16.02.2019
Eigenwilliger Bilderrausch

Das melancholische Mädchen


Das melancholische Mädchen: Marie Rathscheck Das Filmfestival Max Ophüls Preis kann für sich zugutehalten, immer wieder interessante filmische Entdeckungen zu präsentieren. So war es 2018 mit "Landrauschen", so ist es 2019 mit "Das melancholische Mädchen" gewesen. Beide zeichnen sich durch Eigenwilligkeit aus, beide gewannen in Saarbrücken den Hauptpreis, beide waren Debütfilme der Regisseurinnen. Susanne Heinrich stach unter den Regisseur*innen des Hauptwettbewerbs 2019 hervor: Die 1985 in Oschatz bei Leipzig geborene Frau, die bisher als Schriftstellerin auffiel, trägt kurzgeschorene Haare. Ihr Film "Das melancholische Mädchen" stach auch hervor. Jury-Entscheidungen treffen oft Filme, die sich durch ihre extreme Machart von den anderen Filmen hervorheben. Hier war es nicht anders: "Das melancholische Mädchen" widerspricht allen Konventionen des Kinos, Heinrich bastelt Szenen aneinander, die knallbunt, unwirklich, an der Grenze zum Kitsch sind, mit absichtlich monotonen Dialogen, die eher Monologe sind, weil die Protagonisten oft aneinander vorbeizureden scheinen. Klingt negativ – ist es nicht.

Die Autorenfilmerin Susanne Heinrich hat einen eigenen Stil gefunden, der originell, nie langweilig ist, wenn sie von einer traurigen jungen Frau, der namenlosen Titelheldin (Marie Rathscheck) erzählt, die durch die Großstadt (selten sind Außenszenen zu sehen) umherstreift und mit fremden Personen, meist Männern in Kontakt tritt. Eine Szene wird zur Musical-Szene, eine andere spielt in einem Museum mit einzeln, jeweils weit von dem nächsten Menschen aufgestellten, ja von Heinrich drapierten Bildbetrachtern. Meist aber spielt der Film in Wohnungen, in denen das melancholische Mädchen mitunter mit Männern badet und dabei mit ihnen redet. Die Männer sind wie es selbst und wie die Wohnungen, das gesamte Szenenbild, vom Zuschauer so anzuschauen, wie man Kunstobjekte anschaut. Und stets spielt zur Begleitung Big-Band-Musik.

Der Film ist fast ein Meisterwerk – fast, denn die Dia-/Monologe haben einen Nachteil: Durch den monotonen Vortrag wird der Zuschauer eingelullt, es besteht die Gefahr, dass er nicht mehr zuhört. Die Dialoge plätschern durch diese Art der Präsentation, und sind doch hochinteressant und intelligent, es lohnt das Zuhören, man kann viel aus ihnen lernen. Ein Schuss Gesellschaftskritik hier, eine Prise Kapitalismuskritik da, vielleicht noch zu wenig von alldem. Mehr wäre besser gewesen. Aber über allem schweben die perfekten Bildkompositionen, zumeist in den Farben pink und blau.

Der Autor dieser Zeilen überlegte sich nach dem Sehen des Films und lange vor der Saarbrücker Preisverleihung: Hat dieser Film im Kino eine Chance? Wäre er nicht besser in einem Museumskino aufgehoben? Äußerst kunstvoll sind die Bilder, die immer für sich stehen, jede Einstellung sehenswert und ausstellungsreif. Jetzt hat der Film durch die Hauptauszeichnung des Filmfestivals Max Ophüls Preis seinen Kinostart sicher, man darf gespannt sein, wie das Publikum reagieren wird. Denn dieser Preis ist mit 36.000 Euro dotiert, welche sich in drei gleichen Teilen aufteilen auf Regisseurin, Produzenten und noch zu findenden Verleiher, der einen Kinostart des Films innerhalb der nächsten zwölf Monate zu ermöglichen verpflichtet ist. Das Publikum darf dann einen Film mit gewagtem Stil kennenlernen, ein Stil, der zu sehen lohnt.

Regisseurin Susanne Heinrich (Film Das melancholische Mädchen) "Wenn es irgendeinen Auftrag der Kunst gibt, dann vielleicht den, das Kino neu zu erfinden. Dafür trete ich ein", sagte Susanne Heinrich bei der Preisverleihung. Bei dieser erhielt die junge Regisseurin zunächst den Preis der ökumenischen Jury bestehend aus Kirchenmenschen, für Heinrich ein Anlass darauf hinzuweisen, dass sie evangelische Pfarrerstochter sei (wenn man ihre raspelkurzen Haare sieht, kommt man nicht drauf). Und fuhr fort, sie habe viele "Prediger-Gene in sich", predige nun im Film "feministische Kapitalismus-Kritik".

Dann kam der Hauptpreis, aber Heinrich war plötzlich ernst, während neben ihr auf der Preisverleihungsbühne im Saarbrücker E-Werk andere Filmcrew-Mitglieder einen Jubelkreis bildeten. Heinrich begründete es. An jenem Samstag war sie nicht nur in Saarbrücken, sondern zuvor in Wiesbaden. Eine Beerdigung hatte dort stattgefunden, die Filmemacherin hatte auf ihr eine Rede gehalten zu Ehren einer vor Fuerteventura ertrunkenen Freundin, der Kuratorin und Leiterin der Wiesbaden Biennale, der 36-jährigen Maria Magdalena Ludewig. Später konnte sich Susanne Heinrich doch noch über die beiden Preise freuen – und auf der an die Preisverleihung angeschlossenen Filmparty ausgelassen tanzen.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)

 
Filmdaten 
 
Das melancholische Mädchen  
 
Deutschland 2019
Regie & Drehbuch: Susanne Heinrich;
Darsteller: Marie Rathscheck, Nicolai Borger, Malte Bündgen u.a.;
Produktion: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb); Produzentin: Jana Kreissl; Kamera: Agnesh Pakozdi; Musik: Moritz Sembritzki, Mathias Bloech; Schnitt: Susanne Heinrich, Benjamin Mirguet;

Länge: 80,09 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Edition Salzgeber; deutscher Kinostart: 27. Juni 2019



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<16.02.2019>


Zitat

"Ich kannte sie, bevor sie Jungfrau wurde."

Ein Zitat zu Doris Day (3. April 1922 - 13. Mai 2019), das laut Wikipedia ihrem ehemaligen Leinwandpartner Oscar Levant zugeschrieben wird.

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