21.11.2015
Spionage und Menschlichkeit

Bridge of Spies
- Der Unterhändler


Bridge of Spies - Der Unterhändler In einer halbdunklen Wohnung steht ein Mann vor dem Spiegel, daneben eine Ölbild-Staffelei. Er malt ein Selbstporträt. Auf dem Weg zu einem klingelnden Telefon nimmt die Kamera Spionageausrüstung auf: aufeinander gestapelte Apparate, Kurzwellenradios, Verschlüsselungsmaschinen, Vergrößerungstechnik. Der Mann hebt den Hörer ab und sagt kein Wort, hört nur zu, legt dann auf. Schon die ersten Sekunden des Spielfilms ziehen den Zuschauer in den Bann, und es bleibt die ganze stattliche Länge des Films so (2 Stunden und 22 Minuten). Mitten im kalten Krieg sollen russische und amerikanische Spione auf der Glienicker Brücke in Berlin gegeneinander ausgetauscht werden. Dies ist die faszinierend gut erzählte Geschichte, wie es dazu kam.

Keine überflüssigen Floskeln, kein Wort zu viel. Die Handlung ist konzentriert, die Bilder kahl, karg und poetisch. Der Sowjetagent mit nordenglischem Akzent, Rudolf Abel, ein selbst im Angesicht des Todes völlig ruhiger Mensch, der sich nie Sorgen macht, ein Künstler, wird Ende der 1950er Jahre in den USA verhaftet. Ausgerechnet ein Anwalt für Versicherungsrecht soll ihn vor dem Strafgericht verteidigen, weil sich sonst niemand dafür findet. Man würde sich ja auch unbeliebt und angreifbar machen. Der von Tom Hanks gespielte Jurist namens James Donovan ist Familienvater und ein Patriot, der an die Werte der amerikanischen Verfassung glaubt. Selbst als die CIA ihn einschüchtern will, beißt sie auf Granit.

Das Gesetz scheint selbst beim Richter keine Rolle zu spielen, denn der Sowjetagent ist verurteilt, bevor er überhaupt den Gerichtssaal betritt. Donovan steht ein harter Kampf für die Behauptung rechtsstaatlicher Werte bevor, in dem er seine Ehre und die Sicherheit seiner Frau und Kinder aufs Spiel setzt. Letztendlich soll Donovan den Austausch Abels mit einem amerikanischen U2-Spionageflugzeugpiloten, Francis Gary Powers in Ostberlin in die Hand nehmen.

Bridge of Spies - Der Unterhändler Nicht zu übersehen sind die patriotischen Töne des Films, wo die überlegenen amerikanischen Werte den sowjetischen gegenübergestellt werden. Aber auch wenn das so ist, so gibt es eben auch humanistische Werte, die langfristig ihre Überlegenheit zeigen. Verfassung und Freiheit sind hart erkämpfte Ideale, die man auch verteidigen muss. Das sagt uns dieser Film. Mit "Lincoln" (2012), als Produzent von "Letters from Iwo Jima" und "Flags of Our Fathers" (beide 2006, Regie Clint Eastwood), oder mit "Der Soldat James Ryan" (1998) zeigte Spielberg immer wieder die Tatkraft solcher tiefmenschlicher – und eben auch amerikanischer – Moralvorstellungen.

Man kann nicht umhin, von diesem gelungenen Opus von Steven Spielberg (Drehbuch schrieben u.a. die Coen-Brüder) berührt zu sein. Spannung, hohe Filmästhetik, gutes Schauspiel und ein intelligentes Drehbuch sorgen für Kurzweil. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, der "echte" Donovan erreichte nach dem erfolgreichen Spionageaustausch in Berlin die Freilassung weiterer 9600 Gefangener der gescheiterten Schweinbuchtinvasion auf Kuba 1961. Rudolf Abel wurde aufgrund der von ihm für codierte Nachrichten als Transportmittel genutzten leeren Münzen aufgespürt (der sogenannte "Hollow Nickel Case", eine FBI-Ermittlung).

Auch ist man von der Haltung Donovans – und nicht zuletzt der schauspielerischen Leistung von Tom Hanks – beeindruckt, der viel einsteckt, seinen Hals für andere hinhält, obwohl er es gar nicht müsste. Abel bezeichnet ihn im Film als "standing man" – ein Mann, der trotz großer Widrigkeiten immer wieder aufsteht und sich nicht geschlagen gibt. Eine ermutigende Botschaft der Drehbuchautoren an das Kinopublikum.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
Bridge of Spies - Der Unterhändler (Bridge of Spies) 
 
USA / Indien / Deutschland 2015
Regie: Steven Spielberg;
Darsteller: Tom Hanks (James Donovan), Mark Rylance (Rudolf Abel), Scott Sheperd (Hoffman), Amy Ryan (Mary Donovan), Sebastian Koch (Wolfgang Vogel), Alan Alda (Thomas Watters), Austin Stowell (Francis Gary Powers), Mikhail Gorevoy (Ivan Schischkin), Will Rogers (Frederic Pryor) u.a.;
Drehbuch: Matt Charman, Ethan und Joel Coen; Produktion: Steven Spielberg, Marc Platt, Kristie Macosko Krieger; Kamera: Janusz Kaminski; Musik: Thomas Newman; Schnitt: Michael Kahn;

Länge: 142,03 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH; deutscher Kinostart: 26. November 2015



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
 
 
 
 
Offizielle Seite zum Film
<21.11.2015>


Traueranzeige

verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe