17.01.2017

Anderswo


"Es ist immer wegen irgendwas eine beschissene Zeit." Mit dieser Aussage trifft der sonst so wortkarge Jörg (Golo Euler) genau ins Schwarze: In Noas (Neta Riskin) Leben gibt es viel, was nicht so läuft, wie sie es will. Berlin verlassen und mit ihrem Freund Jörg nach Stuttgart ziehen will sie nicht. Stattdessen möchte sie ihre Masterarbeit schreiben, "ein Wörterbuch für unübersetzbare Wörter". Das Gremium kann mit diesem paradoxen Vorhaben aber nicht viel anfangen und streicht ihr Stipendium. Noa ist am Boden zerstört. Niemand versteht sie. In der Hoffnung, dass die Sonne Tel Avivs und das Essen der Mutter ihr das Gefühl von vertrautem Heim bescheren, verlässt sie Berlin und reist kurzerhand zu ihrer Familie. Doch auch hier fährt Noa gegen die Wand. Ihre Mutter Rachel (Hana Laszlo) versteht sowieso nicht, warum Noa ihre Jahre in Berlin verschwendet und legt ihr ein anderes Lebenskonzept nahe: Noa soll einen israelischen Mann heiraten und eine Familie gründen.

Noas Beziehungen sind Kriegsschauplätze, die sich aus Vorwürfen, Rechtfertigungen, Anschuldigungen und Drohungen nähren. Je mehr die 33-Jährige versucht die richtigen Worte zu finden, desto weniger wird sie verstanden. Dabei stellen die Fragen "wer bin ich" und "wo gehöre ich hin" das zentrale Thema im Film "Anderswo" dar. "In Welcher Sprache fühlst du dich zuhause", fragt sie ihre Großmutter Henja (Hana River), neben ihrem Bruder Dudi (Kosta Kaplan) die einzige Person, mit der Noa keinen Krieg führt. Henja hat ihre ganze Familie im Holocaust verloren: Mit einem Deutschen an der Seite von Noa kann niemand in ihrer Familie etwas anfangen.

In ihrem sechsfach preisgekrönten Film erzählt Regisseurin Ester Amrami ein Stück weit ihre eigene Geschichte. "Der Konflikt des Film ist auch mein Konflikt", sagt die mit dem Co-Autor des Films Momme Peters verheiratete Israelitin im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen. Amrami lebt seit 2004 in Berlin und kennt das Gefühl nicht alles übersetzen zu können nur zu gut. Besonders glaubwürdig stellt sie Problematik des Nicht-verstanden-Werdens in der Beziehung zwischen Jörg und Noa dar. Der temperamentvollen, schnell gereizten, desorientierten und gleichzeitig kraftvollen Noa steht ein fast schon unterkühlt wirkender Mann gegenüber, dessen Lebenseinstellung nicht viel Raum für Noas Sinnsuche bietet. Zwar reist der Musiker seiner Freundin nach Tel Aviv hinterher, doch weder schmeckt er das Salz, von dem Noa spricht, auf den Lippen, "Schmecke ich nicht", noch findet er sich in dem Alltag ihrer "verrückten Familie" zurecht, wo entweder gegessen oder gestritten wird. "Ich glaube du hast Recht mit deinem Wörterbuch", stellt er nüchtern fest, "vielleicht passt es einfach nicht mehr zwischen uns".

Aus gleich zwei Perspektiven ist "Anderswo" an Aktualität kaum zu überbieten. Zum einen zeigt der Film auf, wie Menschen in Zeiten der Globalisierung, in der die Grenzen zwischen Ländern, Nationalitäten und Mentalitäten immer mehr verschwinden, versuchen, eine Identität zu bestimmen und eine Zugehörigkeit über Sprache zu erlangen. Zum anderen rückt Amrami mit Bravour die rastlose Suche der Protagonistin nach dem Glück in den Vordergrund, einem Phänomen unserer Zeit. Unermüdlich ist Noa auf der Suche nach den "richtigen" Worten, dem "richtigen" Lebenskonzept, der "richtigen" Heimat. Noa sucht nach einem Konstrukt, aus dem sie sich Sicherheit, Vertrautheit und Zugehörigkeit verspricht. All das, was ihr in ihrem Leben fehlt. Dieser Suche wohnt die große Angst alles "falsch" zu machen inne. Denn damit hätte ihre Mutter, die dem Lebensstil von Noa nichts abgewinnen kann, diesen Kampf gewonnen. Damit würde Noas sie immer kritisierende Schwester Netta (Romi Aboulafia) Recht behalten. Ständig fühlt sich Noa unter Druck gesetzt und versucht das Gefühl von Isoliertheit durch die Einnahme von Medikamenten zu überwinden.

Sieben Mal wird der eigentliche Handlungsstrang des Films mit Videosequenzen unterbrochen, welche Noa für ihre Masterarbeit aufgezeichnet hat. Sie lässt Schriftsteller, Schauspieler, Regisseure und Komponisten "unübersetzbare" Wörter aus ihrer Muttersprache auf Deutsch erklären. Der Beitrag des russischen Schriftstellers Wladimir Kaminer mit dem Wort "ostranienje" bringt Noas "Dilemma" auf den Punkt: Es sind immer zwei Kräfte, die die Menschen weitertreiben, zum einen die Suche nach dem Glück und zum anderen Angst zu versagen und beide Kräfte führen uns in das Feld des Leidens. Weil beides eine Sackkasse ist. Ostranienje ist ein Zustand dritter Art, in dem man sich von beiden Kräften befreit hat.

Bevor Noa ihre Familie verlässt und zurück nach Berlin fliegt, kommt ein Schimmer Hoffnung auf. Als sie mit ihrer Mutter die Sachen der Großmutter wegpackt, wird sie auf eine liebevolle Notiz der inzwischen Verstorbenen aufmerksam. Sie beginnt zu weinen und dieser emotionale Moment löst die Mauern zwischen der sich ständig bekriegenden Mutter und Tochter auf. Zum ersten Mal zeigt sich Noa wie sie wirklich ist: ein verletztes Kind, das seine Mutter sucht: "Wo bist du, Mama", fragt sie, "ich finde dich nicht", "Alles wird gut" verspricht die Mutter, die ihre Tochter liebevoll umarmt.

Besonders gelobt wird Amrami mit ihrem Kinodebüt, das seine Premiere im Rahmen des Internationalen Forums der Berlinale 2014 feierte, von der Filmzeitschrift "Filmdienst" für die Behandlung "verschiedener Schichten und Geschichten, ohne Erzählung einer verunsicherten Identität aus dem Blick zu verlieren". Dabei wird der Zuschauer durch die Aufnahmen mit einer Handkamera direkt ins Geschehen integriert und erlebt die krisenhaften Ereignisse in Noas Leben hautnah mit. Mit ihrer ambivalenten Art finden Zuschauer schnell etwas von sich selbst wieder. Nicht zuletzt auch durch die authentische Darstellung von Neta Riskin, die jüngst in Natalie Portmans Regiedebüt "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" mitgewirkt hat. So ist es nicht verwunderlich, dass nach der Vorpremiere von "Anderswo" in Hamburg viele Israelis auf Ester Amrami zugingen und sagten: "Ich bin Noa, das ist meine Geschichte." Für jeden, der zwischen Glück und Heimat auf der Suche nach sich selbst ist, ist Amramis Film ein Muss.  

Dilan Yilmaz / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Anderswo  
 

Titel für den englischsprachigen Markt: Anywhere Else

Deutschland 2014
Regie: Ester Amrami;
Darsteller: Neta Riskin (Noa), Golo Euler (Jörg), Hana Laszlo (Rachel), Hana River (Henja), Dov Reiser (Yossi Guttermann), Romi Aboulafia (Netta Guttermann), Kosta Kaplan (Dudi Guttermann), Wladimir Kaminer (Interviewpartner), Kerstin Stutterheim (Professor Klaiber), David Sánchez Calvo (Jaun) u.a.;
Drehbuch: Momme Peters, Ester Amrami; Produzenten: Laura Machutta, Dirk Manthey; Kamera: Johannes Praus; Musik: Fabrizio Tentoni; Schnitt: Osnat Michaeli;

Länge: 81,45 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Film Kino Text; deutscher Kinostart: 29. Januar 2015



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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