20.10.2022

Das goldene Zeitalter

Luis Buñuel wollte provozieren. Der angehende Regisseur drehte 1929 zusammen mit dem Maler Salvador Dalí den kurzen Film "Ein andalusischer Hund". Berühmt ist dessen Anfangsszene, in der ein menschliches Auge zerschnitten wird. Im Film hatten Buñuel und Dalí eigene Träume nacherzählt: Der spätere Erfolgsregisseur träumte einst von einer Wolke, die den Mond durchschneidet, der später legendäre Maler gab den Traum von einer Hand voller Ameisen wieder. Von "Ein andalusischer Hund" waren die Surrealisten begeistert. Der Skandal blieb aus. Zunächst.
Denn ein Jahr darauf folgte "Das goldene Zeitalter", ein Langfilm, ein Tonfilm, eine erneute Zusammenarbeit der beiden Freunde, die sich allerdings während der Dreharbeiten zerstritten. Diesmal funktionierte die Provokation. Rechte Kreise und der Klerus sorgten dafür, dass "Das goldene Zeitalter" verboten wurde. Beide Filme sind heute surrealistische Klassiker.

"'L'Âge d'Or' ist der einzige Film meiner Karriere, den ich in einem Zustand von Euphorie, Enthusiasmus und Zerstörungsrausch drehte, in dem ich die Vertreter der 'Ordnung' angreifen und ihre 'ewigen' Prinzipien lächerlich machen wollte; mit diesem Film wollte ich absichtlich einen Skandal herbeiführen."

Die Kirche konnte nicht begeistert sein. Eine der ersten Szenen des Films zeigt auf einer Insel sitzende Bischöfe in vollem Ornat. Später sind sie Skelette in vollem Ornat. Alles andere als gradlinig erzählt Buñuel eine Handlung, die keine ist, nur zusammengehalten von einem immer wiederkehrenden Liebespaar (Gaston Modot, Lya Lys), das beim Schmusen stets gestört wird. Das Kinopublikum lernt es auf der Insel kennen, es wälzt sich angezogen im Schlamm. Hier stören Honoratioren: Diese wollen auf der Insel eine Stadt gründen. Später, in Rom, trifft der namenlose Mann die namenlose Frau erneut an einem Gesellschaftsabend im großbürgerlichen Milieu. Auch hier finden sie nicht zueinander, werden voneinander abgehalten. Die Surrealisten, in deren Reihen Buñuel durch seine zwei Filme aufgenommen wurde, sprachen der Liebe die Romantik ab. Daher die "Schlammschlacht" in Liebe. Eine anarchische Liebe. Der Mann, der lieben will und es nicht darf, weil die Bourgeoisie es nicht zulässt, wird wild. Er wirft in seiner letzten Szene des Films eine brennende Fichte, einen lebendigen Bischof und eine Giraffenpuppe aus dem Fenster. Die letzte Sequenz zeigt einen Marquis in Christus-Gestalt. Eine Orgie ist zu Ende. Nicht irgendeine Orgie. Es soll die brutalste Orgie aus dem Roman "Die 120 Tage von Sodom" des Marquis de Sade sein. Buñuel spritzt in dieser letzten Sequenz Gift. Dies hatte er im Prolog indirekt angekündigt: Dieser handelt dokumentarisch-harmlos vom Körperbau eines Skorpions. Sein Schwanz hat sechs Segmente, das letzte enthält Gift. Der Film hat sechs große Sequenzen.

Nichts in dem Film ergibt Sinn. Wie es die Surrealisten verlangten. Einzig der Hinweis auf die Boshaftigkeit des Bürgertums ist manifest. Um das Thema drehten sich prinzipiell alle weiteren Filme des Kommunisten Buñuel, seien es "Der diskrete Charme der Bourgeoisie", "Viridiana", "Das Gespenst der Freiheit", "Belle de Jour – Schöne des Tages".

Der Regisseur kann seine Abneigung in perfekte Bilder fassen. Ein Wermutstropfen: Der von einem Mimik und Gestik sehr sinnvoll einsetzenden Gaston Modot gespielte Mann ist zu unsympathisch. Er wird einer Frau des Gesellschaftsabends aus einem harmlosen Grund eine Ohrfeige verpassen, er rastet häufiger aus, wenn er die von Lya Lys dargestellte Frau nicht umarmen darf. Gleichwohl ist "Das goldene Zeitalter" zeitlos und ein unbedingt empfehlenswerter Filmklassiker.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Das goldene Zeitalter
(L'Âge d'Or)

Frankreich 1930
Regie: Luis Buñuel;
Darsteller: Gaston Modot, Lya Lys, Max Ernst u.a.;
Drehbuch: Luis Buñuel, Salvador Dalí; Produktion: Le Vicomte de Noailles; Kamera: Albert Duverger; Musik: Luis Buñuel, Georges van Parys, Richard Wagner (Liebestod), Franz Schubert (Sinfonie in h-Moll);

Länge: 60 Minuten



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"Die Liebe, die ich im Leben empfinde, meine Zerrissenheit, mein Glück - alles fließt in die Filme ein, ist Teil von ihnen... Wenn ich einen Film sehe, nachdem ich ihn gemacht habe, erkenne ich mein Leben darin wieder."

Schauspielerin Jeanne Moreau (1928 - 2017)

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