten wurde dem Film Ende der 1950er-Jahre doch noch das Prädikat "besonders wertvoll" zugesprochen. Die Konservativen stießen sich an der Kritik des Films an Obrigkeiten: für Staudte führte die Kaiserzeit zum Faschismus. Das Filmende weicht leicht vom Romanende ab, eine Bildmontage, die von der im Gewitter endenden Einweihung eines Kaiserstandbilds zu Weltkriegszerstörungen wechselt, zeigt dem Zuschauer auf, was auf den ultrakonservativen Wahn folgte.

Jenen Wahn bekommt der preußische Fabrikantensohn Diederich Heßling (Werner Peters) von klein auf eingeimpft. Als Kind vom Vater geschlagen, geht es ihm in der Schule nicht besser. Autoritäten sind übermächtig, lernt er, er lernt das Unterordnen, wird aber seinerseits austeilen, als er die Macht dazu hat. Diederich Heßling ist ein Antiheld, ein Unsympath, wie es der Name schon indirekt ausdrückt: Autor Heinrich Mann wählte ihn zweifellos als Anspielung auf Begriffe wie "liederlich" und "hässlich". Den Roman genauestens nacherzählend, ist im Film chronologisch der Lebensweg von Heßling aufgeteilt auf Buckeln und Treten, auf Unterordnen und Austeilen, je nach Situation. Immer wieder ist Kaiser Wilhelm II. auf Gemälden im Hintergrund zu sehen, ihn verehrt Heßling, verehrt ihn so sehr, dass er sich dessen nach oben abgewinkelten Schnurrbart zulegen wird. Da hat er bereits den Schmiss im Gesicht nach einer Fechtszene in der kaisertreuen Burschenschaft, da ist er bereits der Nachfolger seines verstorbenen Vaters als Papierfabrikant. Und da hat er bereits eine Frau (Sabine Thalbach, die früh, 1966, verstorbene Mutter der Schauspielerin Katharina Thalbach) entehrt. Er heiratet dennoch, eine andere, diese ist reich (Renate Fischer).

Werner Peters gibt dem "Untertan" auf eine Weise Gestalt, wie man sie nicht vergessen kann: Ein rundes Gesicht auf zu fettem Körper, Peters, der nur 20 Jahre nach dem Film mit 52 Jahren starb, spielt die Rolle seines Lebens, was an Staudte liegt: Er konzentriert den ganzen Film auf seinen Hauptdarsteller. Dies führt dazu, dass der Regisseur die Nebenfiguren oft nicht gut vorstellt: Der Zuschauer verliert in der Mitte des Films häufiger die Übersicht über die vielen weiteren Protagonisten. Dies ist das Negativste an "Der Untertan", den man zweifellos als fast perfekten Filmklassiker und gelungene Literaturverfilmung bezeichnen kann. Von der ostdeutschen DEFA beauftragt, drehte Staudte eine antifaschistische Satire, obwohl es nur zwei Anspielungen auf das Dritte Reich gibt, am oben genannten Filmende und relativ zu Beginn in einem Kabarett. Dort wird ein Song mit dem Text "Wir sind die Elite der Nation" zum Besten gegeben: Bei "Nation" wird jede Silbe extrem betont.

Die fast immer grandiose Kritik ist einmal sprich- wie wortwörtlich sehr dick aufgetragen: Fabrikant Heßling bedruckt Toilettenpapier mit markigen Sprüchen wie "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Diese Winke mit dem Zaunpfahl sind Übertreibungen, die der Film nicht nötig hat, der Zuschauer erkennt auch so im Film die Intention Staudtes, damit auch die Heinrich Manns, sowie der antifaschistischen Einstellung der DEFA.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Der Untertan


DDR 1951
Regie: Wolfgang Staudte;
Darsteller: Werner Peters (Diederich Heßling), Paul Esser (Regierungspräsident von Wulckow), Renate Fischer (Guste Daimchen), Ernst Legal (Pastor Zillich), Raimund Schelcher (Dr. Wolfgang Buck), Eduard von Winterstein (Buck senior), Friedrich Maurer (Fabrikant Göpel), Sabine Thalbach (Agnes Göpel), Hannsgeorg Laubenthal (Mahlmann), Friedrich Gnaß (Napoleon Fischer), Wolfgang Kühne (Dr. Mennicke), Fritz Staudte (Amtsgerichtsrat Kühlemann), Wolfgang Heise (Leutnant von Brietzen), Axel Triebel (Major Kunze), Arthur Schröder (Landgerichtsdirektor), Paul Mederow (Dr. Heuteufel), Friedrich Richter (Fabrikbesitzer Lauer), Heinz Keuneke (Gottlieb Hornung), Richard Landeck (Warenhausbesitzer Neumann), Ernst Wehlau (Sötbier), Kurt-Otto Fritsch (Junger Arbeiter), Blandine Ebinger (Frau von Wulkow), Carola Braunbock (Emmi Heßling), Emmy Burg (Magda Heßling), Gertrud Bergmann (Mutter Heßling), Erich Nadler (Vater Heßling) u.a.;
Drehbuch: Fritz Staudte, Wolfgang Staudte nach dem gleichnamigen Roman von Heinrich Mann; Kamera: Robert Baberske; Musik: Horst Hans Sieber; Schnitt: Johanna Rosinski;

Länge: 109 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ostdeutscher Kinostart: 31. August 1951; westdeutscher Kinostart: 8. März 1957



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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