19. / 26. Dezember 2001
Beutlins in Bayreuth

Der Herr der Ringe
- Die Gefährten


Der Herr der Ringe - Die Gefährten J. R. R. Tolkiens Epos "Der Herr der Ringe" galt lange Zeit als unverfilmbar. Das sich über mehr als 1000 Seiten erstreckende Werk, das als meistgelesenes Buch des 20. Jahrhunderts gilt und seit seiner Veröffentlichung ab 1954 in mehreren Teilschritten eine große Fangemeinde gewonnen hat, ist zu vielschichtig, zu reich an Inhalt und stellte zudem bisher die Filmindustrie vor gewaltige technische Probleme. Rechtzeitig zum wieder erwachten allgemeinen Interesse an Fantasy-Stoffen hat der Einsatz des Computers bei Special Effects nun das Leinwandprojekt "Der Herr der Ringe" ermöglicht, aber mit einem Ergebnis, das den im Buch sympathisch erzählten Abenteuern des kleinen Hobbits Frodo im Kampf gegen das Böse nicht mehr gerecht wird. Die wenn auch fulminanten Effekte des Films stehen im Vordergrund, Frodo Baggins (in der deutschen Übersetzung: Frodo Beutlin) wirkt nur noch wie eine unwesentliche Randfigur einer an Richard-Wagner-Aufführungen erinnernden martialischen Materialschlacht.

Vier Wochen nach der ersten Umsetzung von Joanne K. Rowlings "Harry Potter"-Romanen auf die Leinwand brachte die Warner Bros. Film GmbH mit "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" eine weitere spektakuläre Literatur-Verfilmung in die deutschen Kinos, und zwar dermaßen äquivalent spektakulär, dass die Frage, welcher Blockbuster welchem den Rang als Zuschauermagneten ablaufen könnte, gegenüber der Frage nach den filmischen Qualitäten fast zu sehr in den Vordergrund tritt. Denn für beide Filme gilt: Sie müssen die Kino-Kassen klingeln lassen, damit sich das Projekt einer teuren Verfilmung überhaupt lohnt, erneut, wie bei der Verfilmung der Abenteuer des kleinen Zauberlehrlings Harry Potter, von einer gewaltigen Kommerzialisierung des Produkts begleitet. "Ohne Merchandising hätte es 'Der Herr der Ringe' nicht gegeben", sagt Regisseur Peter Jackson selbst. Welcher Film welchen finanziell tatsächlich schlägt, ist auf Grund beider großer Fan-Gruppierungen nicht absehbar. Im direkten Vergleich der beiden Filme geht in puncto künstlerische Qualitäten der Sieg nach Punkten aber an "Harry Potter und der Stein der Weisen". Denn Jacksons Film ist zwar ein Spektakel, aber keineswegs spektakulär, trabt stattdessen episodenhaft vor sich hin und erreicht nicht im geringsten den Charme des Buchs. Das Argument, das man der Harry-Potter-Verfilmung vorgeworfen hatte, dem Zuschauer keinen Freiraum mehr für die Fantasie zu lassen, ist hier mehr als angebracht.

Dabei gilt Peter Jackson, bekannt geworden durch seine Regie-Arbeit "Heavenly Creatures" mit Kate Winslet, als großer Tolkien-Fan; sein Film weist ihn allerdings eher als Wagnerianer aus - er räumt der Musik seines Komponisten Howard Shore einen derartigen Raum ein, dass der Film einer Oper gleichkommt. Für Shores Score standen Wagners "Ring des Nibelungen" und Carl Orffs "Carmina Burana" Pate, nicht zu überhören und durchaus beabsichtigt, immerhin berief sich Tolkien selbst bei seinem "Ring" auf Wagner. Auch der von Jackson entwickelte Dramaturgie-Stil erreicht neue epische Größenordnungen. Mit einem für die Filmwelt bisher unvorstellbaren Aufwand und einem Budget von umgerechnet 600 Millionen DM inszenierte Peter Jackson die drei Bücher des "Herrn der Ringe" in drei aufeinander folgenden Filmen, die im jährlichen Abstand bis 2003 in die Kinos kommen sollen. Von den Schauspielern verlangte er für 274 Drehtage am Stück Disziplin und Durchhaltevermögen. Für die Nacherzählung des Inhalts wählte der Regisseur ebenfalls eine spartanische Strenge, über die man sich streiten kann.

Der Herr der Ringe - Die GefährtenIm ersten Film "Der Herr der Ringe - Die Gefährten" erbt Frodo (Elijah Wood) von seinem Onkel Bilbo (Ian Holm) einen Ring. Vom mit der Familie befreundeten Zauberer Gandalf (Ian McKellen) erfährt Frodo, dass der Ring nicht nur unsichtbar macht, sondern auch gefährliche magische Kräfte auf seinen Träger ausübt. Der Ring darf nicht in die Hände des Tyrannen Sauron fallen - ewige Düsternis käme über die Welt. Frodo macht sich mit den Gefährten Sam Gamdschie und Pippin Tuk auf eine Reise ins Unbekannte, während Saurons schwarze Reiter bereits das Dorf der Hobbits nach dem unscheinbaren Schmuckstück durchsuchen. Der Ring muss zu seiner Vernichtung ins ewige Feuer von Mordor geworfen werden, welches sich ausgerechnet im Reich des Sauron befindet...
Sämtliche von Tolkien erdachten Kulturen unterstützen sie dabei. Mutige Zwerge sind ebenso am Unternehmen beteiligt wie Feen-gleiche vom Autor so genannte Elben - genauso wie die Menschen, die, größer als alle anderen, als absolute Kämpfernaturen dargestellt sind. Auf ihnen, selbstbewussten Kriegern wie Streicher (Viggo Mortensen) und Boromir (Sean Bean), liegt die Betonung des Films im Vergleich zum Buch, nicht auf den sympathisch und naiv daher kommenden die Hälfte eines Menschen großen Hobbits. Gab es am Anfang des Buchs eine langsame Entwicklung der Gefahr, sodass sich Tolkien alle Zeit der Welt nehmen konnte, seine Charaktere und die kuriose Welt, die er entworfen hatte, dem Leser vorzustellen, wird der Kinogänger fast in medias res in die bombastische Inszenierung von Jackson und seinen Co-Drehbuchautoren Philippa Boyens und Fran Walsh, geworfen. In der skurrilen Fantasy-Welt des J.R.R. Tolkien nicht wegzudenkende Sympathie-Effekte wie der starke Waldmensch und Helfer in der Not, Tom Bombadil, werden im Film fallen gelassen, um nicht zu sagen: fallen dem Hauptaugenmerk der Filmemacher, den Zuschauer mit Schlachten und Action-Szenen geradezu zu erdrücken, zum Opfer. Stattdessen leistet Jackson ein Tribut an die besondere Form des aktuellen Fantasy-Interesses, der Metaphysik: Cate Blanchetts Rollenfigur Galadriel wird von der sagenumwitterten und doch freundlichen und nahbaren Elben-Königin des Romans zur Lichtgestalten-haften, von Esoterik-typischer Musik umgebenen Mystikerin erhoben, die, wie nutzlos plötzlich im Film, Frodo Gefahren weissagt.

Gäbe es im Film den dank der Schauspieler Ian McKellen und Christopher Lee sehr passabel getragenen Kontrast zwischen den beiden Zauberern Gandalf und Saruman nicht, so würde nicht mehr viel von der hermetisch in sich abgeschlossenen Welt des Buchs auf der Leinwand übrig bleiben und Jacksons so gewaltig, zu gewaltig anmutendes Epos ein blasses Kino-Märchen bleiben. Aber an seinem hoch gesteckten Anspruch scheitert der Film doch. Was für den Roman gilt, der sich in Krisenzeiten besonders gut verkaufen soll, wie es von Seiten des Verlags heißt, Indiz dafür, dass er einen Nutzen der Literatur, Fantasie-Welten dem Leser zu erschließen, bestens erfüllt, lässt sich über die Verfilmung keineswegs sagen. Dafür stolpert die eigentliche Hauptrolle Frodo zu unbeholfen, charakterlich unentwickelt und verloren in der ihn überwältigenden bayreuthisierten Kulisse herum, als dass er im Film dem Zuschauer als Identifikationsfigur Halt geben könnte.

Erster Teil der Filmtrilogie. Gefolgt von "Der Herr der Ringe - Die zwei Türme" und "Der Herr der Ringe - Die Rückkehr des Königs".  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: New Line Productions

 
Filmdaten 
 
Der Herr der Ringe - Die Gefährten (Lord of the Rings: The Fellowship of the Ring) 
 
Neuseeland / USA 2001;
Regie: Peter Jackson;
Drehbuch: Philippa Boyens, Fran Walsh, Peter Jackson nach John Ronald Reuel Tolkiens gleichnamigem Roman (1954 / 1955); Produktion: Peter Jackson, Barrie M. Osborne, Tim Sanders; Co-Produktion: Fran Walsh, Rick Porras, Jamie Selkirk; Ausführende Produzenten: Mark Odesky, Bob und Harvey Weinstein; Musik: Howard Shore; Kamera: Andrew Lesnie; Schnitt: John Gilbert; Leitung der visuellen Effekte: Jim Rygiel;
Darsteller: Elijah Wood (Frodo Beutlin (Original: Baggins)), Sean Astin (Samweis "Sam" Gamdschie (Original: Samwise "Sam" Gamgee)), Ian Holm (Bilbo Beutlin (Original: Baggins)), Sir Ian McKellen (Gandalf), Christopher Lee (Saruman), Billy Boyd (Peregrin "Pippin" Tuk (Original: Took)), Liv Tyler (Arwen Undomiel), Viggo Mortensen (Streicher / Aragorn), Cate Blanchett ("Turbulenzen und andere Katastrophen"; Galadriel), Sean Bean (Boromir), Orlando Bloom (Legolas), Dominic Monaghan (Meriadoc "Merry" Brandybuck), John Rhys-Davies (Gimli), Andy Serkis (Gollum alias Smeagol), Bruce Spence (Saurons Mund), Karl Urban (Eomer), Hugo Weaving ("Matrix"; Elrond), Marton Csokas (Celeborn);

Länge: 178 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: Mittwoch, 19. Dezember 2001; ein Film im Verleih der Warner Bros. Film GmbH



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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