6. September 2001

Die fabelhafte Welt der Amélie


Am Tag, an dem eine Prinzessin durch einen Autounfall tödlich verunglückt, wird in Frankreich aufgrund einer Blechkiste eine Schicksalsgöttin geboren.

Die fabelhafte Welt der Amélie Als Amélie (Audrey Tautou) im Fernsehen über das tödliche Unglück von Lady Di erfährt, lässt sie vor Schreck den Verschluss ihres Parfumflakons fallen. Dieser rollt entlang der Badezimmerfliesen gegen die Wand. Durch den Aufprall löst sich eine Kachel, dahinter ist ein Loch. Vorsichtig tastet Amélie den geheimen Gang ab bis sie eine alte Metallschachtel entdeckt: eine Schatzkiste voller Kindheitserinnerungen. Amélie beschließt den Besitzer ausfindig zu machen. Sollte sie ihn finden und ihn mit dieser Entdeckung emotional berühren können, wird sie sich um das Leben anderer kümmern, "wenn nicht, auch egal".

Die fabelhafte Welt der Amélie Mit diesem Vorhaben beginnt für die junge phantasievolle Amélie Poulain eine Odyssee durch das Leben der Bewohner am Montmartre. Sie trifft auf einen "Mann aus Glas", der seit 20 Jahren Renoirs "Frühstück der Ruderer" kopiert, einer Concierge, die nur noch durch die Lektüre der alten Liebesbriefe ihres längst verstorbenen Mannes aufleben kann, einem Obstverkäufer, der seine Zärtlichkeiten am Gemüse offenbart sowie einer hypochondrischen Tabakverkäuferin, die Amélie den wahrscheinlich besten Orgasmus ihres Lebens verdanken wird.

Während Amélie das Leben all dieser Figuren mit akribisch ausgefeilten Tricks unbemerkt verändern wird, vergisst sie zunächst ihr eigenes Glück. Wäre da nicht der Mann aus Glas, mit dem sie ihre voyeuristischen und imaginativen Vorlieben teilt. Dieser zweite Renoir bringt sie schließlich dazu den Mann ihres Herzens - ein Mitarbeiter eines Sexshops, der sich ein Familienalbum mit enttäuschten Photomatonbenutzern zusammenbastelt - nicht aus den Augen zu verlieren.

Die fabelhafte Welt der Amélie Jean-Pierre Jeunet, der bekannt ist für sein antirealistisches Kino ("Délicatessen", "Stadt der verlorenen Kinder") schildert diese kleine Welt der Amélie auf fabelhafte Weise. Dabei konzentriert er sich in seinem Werk gerade auf die ganz realen Dinge, die das Alltagsleben des Menschen ausmachen und erzählt sie in ironisch-sarkastischen und surrealen Bildern. Diese kleinen Dinge des Lebens, die im realistischen Kino für unerheblich oder banal gelten würden, beschreibt Jeunet mit einem Reichtum an Imagination und Visualisierungskunst, welche den Betrachter geradezu auf die andere Seite der Leinwand entführt. Dort stehen wir nun inmitten dieser unzählbaren skurillen Situationen und Szenerien und werden uns bewusst über die wahren Dimensionen unserer Verstrickungen und Träume.
Nicht nur Vorlieben und Aversionen, Gefühlsregungen und innere Monologe der Figuren werden mit poetischen Bildern visualisiert, sondern auch Didaskalien der Handlung. Dabei ist von sprechenden Passbildern über einen suizidgefährdeten Goldfisch bis zum reisenden Gartenzwerg alles möglich.

Jean-Pierre Jeunet, der ähnlich wie seine Filmfigur Amélie Poulain aufgrund einer einsamen und isolierten Kindheit stets in Phantasiewelten flüchtete, versteht es metaphysischen und gegenständlichen Dingen immer wieder Leben einzuhauchen ohne dabei jemals den Atem zu verlieren.

 
Nina De Fazio / Wertung: * * * * * (5 von 5)

Quelle der Fotos: Prokino


Filmdaten

Die fabelhafte Welt der Amélie
(Le fabuleux destin d'Amélie Poulain)

Frankreich / Deutschland 2001;
Regie: Jean-Pierre Jeunet; Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant; Produzenten: Jean-Marc Deschamps, Claudie Ossard (von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen co-produziert); Originalmusik: Yann Tiersen; Kamera: Bruno Delbonnel; Schnitt: Hervé Schneid; Casting: Pierre-Jacques Bénichou, Valerie Espagne; Szenenbild: Aline Bonetto; Tier-Zeichnungen: Michael Sowa;
Darsteller: Audrey Tautou (Amélie Poulain), Mathieu Kassovitz (Regisseur von "Hass", "Die purpurnen Flüsse"; Nino Quincampoix), Rufus (Raphaël Poulain, Amélies Vater), Yolande Moreau (Madeleine Wallace, Vermieterin), Artus de Penguern (Hipolito, Dichter), Urbain Cancelier (Collignon, Händler), Dominique Pinon (Joseph), Maurice Bénichou (Dominique Bretodeau), Claude Perron (Eva, die Stripperin), Michel Robin (Collignons Vater), Isabelle Nanty (Georgette), Claire Maurier (Suzanne, Café-Besitzerin), Clotilde Mollet (Gina, Kellnerin), Serge Merlin (Dufayel, der "Mann aus Glas"), Jamel Debbouze (Lucien), Lorella Cravotta (Amandine Poulain, Amélies Mutter), Armelle (Philomène, Stewardess), Flora Guiet (Amélie Poulain, acht Jahre alt), Amaury Babault (Nino als Kind), Jean Darie (blinder Mann), Ticky Holgado (auf Pass-Foto abgebildeter Mann), Marc Amyot (fremder Mann), Dominique Bettenfeld (der schreiende Nachbar), Eugène Berthier (Eugene Koler), Andrée Damant (Collignons Mutter), Luc Palun (Amandine Poulains Händler), Jacques Viala (Händler), Valérie Zarrouk (weibliche Dominique Bredoteau), Kevin Fernandes (Dominique Bretodeau als Kind), Sophie Tellier (Tante Josette), Gérald Weingand (Lehrer), Isis Peyrade (Samantha), Off-Erzähler im Original: André Dussollier ("Das Leben ist ein Chanson", "Die kleine Apokalypse"), Frédéric Mitterrand als er selbst.

Farbformat: Farbe und schwarz-weiß; Länge: 120 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 16. August 2001; Prädikat der Film-Bewertungsstelle Wiesbaden: besonders wertvoll; ein Film im Verleih von Prokino (Fox)




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weitere Rezension zum Film
von Michael Dlugosch
Wertung: 5 von 5  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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