22.02.2018
Ein hybrides Meisterwerk!

Shape of Water
- Das Flüstern des Wassers


Shape of Water - Das Flüstern des Wassers: Sally Hawkins Guillermo del Toro inszeniert eine fabelhafte und böse Science-Fiction-Welt mitten im kalten Krieg.
Alles dreht sich um ein Hochsicherheitslabor der US-amerikanischen Regierung im Jahr 1962 und ein mysteriöses humanoides Fischwesen (Doug Jones), das aus Südamerika verschleppt wurde und jetzt dort gefangen gehalten wird. Aber wo fängt man im Reigen der Figuren an, die sich um dieses Zentrum drehen und die alle abgründig, kantig und einfühlsam genug gezeichnet sind, um alleine einen Film tragen zu können?

Bei Colonel Strickland (Michael Shannon), der das von den Einheimischen als Gottheit verehrte Hybrid-Wesen gefangen und in die USA gebracht hat? Er hasst dieses 'Objekt', quält es bei Versuchen, es mit seinem dicken Elektroschock-Rinderknüppel zu zähmen. Zugleich hofft er, sich nach Abschluss der Experimente an den zwei unabhängigen Atem-Systemen des Forschungs-Objekts, und dessen Tod, in Ehren zur Ruhe setzen zu können; mit seinen Kindern und seiner Frau, von der er mehr als alles andere verlangt, dass sie beim Sex die Klappe hält. Etwas voreilig erwirbt er, sein Verhalten wird von einem Positive-Thinking-Buch gesteuert, einen mintgrünen Cadillac, der ihm als 'Auto der Zukunft' verkauft wird.

Shape of Water - Das Flüstern des Wassers: Michael Shannon, Michael Stuhlbarg Oder beim wissenschaftlichen Leiter Dr. Robert Hoffstetler (Michael Stuhlbarg), der eigentlich ein russischer Spion ist, aber noch eigentlicher ein Wissenschaftler mit Ethos und Herz? Er trifft seine russischen Vorgesetzten immer an einem Betonwerk außerhalb der Stadt und tauscht merkwürdige Codewörter mit ihnen aus. Strickland misstraut ihm, nennt ihn herablassend 'Boris'. Als Hoffstetler entdeckt, dass das Hybrid-Wesen kommunizieren kann, gerät er in einen Loyalitätskonflikt zwischen dem russischen Geheimdienst und dem wissenschaftlichen Streben nach Erkenntnis.

Oder beginnt man mit Giles (Richard Jenkins), Elisas Nachbarn, einem gescheiterten Werbezeichner? Außer der stummen Elisa hat er niemanden zum 'Sprechen', abgesehen vielleicht von einer jungen, männlichen Bedienung in einem Pudding-Kuchen-Franchise, in die er sich verliebt. Seine Leidenschaft sind alte Filme und die Überzeugung, zu früh oder zu spät geboren worden zu sein. Auch sein Leben wird das Mischwesen verändern.

Shape of Water - Das Flüstern des Wassers: Sally Hawkins, Octavia Spencer Wäre da noch die Afro-Amerikanerin Zelda (Octavia Spencer), die mit Elisa in der Putzkolonne des Hochsicherheitslabors arbeitet und ihr am Morgen einen Platz an der Stechuhr freihält. In den Pausen raucht sie ab und zu mit den anderen schwarzen Hilfsarbeitern. Von Strickland muss sie sich rassistische Kommentare gefallen lassen, während zuhause ihr Mann Webster sie systematisch ausnutzt. Jeden Tag klagt sie bei der Arbeit Elisa, deren Gebärdensprache sie versteht, ihr Leid mit diesem Mann, der erst gegen Ende des Films überraschend in Erscheinung tritt und noch eine wichtige Rolle spielt.

Oder man fängt doch mit Elisa (Sally Hawkins) an, der stummen Putzkraft und Hauptprotagonistin des Films. Jeden Morgen kocht sie sich Eier zum Proviant und steigt währenddessen zur Masturbation in die Badewanne. Sie ist es, die sich im Hochsicherheitslabor in das gefangene Wesen verliebt, das ebenso stumm ist wie sie. In Gebärdensprache bringt sie ihm die Worte 'Ei' und 'Musik' bei, picknickt mit ihm im Labor zu Musik aus einem tragbaren Plattenspieler. Als sie zufällig ein Gespräch belauscht, in dem besprochen wird, dass ihr Geliebtes getötet werden soll, beschließt sie, es zu befreien.

Shape of Water - Das Flüstern des Wassers: Filmplakat Aber halt. Könnte man die Geschichte nicht auch aus Sicht des Hybrids erzählen? Seine Animation ist großartig gelungen. Wenn Elisa über die schuppige Haut fährt, spürt man das an der Fingerkuppe. Wenn es das von ihr an den Beckenrand gelegte Ei betrachtet, zwei weiße Häutchen, wie zweite Lider flattern über den Augapfel, strömt von den Augen jene Beruhigung aus, die Intimität mit einem uns zugleich sehr nahen und sehr fremden Leben auslösen kann. Wenn Zelda und Elisa, ihre Putzwagen schiebend, in einem Mischmasch aus Gebärden und gesprochener Sprache über sein, im Film stets verborgenes, Geschlechtsteil sprechen, setzt die eigene Imagination die Animation fort, ihre schuppige, muskulöse, glibberige Lebendigkeit. Aber das Wesen selbst bleibt, abgesehen von den Gebärden für 'Ei' und 'Musik', stumm. Der Film erzählt von ihm, über es und vor allem von den Beziehungen der Menschen zu ihm. Aber seine Geschichte und seine Perspektive bleiben unerzählt. Kann man dem Film vorwerfen, dass er sich vor der Herausforderung drückt, die eine Annäherung an die Sichtweise des Hybriden bedeuten würde? Oder trifft der Film hier eine kluge Entscheidung, indem er in seiner Mitte ein Mysterium belässt, für das wir (noch) nicht über Narrative verfügen? Ein Wesen, mit dem wir möglicherweise von vorne beginnen müssen. Mit dem wir erst einmal stumm sein müssen und die Sinnlichkeit des Mysteriums wiederbeleben müssen. Um von dem und mit zu sprechen, wir die Sprache der Gebärden erlernen müssen, oder eine ganz andere. Aber nicht nur die Gestaltung des Wesens, auch die der Räume ist großartig gelungen und erweckt zusammen mit dem Bilddesign immer ein wenig den Eindruck, man wäre unter Wasser, was die Dinge verfremdet, stummer macht, näher und schwebender erscheinen lässt.

Der Film ist ein Plädoyer für das Hybride. Kolonialistisches und chauvinistisches Gehabe, Rassismus und die Unterdrückung von Frauen werden, vor allem in der Figur des Strickland, zelebriert und dabei feierlich und mit viel Spaß entblößt. Denn der Film setzt unserer Welt in allen Details seiner Inszenierung die verspielte und hybride Sichtweise der Form des Wassers entgegen, die durch alle Bilder fließt – eine liebevolle, mächtige und tanzende Kritik aller bestehenden Verhältnisse.  

Simon Probst / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (The Shape of Water) 
 
USA 2017
Regie: Guillermo del Toro;
Darsteller: Sally Hawkins (Elisa Esposito), Michael Shannon (Richard Strickland), Richard Jenkins (Giles), Octavia Spencer (Zelda Fuller), Michael Stuhlbarg (Dr. Robert Hoffstetler), Doug Jones (Amphibienmann), David Hewlett (Fleming), Nick Searcy (General Hoyt), Stewart Arnott (Bernard), Nigel Bennett (Mihalkov), Lauren Lee Smith (Elaine Strickland) u.a.;
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor nach der Story von Guillermo del Toro; Produzenten: J. Miles Dale, Guillermo del Toro; Kamera: Dan Laustsen; Musik: Alexandre Desplat; Schnitt: Sidney Wolinsky;

Länge: 123,28 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH; deutscher Kinostart: 15. Februar 2018

Auszeichnungen:

zahlreiche Auszeichnungen, u.a. für 13 Oscars (Academy Awards) nominiert

Golden Globes 2018: Beste Regie, Beste Musik
u.a.



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Zitat

"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

Schauspielerin Jamie Lee Curtis über #MeToo und Hollywood

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