04.08.2018
Zwischen Zuckerschock und Düsterkeit

Christopher Robin


Christopher Robin Manche Geschichten werden niemals alt – weil sie es schon immer waren. Eines dieser von Grund auf altbackenen Märchen ist A. A. Milnes Kinderbuchreihe, die Walt Disney zahlreiche zuverlässige Kinoerfolge bescherte. Mit Blick auf die kolossalen Einnahmen von "Paddington" und "Paddington 2", beschloss das Studio, die Kasse nochmal mächtig klingeln zu lassen, bevor knuffelige Bären wieder out sind. Dass der echte Christopher Robin Milne, der Sohn des Autors, die Vermarktung der Buchfiguren ablehnte, hinderte Marc Foster nicht daran, neben den prominenten Plüschtieren ihn selbst zum Objekt eines moralinsauren 3D-Vehikels zu machen.

Der ungelenk zwischen Zuckerschock und Düsterkeit stolpernde Familienfilm lief vermutlich zeitgleich vom Fließband wie die Steiff-Sonderedition von Winnie the Pooh, Tigger (beide gesprochen von Jim Cummings), Eeyore (Brad Garrett), Piglet (Nick Mohammed), Owl (Toby Jones) und den übrigen Stofftier-Gefährten Christopher Robins Leinwand-Pendants (Ewan McGregor). Wegen des schmierigen Abteilungsleiters Giles (ein grimassierender Mark Gatiss) hat er weder Zeit für Tagträume noch Gattin Evelyn (Hayley Atwell) und Tochter Madeline (Bronte Carmichael). Der Weg, auf dem seine fast vergessenen Kindheitsfreunde ihn zurück zu mehr Lebensfreude führen, ist ebenso vorhersehbar wie ignorant.

Christopher Robin Verkitschte Mythen von kindlicher Unbeschwertheit und Nostalgie unterfüttert die verlogene Mär in adrettestem 50er-Jahre-Setting mit doppelt- und dreifacher Vergangenheitsklitterung. Rassistische und sexistische Diskriminierung existieren im England der 50er nicht. Noch auffälliger ist die Abwesenheit der Eltern, deren Landsitz Christopher Robin besucht. Der dem Wust historischer und biografischer Falsifikation unterliegende Zynismus gipfelt in der rigorosen Umdeutung der ambivalenten bis traumatischen Auswirkungen, die der popularisierte Phantasiekosmos auf Christopher Robins Kindheit und Erwachsenenleben hatte. Jedes dramatische Potenzial ertränkt honigsüße Heuchelei. Da wird nicht nur einer wie Eeyore depressiv.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 

 
Filmdaten 
 
Christopher Robin (Christopher Robin) 
 
USA 2018
Regie: Marc Forster;
Darsteller: Ewan McGregor (Christopher Robin), Hayley Atwell (Evelyn Robin), Bronte Carmichael (Madeline Robin), Mark Gatiss (Giles Winslow), Oliver Ford Davies (alter Winslow), Ronke Adekoluejo (Katherine Dane), Adrian Scarborough (Hal Gallsworthy), Roger Ashton-Griffiths (Ralph Butterworth), Ken Nwosu (Paul Hastings), John Dagleish (Matthew Leadbetter), Amanda Lawrence (Joan MacMillan), Orton O'Brien (junger Christopher Robin), Katy Carmichael (Christophers Mutter), Tristan Sturrock (Christophers Vater), Jim Cummings (Stimme von Winnie the Pooh / Tigger), Brad Garrett (Stimme von Eeyore), Nick Mohammed (Stimme von Piglet), Peter Capaldi (Stimme von Rabbit), Sophie Okonedo (Stimme von Kanga), Sara Sheen (Stimme von Roo), Toby Jones (Stimme von Owl) u.a.;
Drehbuch: Alex Ross Perry, Tom McCarthy, Allison Schroeder nach der Story von Greg Brooker und Mark Steven Johnson basierend auf den Figuren von A.A. Milne und E.H. Shepard; Produzenten: Kristin Burr, Brigham Taylor; Kamera: Matthias Koenigswieser; Musik: Jon Brion, Geoff Zanelli; Schnitt: Matt Chesse;

Länge: 104,28 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Walt Disney Studios Motion Pictures Germany; deutscher Kinostart: 16. August 2018



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<04.08.2018>


Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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