24.07.2014

Rosen für den Staatsanwalt

In der Mitte des letzten Jahrhunderts schwappte eine Flut von sogenannten Heimatfilmen in die deutschen Kinos, deren Titel schon die Zugehörigkeit zu diesem Genre signalisieren: "Schwarzwaldmädel", "Grün ist die Heide", "An der Donau, wenn der Wein blüht", "Der Förster vom Silberwald", "Wetterleuchten um Maria" – das alles klingt heute unfreiwillig komisch, die Streifen laufen aber immer noch mit schöner Regelmäßigkeit im deutschen Fernsehen. Die melodramatischen Filme mit ihren scheinbar unberührten Landschaften, ihren klar in Gut und Böse aufgeteilten Figuren, ihren immergleichen Themen (komische oder tragische Verwechslungen, zunächst durchkreuzte Heirat, Geschäftskonkurrenzen...), dem Antimodernismus und dem unausweichlichen Happy End boten dem Zuschauer die gewünschte Ablenkung von der Alltagsrealität und ließen ihn vor allem die Geschehnisse vergessen, die nur wenige Jahre zurücklagen und mit denen man sich nicht auseinandersetzen wollte: der Diktatur und dem Krieg. Zumal das kaum ohne Schuldeingeständnisse vonstattengegangen wäre. Dabei waren die Filme interessanterweise oft Remakes alter UFA-Streifen aus dem Dritten Reich, natürlich politisch gereinigt.

Nur wenige Filme aus dieser Zeit ragten aus diesem Kitschmeer heraus, Filme, in denen kritisch Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet wurden, deren Handlung und Figuren realistisch angelegt waren, die die Finger in die Wunden legten und die der Aufklärung dienten, nicht der Verklärung. Man kann sie fast an zwei Händen abzählen: Helmut Käutners "In jenen Tagen" (1947) und "Der Hauptmann von Köpenick" (1956), Kurt Hoffmanns "Wir Wunderkinder" (1958), Bernhard Wickis "Die Brücke" (1959), Wolfgang Staudtes "Der Untertan" (1951), "Die Mörder sind unter uns" (1946), und auch "Rosen für den Staatsanwalt" (1959), der Gegenstand dieser Rezension.

Die Handlung spielt in der Gegenwart (Ende der 1950er Jahre), blendet aber auch in die Vergangenheit zurück (1945). In den letzten Kriegstagen wird der Gefreite Rudi Kleinschmidt (Walter Giller) beschuldigt, Fliegerschokolade der Marke "Scho-Ka-Kola" gestohlen zu haben. Kriegsgerichtsrat Dr. Wilhelm Schramm (Martin Held) fordert wegen "Diebstahls" und "Wehrkraftzersetzung" die Todesstrafe. Die Hinrichtung am Waldrand misslingt aber, weil ein feindliches Flugzeug einen Angriff fliegt. Alle fliehen, Kleinschmidt entkommt somit dem Tode. Jahre später – er arbeitet als Verkäufer von Trickspielkarten – erkennt er bei einer seiner Trickvorführungen auf der Straße den ehemaligen Kriegsgerichtsrat Schramm wieder; der ist inzwischen Oberstaatsanwalt, weil er im Zuge der Entnazifizierung seine Rolle als NS-Jurist verschwiegen hat. Schramm bekommt heraus, wer Rudi ist, und will ihn so schnell wie möglich loswerden, denn er fürchtet, dass dieser ihm berufliche Schwierigkeiten machen wird. Als Rudi unter einem Vorwand die Gewerbeerlaubnis entzogen wird, ahnt er, wer dahintersteckt und entschließt sich, die Stadt zu verlassen. Auf dem Weg zum Bahnhof sieht er in einem Schaufenster zufällig einige "Scho-Ka-Kola"-Dosen. Spontan schlägt er die Scheibe ein und stiehlt zwei Dosen. Nach seiner Verhaftung erklärt er den Grund für den Diebstahl: "die alte Sache" sollte endlich ans Licht kommen. Und das geschieht auch auf spektakuläre Weise, denn in seiner Nervosität verspricht sich Schramm während seines Plädoyers und beantragt für Rudi – wie damals am Kriegsende – die "Todesstrafe". Ein Justizskandal, der zu seiner Beurlaubung führt.

Auf gnadenlos satirische Weise entlarvt der Film das Nachwirken des obrigkeitsstaatlichen Denkens und das unheilige Wirken alter "Kameraden" in der jungen Bundesrepublik. Bekanntlich waren viele alte Nazis in gehobenen Positionen tätig, man denke etwa an den Fall Globke (Kommentator der Nürnberger Rassegesetze, Staatssekretär unter Kanzler Adenauer). Schramm ist im Grunde seines Herzens noch immer ein Nazi. Autoritär beherrscht er seine Frau und seinen Stiefsohn, hält nichts von "amerikanischer Negermusik", kauft die "Deutsche Soldatenzeitung". Ansonsten sind Journalisten "Schreiberlinge, die das Maul aufreißen". Als ihm ein Strauß Rosen zugestellt wird (siehe Filmtitel), ist das das Zeichen dafür, dass dem wegen antisemitischer Äußerungen beschuldigten Studienrat Zirngiebel die Flucht ins Ausland gelungen ist, zu der ihm der heimlich sympathisierende Staatsanwalt verholfen hat. Ein unvergleichliches Kabinettstückchen liefert Martin Held mit dem Vortrag des Gedichts "Der Mond ist aufgegangen" am Familientisch, indem er die zarten Verse schneidend-militärisch zelebriert und mit dem Wort "wunderbar" – nach einer Pause – einen knallenden Schlusspunkt setzt. Schramm – ein machtbesessener Egoist, voller Standesdünkel, der von einer angeblich "ehrenvollen" Vergangenheit schwärmt, die es wiederzubeleben gelte. Ein Nachfahr von Heinrich Manns "Untertan", der typische "Radfahrer" (nach unten treten, nach oben buckeln). "Wir müssen uns", zitiert er Fichte, "Charakter anschaffen, denn Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel ein und dasselbe." – ohne zu merken, dass er selbst diesem Ideal überhaupt nicht entspricht. Seine cholerischen Ausbrüche, sein joviales Grinsen, seine Nervosität nach dem Wiedererkennen des ehemaligen Angeklagten Kleinschmidt, sein schiefer Vortrag von Fontanes Ballade "Archibald Douglas" am Klavier ("Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat so liebt wie du") – all das gestaltet Martin Held ebenso unheimlich wie genial.

Auch Rudis Bekannte, der Versicherungsagent Haase (Kabarettist Werner Finck), der feige Kaufmann Hessel (Ralf Wolter) und der schmierige Bauunternehmer Kugler (Werner Peters, bekannt durch seine überragende Leistung in Staudtes "Der Untertan") tragen durch ihre Typisierung zum bundesrepublikanischen Gesellschaftsbild bei, das der Film differenziert zeichnet: Es ist geprägt von Verdrängung und Opportunismus. Haase z.B. schreibt einen Protestbrief, in dem Schramm angegriffen wird, schickt ihn aber nicht ab: Man sollte, denkt er sich, der Welt besser mit "Verachtung gegenüberstehen" und lieber zu den "Stillen im Lande" gehören. (Ironisches Wortspiel: Hinter Haase sieht man ein Schild auf dem Rasen "Bürger, schützt Eure Anlagen!") Hessel will Frau Schramm zuerst nicht in seinem Geschäft begrüßen, schmeichelt aber um sie herum, als er sieht, wie viele Lebensmittel sie bei ihm kauft. Kugler gibt sich empört, ist aber in Wahrheit nur an staatlichen Bauaufträgen interessiert.

Neben Martin Held liefert auch Walter Giller als Rudi eine schauspielerische Glanzleistung ab. Er verkörpert wie immer den sympathischen Schlacks. Ihm gelingt es, den Skandal aufzudecken, dass noch immer die alten Eliten eine führende Rolle im Staat spielen. Mehrfach kommt es zu ironischen Spitzen, etwa wenn Rudi in einer Szene beim Skat mit seinen Kumpels (Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, Komikerpaar auch in "Das Wirtshaus im Spessart") sein Todesurteil von 1945 herumreicht. Oder wenn er zu seinem Verteidiger sagt: "Wissen Sie, wie ich mir die Gerechtigkeit jetzt vorstelle? Wie ein appetitliches, junges, besonders sauberes Mädchen." – "Wieso das?" – "Weil sie so oft baden geht." Im Grunde ist er aber ein unpolitischer Mensch, der einfach sein Leben in Frieden führen will. Die hübsche Ingrid van Bergen sorgt für das erotische Element. Sie gibt die Pensionswirtin (bei der Rudi wohnt) als taffe, aber gefühlvolle Frau, die Wert darauf legt, dass ihr Partner sich nicht hängen lässt, sondern aktiv wird. ("Wieso verdienst du eigentlich nichts, heutzutage, wo alle verdienen?")

"Rosen für den Staatsanwalt" ist ein Höhepunkt in der bundesdeutschen Filmgeschichte. Kurt Tucholsky schrieb: "Die Satire muss übertreiben. (...) Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird." Das geschieht auch in diesem Film des Moralisten Wolfgang Staudte, der zu einer Attacke auf die negativen Entwicklungen der Wirtschaftswunderjahre bläst. Allerdings ist Schramm zum Glück – so die Perspektive des Films – nicht der "typische" Vertreter seines Berufs, sein Vorgesetzter sagt über ihn: "Aalglatt, brillant und gerissen, der Typ von Jurist, den man niemals in den Staatsdienst lassen sollte." Durch solche Sätze und das Filmende (Schramms Dekuvrierung) wurde zugleich die Hoffnung genährt, dass gesellschaftliche Änderungen möglich sind. Die politische Realität der "wilden Sechziger" (Studentenbewegung, Auschwitzprozess) sollte das nachdrücklich bestätigen.

1960 gewann "Rosen für den Staatsanwalt" den Bundesfilmpreis in Silber. Man kann den Klassiker übrigens vollständig in sieben Teilen auf YouTube ansehen.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Rosen für den Staatsanwalt


BRD 1959
Regie: Wolfgang Staudte;
Darsteller: Martin Held (Oberstaatsanwalt Dr. Wilhelm Schramm), Walter Giller (Rudi Kleinschmidt), Ingrid van Bergen (Lissy Flemming), Camilla Spira (Hildegard Schramm), Wolfgang Wahl (Rudis Anwalt), Paul Hartmann (Diefenbach), Wolfgang Preiss (Generalstaatsanwalt), Inge Meysel (Erna, Haushälterin), Werner Peters (Otto Kugler), Werner Finck (Haase), Ralf Wolter (Hessel), Roland Kaiser (Schramms Stiefsohn Werner), Wolfgang Neuss (Paul, Lastwagenfahrer), Wolfgang Müller (Karl, Lastwagenfahrer), Henry Lorenzen (Graumann, Kellner bei Lissy) u.a.;
Drehbuch: Georg Hurdalek nach einer Idee von Wolfgang Staudte; Produzent: Kurt Ulrich; Kamera: Erich Claunigh; Musik: Raimund Rosenberger; Schnitt: Klaus Eckstein;

Länge: 98 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; westdeutscher Kinostart: 24. September 1959



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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