17.12.2012
Tough Guy meets wounded girl

Der Geschmack von Rost und Knochen


Der Geschmack von Rost und Knochen: Matthias Schoenaerts, Marion Cottilard Jacques Audiard hat schon mit "Der wilde Schlag meines Herzens" (De battre mon cœur s'est arrêté, 2005) und dann mit "Ein Prophet" (Un prophète, 2009) zwei Filme auf die Leinwand gebracht, die eine verheißungsvolle Perspektive auf weitere kommende Werke eröffnete. In ihnen sind wir vornehmlich mit eher abgegrenzten Männerwelten konfrontiert, mit einem Milieu von Halbseidenen wie Halbkriminellen, und oftmals verkörpern Audiards Protagonisten das Klischee des einsamen Wolfes; ihr martialischer Duktus ist nicht selten stolz nach außen getragene Fassade. Ihre ureigenen Emotionen zu äußern sind sie unfähig, und unfähig, sie zu leben.

Alis (Matthias Schoenaerts) und Stéphanies (Marion Cottilard) Lebenswege kreuzen sich in De rouille et d'os, so der etwas schlüssigere Originaltitel des neuen Film Audiards nach der Buchvorlage Rust and Bone von Craig Davidson. Er, Ali: Boxer, unfähig für sein Kind zu sorgen, ständig durch zwielichtige Geschäfte und Arbeiten mittellos. Sie, Stéphanie: Waltrainerin, durch einen Unfall ohne Beine, nunmehr behindert, dem Leben fortan abgewandt. Vorerst zumindest.

Tough guy meets wounded girl. Diese Formel allerdings muss im Verlauf des Films dahingehend geändert werden, dass hinter der Maske des tough guy sich eigentlich ein zutiefst zerbrechliches wie einsames Individuum verbirgt, und dass aus dem wounded girl zusehends eine kämpferische Frau wird, die das Schicksalsangebot des Lebens annimmt. Gleichwohl nimmt sie aber auch den Kampf auf, jene schwärende wie undurchlässige Wand, die Ali sich aufgebaut hat, und mit Hilfe derer er sich bislang erfolgreich vor jedweden Emotionen schützt, zu durchdringen.

Der Geschmack von Rost und Knochen: Marion Cottilard Die Höhen und Tiefen, die Fehlschläge und unvermeidlichen Täuschungen und Enttäuschungen sind vorprogrammiert, ebenso die Konfliktlinien. Audiards Kameramann Stéphane Fontaine, der schon mehrmals mit Audiard zusammengearbeitet hat, schafft unvermittelt stimmige, manchmal grobkörnige, bisweilen unruhige Bilder und Szenerien, was hilft, die Charaktere plausibel zu gestalten. In slow motion werden manche Kampfszenen gesetzt, deren Wirkung schon Scorsese in "Wie ein wilder Stier" (Raging Bull, 1980) ausspielte. Und auch die matte Farbgebung, das bleierne Blau, das sich zunächst um das Schicksal von Stéphanie legt, als sie vom Verlust ihrer Beine erfährt, spiegeln die bärbeißige Realität der Figuren wider. Ganz und gar stilsicher die Auswahl die musikalischen Untermalung durch Alexandre Desplat, der schwungvoll die emotionalen Kurven der Story abfährt.

Zugegebenermaßen dünn dann der Schluss: Allzu glatt das Happy End, das beinahe märchenhaft schokosüß schmeckt; und auch die Wendungen und Dramatisierungen im letzten Drittel wirken in der Summe zuweilen aufgepropft. Der Film wurde auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes als potentieller Konkurrent zu Michael Haneke gehandelt. Audiard unterlag jedoch dem Österreicher, für den seitens der Kritik mit einem unangenehmen und voreiligen Übereifer schon im Vorfeld dicke Kränze geflochten worden sind.  

Sven Weidner / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Wild Bunch

 
Filmdaten 
 
Der Geschmack von Rost und Knochen (De rouille et d'os) 
 
Frankreich 2012
Regie: Jacques Audiard;
Darsteller: Marion Cottilard (Stéphanie), Matthias Schoenaerts (Ali), Armand Verdure (Sam), Celine Sallette (Louise), Corinne Masiero (Anna), Bouli Lanners (Martial), Jean-Michel Correia (Richard) u.a.;
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain nach der Buchvorlage "Rust and Bone" von Craig Davidson; Produzenten: Martine Cassinelli, Pascal Caucheteux; Kamera: Stéphane Fontaine; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Juliette Welfling;

Länge: 127,22 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Wild Bunch Germany GmbH; deutscher Kinostart: 10. Januar 2013



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<17.12.2012>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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