23.02.2022

Justizdrama über die Vertuschung von SS-Verbrechen

Der Fall Collini

Als im Jahre 2011 das Buch "Der Fall Collini" von Ferdinand von Schirach erschien, schrieb die Brigitte begeistert: "Fesselnd wie ganz großes Kino". Klar, dass dieser Stoff geradezu nach Verfilmung schrie. Acht Jahre später war es soweit, "Der Fall Collini" wurde einer der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahres 2019. 4,1 Millionen Zuschauer sahen "Der Fall Collini" am 2. August 2021, als er im Rahmen des ARD-Sommerkinos seine Free-TV-Premiere feierte. Im November 2021 war er zum zweiten Mal als einziger deutschsprachiger Film unter den globalen Top Ten der nicht-englischsprachigen Filme bei Netflix.

Wer den Publikumsliebling Elyas M'Barek in seinen Paraderollen als Supermacho Cem in "Türkisch für Anfänger" und als chaotischer Lehrer Zeki in "Fack ju Göhte" gesehen hatte, der war mit Sicherheit überrascht, ihn nun in einem Justizthriller zu erleben, und hätte ihm den Wechsel ins ernste Fach wohl kaum zugetraut. Man wurde eines Besseren belehrt. In "Der Fall Collini" spielt er intensiv und mit überzeugender Leidenschaft den jungen Anwalt Caspar Leinen, der einem Justizskandal auf die Spur kommt.

Schon der Filmanfang ist packend. Wir befinden uns im Berlin des Jahres 2001. Ein alter Mann geht in ein Hotelzimmer und erschießt dort den hoch angesehenen Industriellen Hans Meyer. Zuvor hat er als italienischer Gastarbeiter 34 Jahre bei Mercedes gearbeitet und ist nie auffällig geworden. Blutige Fußspuren überziehen den Hotelflur. Die Tat geschah scheinbar ohne Grund, nach seiner Festnahme schweigt Fabrizio Collini. Caspar Leinen wird sein Pflichtverteidiger. Das Mordopfer ist der Großvater seines besten Freundes. Hans Meyer war früher wie ein Vater für ihn, seine Enkelin war mit Leinen eng befreundet. Der möchte sich nun für befangen erklären, übernimmt aber dennoch auf Ratschlag seines Hochschullehrers Richard Mattinger das Mandat. Weil Collini eisern schweigt, kommt der Fall kaum voran. Als Leinen die Tatwaffe sieht – einen Revolver (Walther P38) –, erschrickt er: Genau so eine Waffe hat er als Junge im Haus von Meyer gesehen. Während einer Verhandlungsunterbechung fährt Leinen nach Montecatini in der Toskana, wo ihm ein Dorfbewohner die Hintergründe erklärt. Meyer hat damals – im Jahre 1944 – als SS-Sturmbannführer Collinis Vater auf dem Marktplatz brutal ermordet, während einer "Vergeltungsmaßnahme" nach einem Attentat von Partisanen. Der kleine Fabrizio musste mitansehen, wie sein schwerverletzter Vater von einem Exekutionskommando mit mehreren Pistolenschüssen niedergestreckt wurde. Nach der Zeugenaussage des Dorfbewohners ist nun auch Collini bereit zu einer Aussage. Schon einmal hatte er zusammen mit seiner Schwester Anzeige gegen Meyer erstattet, im Jahre 1968. Das Verfahren war aber eingestellt worden, weil die Tat aufgrund einer Gesetzesänderung nur als Beihilfe und nicht mehr als Mord bezeichnet wurde und somit verjährt war. Diese Änderung ging als "Verjährungsskandal" oder "kalte Amnestie" in die Justizgeschichte ein. Bevor das Urteil gefällt wird, begeht Collini in seiner Zelle Selbstmord.

Wie das Buch ist auch der Film – jetzt im wahren Sinn des Wortes – "großes Kino". Der spannende Plot, die opulenten Bilder, die schauspielerischen Leistungen sind allesamt hollywoodreif. Ein Politthriller erster Güte. Es gibt schon viele Filme, die sich mit NS-Verbrechen beschäftigen, sie anzusehen ist aber immer wieder bestürzend, und gerade in einer Zeit, in der Verschwörungstheorien, Holocaustleugnung und Antisemitismus grassieren, sind sie ein wichtiges Element der "Vergangenheitsbewältigung", der Aufklärung und der Wahrheitsfindung. Zumal hier der Skandal nicht nur in dem Verbrechen selbst, sondern in seiner Vertuschung durch die Justiz der 1960er Jahre besteht.

Die Hauptrolle des integren und über die Verharmlosung der SS-Schandtaten empörten Rechtsanwalts spielt Elyas M'Barek hervorragend. Es gelingt ihm insbesondere, die innere Zerrissenheit Caspar Leinens nachvollziehbar zu machen: Er war einerseits mit Meyer und dessen Enkeltochter Johanna (überzeugend: Alexandra Maria Lara) eng verbunden und hat romantische Erinnerungen an seine Jugendzeit. Andererseits muss er seinen Mandanten verteidigen und der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen, auch wenn er dadurch Johanna verliert. Heiner Lauterbach spielt den Staranwalt Mattinger als skrupellosen Selbstdarsteller, der selbst in den Verjährungsskandal verwickelt war und nun Leinen vom "Wühlen in der Vergangenheit" abhalten will. Großartig ist der 79-jährige, aus ca. 200 Mafia- und Westernfilmen bekannte Franco Nero in der Titelrolle. Er schafft es, die meiste Zeit nur auf Gestik und Mimik angewiesen, für den traumatisierten Fabrizio Collini Verständnis und Mitleid zu erwecken. Allerdings ist nicht nachvollziehbar, warum Collini so lange über sein Motiv schweigt, warum er erst spricht, als ein Zeuge aus Italien vor Gericht erscheint.

Regisseur Marco Kreuzpaintner ("Die Wolke", "Krabat") ist es gelungen, die Buchvorlage in einen nicht minder packenden Film umzusetzen, der die Zuschauer veranlasst, lange über Recht, Gerechtigkeit, Rache und Vergeltung nachzudenken. Festzuhalten bleibt Ferdinand von Schirachs historisches Verdienst, offengelegt zu haben, dass durch Fehler im Justizapparat viele NS-Verbrecher ihrer Strafe entgingen. Der Roman führte zu einer erneuten Diskussion und zur Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Bundesministerium für Justiz.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Der Fall Collini

Titel für den englischsprachigen Markt: The Collini Case

Deutschland 2019
Regie: Marco Kreuzpaintner;
Darsteller: Elyas M. Barek (Caspar Leinen), Heiner Lauterbach (Richard Mattinger), Alexandra Maria Lara (Johanna Meyer), Franco Nero (Fabrizio Collini), Rainer Bock (Oberstaatsanwalt Reimers), Catrin Striebeck (Vorsitzende Richterin), Manfred Zapatka (alter Hans Meyer), Jannis Niewöhner (junger Hans Meyer), Pia Stutzenstein (Nina), Peter Prager (Bernhard, Caspars Vater), Hannes Wegener (Aicke), Falk Rockstroh (Richter), Anne Haug (Assistentin des Pathologen) u.a.;
Drehbuch: Christian Zübert, Robert Gold, Jens-Frederik Otto; Produktion: Marcel Hartges, Christoph Müller, Kerstin Schmidbauer; Kamera: Jakub Bejnarowicz; Musik: Ben Lukas Boysen; Schnitt: Johannes Hubrich;

Länge: 122,39 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 18. April 2019



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