05.10.2018
Metamorphosen in der Pubertät, hier in extremer Form

Blue My Mind


Blue My Mind: Luna Wedler Ein Schweizer Coming-of-Age-Film der etwas anderen Art: Die 15-jährige Mia (Luna Wedler), gerade mit ihren Eltern umgezogen und in eine andere Schule gekommen, steckt mitten in der Pubertät. Mit dem Erwachsenwerden verändert sich der Körper. Aber bei Mia anders, als sie selbst es wünscht. Das Mädchen entwickelt einen seltsamen Heißhunger: Es stibitzt die Aquarienfische seiner Eltern. Warum wachsen Häutchen zwischen den Zehen? Dann werden die Beine fleckig. Und bekommen Schuppen.
Die englische Redewendung "Blow My Mind" steht für das Verdrehen des Verstandes durch ein Geschehnis. Darauf spielt der Titel des Spielfilmdebüts der Schweizer Regisseurin Lisa Brühlmann an, ein Film, der oft in blauen Farbtönen gehalten ist, blau wie Wasser. Der Zuschauer ahnt, was kommt: Mia wird zur Meerjungfrau, oder gar ganz zum Fisch. "Shape of Water" lässt grüßen. Aber ein ähnlich fantasievoller Film ist "Blue My Mind" nicht ganz.

Blue My Mind Beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2018 feierte "Blue My Mind" seine deutsche Erstaufführung und wurde dort mit dem Regiepreis prämiert. In den letzten Jahren hat das Saarbrücker Festival immer wieder Filme mit bestimmten Tendenzen hervorgebracht und auch ausgezeichnet. Die Tendenzen sind Einzelgängertum und Pubertät; beide finden sich in diesem Film wieder. Auch in "Blue My Mind" ist eine Heranwachsende gezwungen, sich nach der Suche um ihren Platz in der Gesellschaft aus dieser zurückzuziehen. Denn ihre Gene lassen einen Verbleib im bisherigen Leben nicht zu. Der Schluss des Films in seiner Magie war der beste des Festivals. Die Verwandlung von Mia steht für die Probleme, die Heranwachsende während der Pubertät haben, die Veränderungen, die damit einhergehen, die Suche nach sich selbst. Autorenfilmerin Lisa Brühlmann schuf einen gelungenen Film, dessen fantastievolles Ende für eine manchmal zu konventionelle Handlung entschädigt. Denn Mias Metamorphose bestimmt nicht den Film, sie tritt vergleichsweise zurückhaltend auf: "Blue My Mind" konzentriert sich eher auf das normale Teenagerdasein und die damit einhergehenden Konflikte. Der Film hat nicht viel von einem Märchen; er hält sich in der Hinsicht zurück, was klug ist, so umschifft er Kitsch. Damit sorgt Brühlmann allerdings dafür, dass der Film lange wie eine normale Teenager-Geschichte daherkommt.

Blue My Mind An der neuen Schule zunächst gemobbt, findet Mia bald Anschluss. Die Wortführerin unter den Mobberinnen, Gianna (Zoë Pastelle Holthuizen), wird Mias beste Freundin. Es kommen Drogen, Sex und Alkohol ins Spiel, Ärger mit den Eltern. Der gewöhnliche Alltag eines Teenagers eben, oder wie ein Filmemacher sich ihn vorstellt. Vielleicht hätte Brühlmann den Film zauberhafter gestalten müssen. Denn das Alltägliche, das nur allmählich von der Metamorphose Mias durchbrochen wird, bis diese schließlich Oberhand gewinnt, kennt der Zuschauer zur Genüge, dieses Alltägliche ist nicht spektakulär erzählt. Der nur scheinbar normale Teenager Mia, den der Film fast immer begleitet, lebt ein gewöhnliches Leben – wären nicht allmähliche Anomalien behutsam (zu behutsam) eingestreut.

Mehr Magie hätte dem Film von Lisa Brühlmann gut getan, aber das Ende ist sehr sehenswert. Und Luna Wedler als Mia ist eine Entdeckung.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Daniel Lobos / Tellfilm

 
Filmdaten 
 
Blue My Mind (Blue My Mind) 
 
Schweiz 2017
Regie & Drehbuch: Lisa Brühlmann;
Darsteller: Luna Wedler (Mia), Zoë Pastelle Holthuizen (Gianna), Regula Grauwiller (Gabriela), Georg Scharegg (Michael), Lou Haltinner (Nelly), Yael Meier (Vivi), David Oberholzer (Roberto), Una Rusca (Sophie), Timon Kiefer (Alex), Benjamin Dangel (Jim), Martin Rapold (Giannas Vater), Rachel Braunschweig (Ärztin) u.a.;
Produzenten: Stefan Jäger, Katrin Renz; Kamera: Gabriel Lobos; Musik: Thomas Kuratli; Schnitt: Noëmi Preiswerk;

Länge: 97 Minuten; FSK: noch nicht bekannt; ein Film im Verleih von Meteor Film; deutscher Kinostart: 1. November 2018



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<05.10.2018>


Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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