20. Januar 2005
Traumfabrik, wörtlich genommen

De-Lovely
- Die Cole Porter Story


De-Lovely - Die Cole Porter Story "De-Lovely" ist eine Filmbiographie über Cole Porter (1891 - 1964), der zu den wichtigsten Songwritern des letzten Jahrhunderts gehört. Etwas anachronistisch und daher sperrig mag diese Themenwahl dem deutschen Kinopublikum anmuten. Erstaunlich leichtfüßig kommt der Film derweil daher, und dies nicht nur dank Hauptdarsteller Kevin Kline. Überraschend gelingt es Regisseur Irwin Winkler, der oberflächlichen Glitzerwelt der Showbranche ihre Doppelbödigkeit entgegenzustellen - unter Einsatz der großen Songs Porters, deren Zweideutigkeiten Winkler intelligent abschöpft, vorgetragen von Künstlern wie Robbie Williams in Gastauftritten.

Das Ende des Films entschädigt für seinen mauen Anfang. Denn das Ende des Films erklärt, weshalb der Anfang unecht, wenn nicht verlogen, auf jeden Fall oberflächlich gewirkt hatte. Am Anfang des Films wartet der gealterte, dem Lebensende nahe Cole Porter (Kevin Kline in perfekter Maske) 1964 allein und depressiv in einem Broadway-Kino auf einen Regisseur namens Gabe (Jonathan Pryce), der über ihn ein biographisches Musical fertiggestellt haben will. Gabe wird Porter nicht enttäuschen: Die Bühne füllt sich, Jubel, Trubel, Heiterkeit bricht aus, Porter sieht sämtliche vertrauten Personen und Stationen seines Lebens noch einmal, sieht sich selbst nochmal jung, die Vergangenheit wird wieder lebendig.

De-Lovely - Die Cole Porter StoryEr sieht Linda (Ashley Judd) wieder, eine amerikanische Schönheit aus der High Society, die er auf einer Pariser Party in den Zwanziger Jahren kennen lernt und mit seinen von ihm selbst vorgetragenen Liedern beeindrucken kann. Sieht, wie sie heiraten; sieht, wie sie seine Muse wird, die seinen Erfolg erst ermöglicht. Sieht, wie er von MGM-Boss Louis B. Mayer nach Hollywood gelockt wird und sich auf den Kompromiss einlässt, nur noch witzig, aber nicht mehr clever-witzig zu sein, da Hollywood eben Glanz ohne Tiefgründiges fordert. Und Porter sieht, wie Gabe sein Musical immer tiefer in die bittersten Einzelheiten eindringen lässt: Porters Doppelleben als Bisexueller mit flüchtigen One-Night-Stands wird eingehend nacherzählt, das Private eines Bonvivants für US-Film-Verhältnisse sehr klar ausformuliert, eines polygamen Lebemanns, der gleichzeitig seine Frau innig liebt und die Liebe erwidert wird, indem Linda sich emotional aufopfert, bis es zu spät ist... Und die melancholische Ballade "Night and Day" dazu die Schattenseiten auch musikalisch interpretiert.

"Locusts in trees do it, bees do it,
Evenly highly educated fleas do it,
Let's do it, let's fall in love"
wird in "De-Lovely" genauso neu gesungen, in zweifacher Hinsicht neu interpretiert wie "Let's Misbehave", Lasst uns uns schlecht benehmen, das Lied, das durch Woody Allens Komödie "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten" noch bestens in Erinnerung ist: Cole Porter ist bei Irwin Winkler dargestellt als Mann, der für seine Zeit schonungslos direkt dem Hedonismus huldigte, in seinen Liedern wie als Privatmann, dabei nie unsympathisch wirkend, sondern auf einem Grat wandernd, einem Grat zwischen seiner exzessiven Verspieltheit und der Verzweiflung, Lindas Gefühle nicht verletzen zu wollen. Im Film wird Porter stürzen. Vom Pferd allerdings, ersatzweise. Eine Beinamputation wird Linda zu verhindern wissen. Solange, bis sie vor ihm stirbt.

De-Lovely - Die Cole Porter StoryDie US-Filmbranche hat die Filmbiographie, neudeutsch Biopic, wiederentdeckt. Dabei entdeckt sie in einem fort Helden vergangener Zeiten wieder: Zeitgleich mit "De-Lovely" startete "Aviator" in den deutschen Kinos, eine Filmbiographie über Howard Hughes, der nach seinem öffentlichen Aufstieg durch echte und eingebildete Krankheiten abstürzte, letzteres aber abseits der Öffentlichkeit. Die US-Filmbranche entdeckt Alfred Kinsey wieder, einen heutzutage nahezu vergessenen Sexualforscher. Der seine Forschungen auch mit seinem Privatleben - und damit einhergehend mit emotionalen Spannungen - verquickte. Alles gefallene Helden, deren Leben da im Einzelnen nachgezeichnet wird, dies aber mit dem nötigen Respekt. So auch gegenüber Cole Porter, gegenüber ihm und seiner Zeit. Zwischen den Zeilen wird die Strategie erkennbar, die das US-Kino derzeit pflegt: Auch die Großen, die längst gegangenen Mythen hatten ihre ganz kleinen, allzu menschlichen Schwächen, zeigt sie auf, in retro veritas. "De-Lovely" endet in der Erkenntnis, dass die Traumfabrik Hollywood, die Porter entscheidend mitprägte, nur der Deckmantel war für einen erwünschten Eskapismus. Die Hülle Hochglanz mit Songs, Tanzeinlagen und Make-Up verbarg auch unter seinen aktiv Beteiligten wie Porter ganz normale, menschliche Schicksale. Das Ende des Films: Porter ist alleine, die Bühnenshow vorbei, das Zurücksehnen in Zeiten, in denen die Droge Eskapismus funktionierte, Hollywoods und Porters Hoch-Zeiten, genauso zu Ende geträumt. Hollywood, die Traumfabrik, wörtlich genommen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
De-Lovely - Die Cole Porter Story (De-Lovely) 
 
USA 2004
Regie: Irwin Winkler ("Schuldig bei Verdacht", "Das Haus am Meer");
Darsteller: Kevin Kline (Cole Porter), Ashley Judd (Linda Porter geb. Lee), Jonathan Pryce (Regisseur Gabe), Peter Polycarpou (Louis B. Mayer), Kevin McNally, Allan Corduner, Sandra Nelson, Keith Allen, James Wilby, John Barrowman, Kevin McKidd, Richard Dillane, Edward Baker-Duly u.a.; Gastauftritte von Robbie Williams, Elvis Costello, Alanis Morisette, Sheryl Crow, Diana Krall, Natalie Cole, Vivian Green, Lara Fabian, Mick Hucknall u.a.; Drehbuch: Jay Cocks; Produktion: Irwin Winkler, Rob Cowan, Charles Winkler; Ausführende Produzenten: Simon Channing Williams, Gail Egan; Kamera: Tony Pierce-Roberts; Make-up: Sarah Monzani; Musik & Texte von Cole Porter, Musik arrangiert und produziert von Stephen Endelman

Länge: 126 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Twentieth Century Fox of Germany



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<20.01.2005>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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