06.01.2018

Das Lied in mir


Buenos Aires aus der Draufsicht: Während die Kamera langsam über die Straßen und Häuserdächer der argentinischen Hauptstadt fliegt, ziehen kreisförmige Wellen durchs Bild. Das Motiv des Wassers spielt auch im weiteren Verlauf von Florian Cossens Regiedebüt "Das Lied in mir" eine zentrale Rolle, vor allem in seiner symbolischen Bedeutung als Tiefe des Unterbewussten. Die Wellen aus dem Vorspann verweisen darauf, dass irgendwo unter der Oberfläche ein Geheimnis verborgen liegt, das wie ein Stein im Wasser versenkt wurde und nun aus dem tiefsten Unterbewussten hervorbricht.

Zu Beginn der Handlung fungiert ein spanisches Kinderlied als eine Art Deus ex machina. Die 31-jährige deutsche Profi-Schwimmerin Maria (Jessica Schwarz) hört es zufällig, als sie am Flughafen von Buenos Aires auf einen Anschlussflug wartet. Die junge Frau reagiert ungewöhnlich heftig auf das Lied: Obwohl Maria kein Spanisch spricht, kommen ihr Text und Melodie bekannt vor. Schlagartig weint sie, ohne so recht zu wissen, warum. Aufgewühlt verlässt sie den Flughafen und checkt in einem Hotel ein. Auf dem Anrufbeantworter erzählt sie ihrem Vater Anton (Michael Gwisdek) das Erlebnis und plant die Weiterreise nach Chile, sobald sie ihren verlorenen Reisepass ersetzt hat. Doch morgens steht der aus Deutschland angereiste Vater unerwartet im Hotelflur und erklärt: "Juliane und ich sind nicht deine leiblichen Eltern."

Wie zehntausende ihrer Landsleute sind Marias leibliche Eltern während der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) spurlos verschwunden, erzählt Anton. Er und seine mittlerweile verstorbene Frau haben Maria als Kleinkind adoptiert, da sie keine Verwandten finden konnten. Obwohl der Vater seine Tochter gern zurück nach Deutschland bringen will, sucht Maria ihre argentinische Familie und stellt den Kontakt zu ihrer Tante Estela (Beatriz Spelzini) her, die eine andere Version der damaligen Umstände erzählt. Stückweise kommt die ganze Wahrheit ans Licht und die Beziehung zwischen Maria und ihrem vermeintlichen Vater gerät ins Wanken.

Der Vater-Tochter-Konflikt zwischen Jessica Schwarz und Michael Gwisdek ist der zentrale Angelpunkt der Dramaturgie. Zunächst wendet sich die Tochter reflexartig vom Vater ab, weil dessen Geständnis sie tief im Innern trifft – zudem bricht Anton sein Schweigen nur zögerlich und behindert damit passiv Marias Suche nach Antworten: Zu groß ist seine Angst, die Tochter zu verlieren. Auf der Ebene der Figuren entfaltet "Das Lied in mir" seine stärksten Momente, wenn Anton und Maria ihre Beziehung unter veränderten Vorzeichen neu ausloten. In einer Szene steht Maria in ein Badetuch gehüllt vor einem Spiegel und richtet ihren BH. Als der Vater den Blick abwendet, dreht sich die Tochter zu ihm und entblößt provokativ ihre Brüste. Wortlos stehen sich beide gegenüber und schauen sich in die Augen – ihre Rollenbilder zerfallen für einen kurzen Augenblick und es nicht der Vater, der vor der halbnackten Maria steht, sondern ein Mann. Zugleich ist diese Konfrontation vermutlich auch der Moment, in dem Maria realisiert, dass die rund dreißig Jahre alte Bindung zu Anton nicht mit einem Schlag zerbricht. Ob seine Vaterrolle nun auf einer biologischen Verbindung fußt oder nicht – Anton war Marias halbes Leben lang wie ihr Vater.

Es ist kein Zufall, dass diese Szene vor einem Spiegel beginnt. Als eine Variation des Wasser-Motivs (das Spiegelbild an der Wasseroberfläche) avanciert die Spiegelung zum Leitmotiv der Erzählung. So finden sich nicht nur etliche Spiegelungen in den atmosphärischen Bildern von Kameramann Matthias Fleischer, sondern auch auf der Plotebene, wobei die wichtigste die zwischen Maria und dem argentinischen Polizisten Alejandro (Rafael Ferro) ist, der sie bei ihrer Suche unterstützt und mit dem sie eine Liebesaffäre anfängt. Im Gegensatz zu Maria lässt Alejandro die Vergangenheit ruhen: Ob sein Vater, ein ehemaliger Polizist, in die Machenschaften der brutalen Militärdiktatur verstrickt war, will der Sohn gar nicht erst nicht wissen. Vom Blick in den Spiegel ist es nicht mehr weit zur Herausbildung einer Identität. Auch das spielt eine Rolle, denn letztlich muss Maria ihr Selbstbild zwischen der jahrelang gelebten Lüge und den aktuellen Erkenntnissen neu bestimmen: Dass sie zu Beginn des Films ihren Reisepass verliert, verweist symbolisch auf die Erschütterung ihrer Identität.

Trotz der spannenden Ausgangslage hinterlässt das Drehbuch von Florian Cossen und Elena von Saucken einen zwiespältigen Eindruck und wirkt inhaltlich bisweilen unausgereift. Der Bezug auf die Phase der Diktatur erscheint in der Erzählung wie ein Fremdkörper und liefert letztlich nicht mehr als eine Erklärung für das Verschwinden der leiblichen Eltern – hier hätte "Das Lied in mir" deutlich mehr Potenzial gehabt, die Vergangenheit der Protagonistin zu akzentuieren. Auch die Motivationen der Figuren bleiben in vielen Fällen oberflächlich. Cossen legt eine zwar konzentrierte Erzählweise an den Tag, dringt aber nicht immer zum Kern der jeweiligen Situation vor. Da der Regisseur sich dennoch viel Zeit für seine Figuren nimmt, stagniert "Das Lied in mir" bisweilen. Seine größten Qualitäten zieht das Vater-Tochter-Drama aus der insgesamt reifen Inszenierung und der Leistung der beiden Hauptdarsteller. Vor allem die im Vordergrund stehende Jessica Schwarz findet viele treffende Ausdrücke für den Riss, der durch das Innere ihrer Figur geht. Emotional erstarrt, nachdenklich und verletzt stellt sie drängende Fragen. Während der für deutsche Filme typische Gitarren-Soundtrack wenig aufsehenerregend ist, zeigen der behutsame Erzählfluss und die ästhetischen Bilder viel inszenatorisches Können. Ein Glücksfall ist auch, dass die Metropole Buenos Aires zum eigenständigen Protagonisten avanciert – nicht nur aus der Vogelperspektive, sondern insbesondere auf der Straße, in Bars oder Zeitungskiosken. So könnte "Das Lied in mir" zwar einen kleinen Feinschliff vertragen, ist alles in allem aber ein durchaus interessantes Regiedebüt mit vielen guten Ansätzen.  

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Das Lied in mir   
 
Deutschland / Argentinien 2009
Filmtitel für den englischsprachigen Markt: The day I was not born

Regie: Florian Cossen;
Darsteller: Jessica Schwarz (Maria), Michael Gwisdek (Anton), Rafael Ferro (Alejandro), Alfredo Castellani (Hugo), Marcela Ferrari (Ana), Beatriz Spelzini (Estela) u.a.;
Drehbuch: Elena von Saucken, Florian Cossen; Produktion: teamWorx Television und Film GmbH, in Koproduktion mit BR und SWR; Produzenten: Jochen Laube, Fabian Maubach; Kamera: Matthias Fleischer; Musik: Matthias Klein; Schnitt: Philipp Thomas;

Länge: 94,13 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Schwarz Weiss Filmverleih; deutscher Kinostart: 10. Februar 2011



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weitere Kritik zum Film
Wertung: * * * (3/5)


Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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