11. Februar 2000

Wohldosierte Kritik an amerikanischer Spießbürgerlichkeit


American Beauty


American Beauty

Lester Burnham ist völlig unzufrieden mit seinem langweiligen Leben in einem schicken amerikanischen Vorort. Das allmorgendliche Onanieren unter der Dusche ist der Höhepunkt seines Tages. Nicht, daß der Büroangestellte keine Frau hätte, doch die beiden haben sich auseinandergelebt. Ironisch bemerkt Lester, daß die Gartenschere, mit denen Carolyn ihrerseits jeden Morgen eine Rose aus dem Garten abschneidet, farblich perfekt zu ihrem Kleid passe.


Mit seiner pubertierenden Tochter Jane kommt Lester auch nicht zurecht. Sie spart Geld für eine Brustvergrößerung und gibt vor, ihren Vater zu hassen. Immerhin hat Jane eine gutaussehende Freundin, die Lester gefällt. Angie stört sich nicht an gierigen Männerblicken, da sie so gute Chancen auf eine Modelkarriere zu haben glaubt.

Als die Burnhams jedoch neue Nachbarn bekommen, beginnen die Fassaden des glücklichen Lebens, der selbstauferlegte Zwang, sich perfekt nach den gesellschaftlichen Normen zu richten, zu bröckeln. Die Nachbarsfamilie ist allerdings auch nicht ohne Macken: Der tyrannische Vater war bei der Marine mit Leib und Seele und behandelt seine Familie wie seine Truppe. Er mißachtet seine einsame Frau, seinen Sohn Ricky verprügelt er, will aber für beide natürlich nur das beste.

Ricky ist anders. Er hat sich - im Gegensatz zu Angie und Jane - seinen Wohlstand selbst erarbeitet und zehrt nicht von den Früchten des Amerikanischen Traums der Eltern. Ricky arbeitet als Kellner, doch das ist nur Tarnung als Schutz vor dem Vater. Tatsächlich gelangt er durch Drogenhandel zu Wohlstand. Er ist der einzige, der seine Fassade bewußt einsetzt und sie problemlos abwerfen kann.

American Beauty: Lester entspannt, Carolyn kommt.

Ricky ist mit seiner Digitalkamera verwachsen, immer auf der Suche nach der Schönheit. Ricky erweckt Scheintotes zum Leben. Einen toten Vogel, oder eine Plastiktüte, die im Wind tanzt, als wolle sie mit ihm spielen. Doch seine Wirkung geht auch auf Menschen über. Er bringt den Stein ins Rollen, bis schließlich die gesamte Nachbarschaft ihre gesellschaftlichen Fesseln abgeworfen hat. Aus dem Waschlappen Lester zum Beispiel wird ein Mann, der sowohl zu leben als auch sich durchzusetzen weiß.

So gelangt jeder schließlich durch Oberflächensbeschichtung der gesellschaftlichen Normen zu sich selbst. Dieser Prozeß hat mal einen glücklichen, mal aber auch einen sehr schlimmen Ausgang.

In "American Beauty" erzeugt Regisseur Sam Mendes grandiose Situationskomik. Verstärkt wird deren Wirkung durch die Schauspieler, die ihre Rollen exzellent verkörpern. Auch Mendes Bildsprache ist beachtlich: Carolyn schneidet jeden Morgen eine Rose aus ihrem Garten ab, während Lester träumt, auf ihn fielen Rosenblüten herab, als er an Angela denkt, die wiederum in einem Meer von Rosen badet.

Der Film läßt an "Happiness" erinnern. Der Film von Todd Solondz handelt ebenfalls von Spießbürgern, die allerdings noch wesentlich neurotischer sind: Ihre teils perversen Verhaltensweisen reichen bis zum Kindesmißbrauch. In "Happiness" verhehlen die Figuren ihre Vorlieben allerdings nicht, sondern leben sie skrupellos aus. Die Wandlung besteht auch nicht darin, daß die Figuren sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen, sich aus sozialen Fesseln befreien, sondern daß die Perversion ans Tageslicht gelangt, was zur Katastrophe führt. Dieser weitaus radikalere, pessimistisch endende Film kam beim Publikum nicht so gut an wie "American Beauty", der mit Preisen und Lob überhäuft wird.

Inzwischen wurde "American Beauty" für mehrere Oscars nominiert, darunter für den Oscar für den besten Film. Die unterschiedliche Rezeption der in ihren Ansätzen vergleichbaren Filme "Happiness" und "American Beauty" läßt vermuten, daß "American Beauty" die Spießbürgerlichkeit im Sinne der meisten Zuschauer wohldosiert aufs Korn nimmt, während "Happiness" die Schmerzgrenze der breiten Masse offenbar überstieg. Die Zauberformel lautet also wohl leider: Kritik und Wirklichkeit im Film ja, aber bittesehr nur wenig!

 
Tobias Vetter / Wertung: * * * * (4 von 5)

Quelle der Fotos: americanbeautymovie.com (Seite existiert nicht mehr)


Filmdaten

American Beauty


USA 1999
Regie: Sam Mendes;
Darsteller: Kevin Spacey (Lester Burnham), Annette Bening (Carolyn Burnham), Thora Birch (Jane Burnham), Wes Bentley (Ricky Fitts), Mena Suvari (Angela Hayes), Peter Gallagher (Buddy Kane), Chris Cooper (Colonel Fitts) u.a.; Drehbuch: Alan Ball; Produktion: DreamWorks/Jinks-Cohen Company; Produzenten: Bruce Cohen, Dan Jinks, Stan Wlodkowski, Alan Ball; Schnitt: Tariq Anwar, Chris Greenbury; Kamera: Conrad L. Hall; Musik: Thomas Newman, Pete Townshend (Songs);

Länge: 121 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von UIP; deutscher Kinostart: 20. Januar 2000




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