13.12.2017
Film von Fatih Akin, der Mitgefühl erzeugt

Aus dem Nichts


Aus dem Nichts: Rafael Santana, Diane Kruger Noch während in München der NSU-Gerichtsprozess läuft, kommt Regisseur Fatih Akin mit dem Film dazu ins Kino. "Aus dem Nichts" ist so gut, ja packend, dass der Film beim Filmfestival in Cannes 2017 im Wettbewerb lief und seine Hauptdarstellerin Diane Kruger dort ausgezeichnet wurde.
Eine junge Deutsche verliert ihren Mann und kleinen Sohn, weil Terroristen, Neonazis, sie in die Luft sprengen. Was die Frau daraufhin durchmachen muss, zeigt Akin ergreifend, von Trauer über Wut über einen Selbstmordversuch bis hin zum Racheakt. Dieser ist in einem Film immer fragwürdig, immer kontrovers diskutierbar. Da hier das Selbstmordattentat der Frau am Ende des Films nur ein filmisches Element von vielen ist, andere wichtiger, wird "Aus dem Nichts" nicht zu einem weiteren Film der Richtung "Ein Mann sieht Rot" mit Charles Bronson, sondern zu einem hervorragend erzählten Film.
Dessen einziges Manko: Akin unterschätzt die Bedeutung einer Explosion mit Toten in Hamburg.

Der Film brannte Fatih Akin unter den Nägeln, sagte er 2004 während der Berlinale – über seinen dort gezeigten und bis jetzt wichtigsten Film, "Gegen die Wand". Der dann den Goldenen Bären gewann. Wie muss dem Regisseur erst "Aus dem Nichts" unter den Nägeln gebrannt haben. "Ich war geschockt, als 2011 die NSU-Morde ans Licht kamen. Dass die NSU eine ganze Reihe fremdenfeindlicher Morde zwischen 2000 und 2007 in Deutschland beging und dass sich die Polizei jahrelang in ihren Ermittlungen nur auf die Menschen im Umfeld der Opfer konzentrierte. Wegen ihrer ethnischen Herkunft verdächtigte man die Opfer, dass sie mögliche Verbindungen zum Drogen- und Spielermilieu hatten. Der Druck der Polizei war so groß, dass auch die Presse und sogar das Umfeld der Opfer selbst derartige Verdächtigungen in Betracht zogen", erklärt Akin.

Aus dem Nichts: Diane Kruger, Numan Acar Dem Film merkt man in jeder Sekunde an, dass für den Regisseur "Aus dem Nichts" eine Herzensangelegenheit ist: Der Film bebt vor Akins Bemühungen, den Zuschauer an den Empfindungen der von Diane Kruger gespielten Katja teilhaben zu lassen. Akin schrieb das Drehbuch zusammen mit der Schauspielerlegende Hark Bohm, der auch Jurist ist. Beide zeigen Katjas Leid und protokollieren den Gerichtsprozess gegen zwei junge Neonazis, die schließlich mangels Beweisen freikommen, ergänzen den Film im Gefolge um Vergeltung, die der Empathie empfindende Zuschauer mitträgt: Katja lässt die fehlende Sühne für die Täter nicht auf sich beruhen. Sie wird am Ende des Films zur Selbstmordattentäterin.

Bis dahin demonstriert Diane Kruger, die als Deutsche nach Rollen in internationalen Produktionen wie "Troja" und "Inglourious Basterds" erstmals in einem deutschsprachigen Film besetzt ist, was es heißt, wenn ein Mensch in Trauer und Wut versinkt. Selten wurde es besser, ergreifender in Szene gesetzt, als hier.

Aus dem Nichts: Denis Moschitto, Diane Kruger In einem Punkt irrt Fatih Akin: Wenn in Hamburg eine Bombe explodiert und sie Tote fordert, ist die öffentliche Anteilnahme eine andere, als die, die der Film zeigt. Es macht einen Unterschied, ob die NSU-Mörder mit einer Waffe einen Kebabladen-Wirt erschießen oder eine Bombe hochgeht. In letzterem Fall ist die Öffentlichkeit alarmiert, und zwar über die Grenzen Hamburgs hinaus. Sie würde viel eher eine Bestrafung der Verantwortlichen fordern und den Freispruch nicht hinnehmen, sich gleichzeitig mit Katja solidarisieren – nach dem verlorenen Gerichtsprozess im Film ist davon nichts zu sehen. In ersterem Fall hingegen, bei einem Mord mit Waffe, geschieht etwas anderes: Die öffentliche Wahrnehmung des Aktes verschwimmt in der Ahnungslosigkeit, ob es Terror war oder ein Mord im Umfeld des Opfers. Die NSU-Täter wussten genau, warum sie nicht mit Bomben mordeten. Ihre Taten verschwanden deswegen in den Medien regelrecht, solange die Täter nicht bekannt waren. Akin setzt auf den Schockeffekt einer Explosion, was filmisch mehr hermacht, aber den Morden der NSU nicht nahekommt.

Dennoch ist "Aus dem Nichts" ein hochdramatischer, intelligenter Film, dessen Schilderung von Leid nachwirkt, und zwar lange.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros. Entertainment GmbH, drittes Bild außerdem: Gordon Timpen

 
Filmdaten 
 
Aus dem Nichts  
 
Deutschland 2017
Regie: Fatih Akin;
Darsteller: Diane Kruger (Katja Sekerci), Denis Moschitto (Danilo Fava), Numan Acar (Nuri Sekerci), Rafael Santana (Rocco Sekerci), Johannes Krisch (Verteidiger Haberbeck), Henning Peker (Hauptkommissar Gerrit Reetz), Hanna Hilsdorf (Edda Möller), Ulrich Friedrich Brandhoff (André Möller), Adam Bousdoukos (Knacki), Uwe Rohde (Michi), Ulrich Tukur (Jürgen Möller) u.a.;
Drehbuch: Fatih Akin, Hark Bohm; Produzenten: Nurhan Sekerci-Porst, Fatih Akin, Herman Weigel; Kamera: Rainer Klausmann; Musik: Joshua Homme; Schnitt: Andrew Bird;

Länge: 105,50 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Warner Bros. Entertainment GmbH; deutscher Kinostart: 23. November 2017

Auszeichnungen:

Filmfestival Cannes 2017: Beste Darstellerin (Diane Kruger)

Golden Globes 2018: Bester fremdsprachiger Film



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Zitat

"Er war einer der großen deutschen Filmhistoriker, hellsichtig, leidenschaftlich, präzise. Aus dem Münchner Filmmuseum, das er von 1973 bis 1994 leitete, machte er einen Ort für alle, die das Kino lieben und verstehen wollen, wie es funktioniert. Zusammen mit seiner Frau Frieda Grafe setzte er neue Maßstäbe für die Reflexion über den Film als Kunstform. Durch umfangreiche Retrospektiven schärfte er den Blick auf die Werke bedeutender Filmemacher, aber auch für die Komplexität des Genre-Kinos. Er rekonstruierte Klassiker wie 'M' oder 'Metropolis' und schuf damit ein Bewusstsein für den Reichtum des Stummfilms."

Aus dem SPIEGEL-Nachruf zum Tode des Filmpublizisten
und -kritikers Enno Patalas (15.10.1929 - 07.08.2018)

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