27.07.2018
Ein trutschiges Ehepaar, das die Liebe wiederentdeckt

Candelaria - Ein kubanischer Sommer


Candelaria - Ein kubanischer Sommer: Verónica Lynn, Alden Knight Kuba in der Zeit nach dem Fall der Sowjetunion in den 1990er-Jahren: Die Menschen hungern, denn das Land leidet unter einer Handelsblockade. Ein altes kubanisches Ehepaar stellt der kolumbianische Regisseur Jhonny Hendrix Hinestroza in den Mittelpunkt seines Films. Die beiden (Verónica Lynn, Alden Knight) leben miteinander mehr aus Gewohnheit denn aus Liebe. Hier wird der Film fast dokumentarisch: Gut stellt der Film dar, wie das Paar die Tage in Streit und Abhängigkeit voneinander verbringt, wie es den Alltag mit Arbeit und abendlichem Beieinandersein vollzieht. Dann findet die Frau eine Videokamera, die sie nachhause mitnimmt. Die Liebe blüht neu auf. Was über Umwege anderen Leuten nicht verborgen bleibt: Ihre Filmchen inklusive Sex im Alter verkaufen sich gut.
"Candelaria" ist eine kleine, aber internationale Produktion und ein sehenswerter, aber nicht der beste Arthouse-Film, da ihn viele Mängel bestimmen.

Hunger. Stromausfall. Die letzte Glühbirne bitteschön gut behandeln. Für Candelaria und ihren Mann Victor Hugo ist das Leben in Kuba zur Zeit der Mangelwirtschaft und fehlender Unterstützung des Fidel-Castro-Staates durch die untergegangene Sowjetunion nicht leicht. Sie machen das Beste draus: Die alte Dame singt gerne vor Publikum, die schönen Kleider dafür leiht sie bei Arbeitskolleginnen aus. Aber bitteschön am nächsten Tag wieder zurückbringen, sonst ist es Diebstahl. Candelaria wirkt zerbrechlich in ihrem Alter. Aber sie macht sich schön. Mit Schminke. Die wohldosiert wird, sie darf nicht bald ausgehen. Kinder hat das Paar keine. Oder doch: Heimlich ziehen die beiden fünf Küken groß. Candelaria liebt die Kleinen wie Kinder. Damit macht das Paar sich strafbar, es darf nicht erwischt werden, Hühner sind im Privatbesitz nicht gestattet. Für den Mann, Victor Hugo, ist der Name Programm: Er liebt Bücher. Und Baseball. Wenn nur die Knie mitmachten. Und die Lunge.

Candelaria - Ein kubanischer Sommer: Philipp Hochmair, Alden Knight Der Alltag wird im Film lange und ausführlich als immer gleich beschrieben. Wenn sie zuhause sind, streiten sie sich. Liebe? Im Alter? Nicht mehr da. Bis Candelaria eines Tages eine hochmoderne Videokamera am Arbeitsplatz in der Waschküche eines Hotels findet. Sie nimmt sie mit. Die beiden Eheleute filmen sich. Filmen sich sogar beim Sex, denn die Gefühle füreinander flackern nochmal auf, die Kamera ist ein Aphrodisiakum. Dann klaut jemand Victor Hugo die Kamera. Er findet sie bei einem Hehler, gespielt vom österreichischen Schauspieler Philipp Hochmair ("Der Glanz des Tages", "Kater") wieder. Dort vermutete er sie zu Recht. Den Hehler hatte er schon mal aufgesucht. Geplant war, ihm die Kamera zu verkaufen. Victor Hugo machte einen Rückzieher und verkaufte stattdessen seine Armbanduhr, da die Kamera für ihn und seine Frau plötzlich von Wert war. Nicht nur für ihn: Der Hehler gibt ihm die Kamera überraschend zurück. Wenn das Paar nur weitere schöne Filme dreht, die sich sehr gut verkaufen lassen. Sex im Alter. Prostitution für ein besseres Leben. Machen Candelaria und Victor Hugo das lange mit?

Candelaria - Ein kubanischer Sommer: Filmplakat Man sieht den beiden Hauptdarstellern an, dass sie älter sind, als ihre Rollen laut Pressematerial: Candelaria soll 75 Jahre alt sein, Verónica Lynn ist aber Jahrgang 1931; Victor Hugo wird als 76 Jahre alt angegeben, Alden Knight ist 1936 geboren. Die Figuren mit älteren Darstellern zu besetzen, ist ein Kniff der Produktion: Damit wirkt der Mangel im Lande Kuba glaubwürdiger. Beide Protagonisten sehen ausgemergelt aus. Es ist ein guter Einfall von nicht vielen. Manches im Film stimmt nicht. Das Paar ist trutschig, alt, aber nicht alt wie ein guter Wein, eher wie eine alte Sperrmüll-Kommode. Der Zuschauer quält sich mit beiden durch deren Alltag. Der zu lange ohne bemerkenswerte Vorkommnisse dahinfließt. Schlimmer ist Philipp Hochmair als Hehler: Noch nie war der Österreicher in einem Film schlechter, als in diesem. Er chargiert, nervt durch Übereinsatz. Er nimmt seine Figur nicht ernst. Wie auch die extreme Langatmigkeit des Alltags, hätte Regisseur Hinestroza dies besser in den Griff bekommen müssen. Sowie den Hinweis, dass eine der beiden Hauptfiguren schwerstkrank ist. Der Zuschauer erfährt es zu spät. Früher im Film angesetzt, wäre die Information besser gewesen.

Eine wirkliche Botschaft gibt Hinestroza dem Publikum nicht mit auf den Weg. Außer, dass Liebe im Alter noch möglich ist, sie muss sich nur neu entwickeln.

Ein Wort zum Schluss zum Abspann: Er wurde schlampig aufgesetzt, Hauptdarsteller Knight wird dort "Alden Knigth" genannt. Ein Fehler, der auch im Pressematerial zu finden ist und es sogar in die Internet Movie Database geschafft hat.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: DCM

 
Filmdaten 
 
Candelaria - Ein kubanischer Sommer (Candelaria) 
 
Kolumbien/Deutschland/Norwegen/Argentinien/Kuba 2017
Regie: Jhonny Hendrix Hinestroza;
Darsteller: Verónica Lynn (Candelaria), Alden Knight (Victor Hugo), Philipp Hochmair (der Hehler), Manuel Viveros (Negro) u.a.;
Drehbuch: Maria Camila Arias, Jhonny Hendrix Hinestroza; Produktion: Antorcha Films, Kolumbien; Razor Film Produktion, Deutschland; Dag Hoel DHF, Norwegen; Pucarà Cine, Argentinien; Producciones de la 5ta avenida, Kuba; Kamera: Soledad Rodriguez; Musik: Alvaro Morales; Schnitt: Anita Remón, Mauricio Leiva, Jhonny Hendrix Hinestroza;

Länge: 88,47 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih von DCM Film Distribution; deutscher Kinostart: 5. Juli 2018



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DCM
<27.07.2018>


Zitat

"Er war einer der großen deutschen Filmhistoriker, hellsichtig, leidenschaftlich, präzise. Aus dem Münchner Filmmuseum, das er von 1973 bis 1994 leitete, machte er einen Ort für alle, die das Kino lieben und verstehen wollen, wie es funktioniert. Zusammen mit seiner Frau Frieda Grafe setzte er neue Maßstäbe für die Reflexion über den Film als Kunstform. Durch umfangreiche Retrospektiven schärfte er den Blick auf die Werke bedeutender Filmemacher, aber auch für die Komplexität des Genre-Kinos. Er rekonstruierte Klassiker wie 'M' oder 'Metropolis' und schuf damit ein Bewusstsein für den Reichtum des Stummfilms."

Aus dem SPIEGEL-Nachruf zum Tode des Filmpublizisten
und -kritikers Enno Patalas (15.10.1929 - 07.08.2018)

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