07.01.2011
Spiel mir das Lied vom Tod

Das Lied in mir


Das Lied in mir: Michael Gwisdek, Jessica Schwarz Vertigo. Maria (Jessica Schwarz) schwindelt, sie muss sich Wasser ins Gesicht spritzen. Die anderen Reisenden sollen ihre Tränen nicht sehen. Sie würden nicht verstehen, warum sie weinen musste. Maria versteht es selbst nicht. Gedankenverloren hat die junge Schwimmerin auf dem Flughafen von Buenos Aires ein argentinisches Wiegenlied mit gesummt, das eine Angestellte dahin sang. Obwohl Maria kein Spanisch spricht, obwohl sie zum ersten Mal in Südamerika ist. Doch woher hatte ihr Vater Anton (Michael Gwisdek) ihr argentinisches Kinderspielzeug, das sie in einem Laden erkennt? Und warum will er nicht über Marias gespenstische Erinnerungen sprechen?

Nein, kein Geheimnis. Einem dunklen Familiengeheimnis sei Jessica Schwarz' Maria auf der Spur, heißt es über Florian Cossens Drama oft. Doch es gibt keine dunklen Geheimnisse in dem nuancierten Figurenspiel. Nur das Dunkel des Unterbewusstseins, aus dem Maria "Das Lied in mir" vernimmt. Die entscheidende Frage nach ihrem wahren Ich kann nur Maria selbst beantworten. Im Zentrum des in Montreal, Zürich und Hof mehrfach ausgezeichneten psychologischen Dramas stehen Erinnerungen und der Umgang mit seelischen Traumata. Verdrängt, verschüttet und von ihren Stiefeltern verleugnet, die Maria vielleicht gestohlen haben. Vielleicht auch gerettet. Vollkommen ergibt sich das nie in Cossens Film. Beklemmend beginnt "Das Lied in mir" mit dem präzisen Porträt von Marias emotionaler Verstörung. Jessica Schwarz führt das hochkarätige Ensemble mit ihrer eindringlichen Darstellung. Doch das Drehbuch lässt seine Hauptdarstellerin mit ihrer Intensität allein.

Das Lied in mir: Jessica Schwarz "Erzähl mir alles, was du weißt!", fordert Maria und viel zu schnell erfüllen ihr Vater Anton und die Handlung ihren Wunsch. Antons Widerwillen wird abgeschwächt zu verunsichertem Zaudern vor einer unangenehmen Nachricht: "Hättest du gerne gehört, dass deine Eltern zu Tode gefoltert wurden?" Nein, nicht gleich zu Anfang. Die emotionale Spannung von Marias Ungewissheit löst das Script durch solchen Übereifer unmittelbar nachdem es sie geschaffen hat wieder auf. Dass ihre Vergangenheit mit den Verbrechen während der Militärdiktatur in Verbindung steht, lässt schon die Landesgeschichte erahnen. Die Schrecken der Vergangenheit sind im Argentinien der Gegenwart kaum noch spürbar. Nur in vereinzelten Szenen bricht sie hervor, wie "Das Lied in mir", das mütterliche Wiegenlied in Maria. Ihre altersschwache Großmutter erkennt die Enkelin nicht, murmelt nur fragend den Namen der eigenen ermordeten Tochter.

Die Mörder aber sind nicht greifbar. Andere Schuldige will "Das Lied in mir" nicht suchen. Die Schuld von Anton und Marias verstorbener Pflegemutter bleibt fast unberührt. Die Unstimmigkeiten im Drehbuch verflechten sich hier zu einem beunruhigenden Netz. Obwohl Maria ihren Aufenthaltsort in Buenos Aires nie nennt, taucht Anton überraschend dort auf. Marias Gelegenheitsliebhaber, der Polizist Alejandro (Rafael Ferro), scheint von Anton geheuert, sie zu überwachen. Anton verrät nie, was er unter der Militärjunta tat, Alejandro deutet an, sein Vater sei in die Verbrechen involviert gewesen.

Das Lied in mir: Rafael Ferro, Jessica Schwarz Von den widersprüchlichen Gefühlen, die Marias Selbstbeherrschung langsam durchbrechen, siegt bei Cossen ausgerechnet Trotz. Gleich einem beleidigten Kind zwingt Maria Anton zum Flaschendrehen und entkleidet sich vor ihm, um zu erfahren, ob sich sein Blick auf sie gewandelt hat, wie Marias Blick auf ihn. Ob er sie weiterhin aus väterlichen Augen betrachtet oder aus denen eines Gefängniswärters. Die vergitterten Hausfenster, durch die Maria nachdenklich auf die Straßen sieht, als suche sie einen Weg in die Vergangenheit, erinnern an das Gefängnis, in dem ihre leiblichen Eltern ermordet wurden. Wie ein Käfig erscheint auch Marias altes Leben immer mehr.

Es bleibt das quälende Bewusstsein, dass nichts gesühnt wurde, weder staatliche noch familiäre Verbrechen. Die unübersehbaren Dissonanzen machen "Das Lied in mir" zu einer zwiespältigen filmischen Melodie; frustrierend, weil sie so harmonisch beginnt und so ausdrucksstark vorgetragen ist. In den Seelenabgrund, aus dem "Das Lied in mir" kam, taucht Maria nie. Den Rest ihres Lebens wird ihr anderes Ich dort kauern und es bleibt die Angst, dass es eines Tages die Hand ausstreckt, um zurückzufordern, was einst ihm gehörte. Diese Angst verschweigt der Film.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Schwarz Weiss Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Das Lied in mir   
 
Deutschland / Argentinien 2009
Filmtitel für den englischsprachigen Markt: The day I was not born

Regie: Florian Cossen;
Darsteller: Jessica Schwarz (Maria), Michael Gwisdek (Anton), Rafael Ferro (Alejandro), Alfredo Castellani (Hugo), Marcela Ferrari (Ana), Beatriz Spelzini (Estela) u.a.;
Drehbuch: Elena von Saucken, Florian Cossen; Produktion: teamWorx Television und Film GmbH, in Koproduktion mit BR und SWR; Produzenten: Jochen Laube, Fabian Maubach; Kamera: Matthias Fleischer; Musik: Matthias Klein; Schnitt: Philipp Thomas;

Länge: 94,13 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Schwarz Weiss Filmverleih; deutscher Kinostart: Kinostart: 10. Februar 2011



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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