14. Oktober 2004
Camouflierende Beschichtung und decouvrierte Wahrheit

Agnes und seine Brüder


Agnes und seine Brüder: Moritz Bleibtreu, Martin Weiß, Herbert Knaup Ein Film über das Deutschland unter Rot-Grün, ein Film über zerstörte Verhältnisse, ein Film, der fast alles ironisch bricht abgesehen von innersten Gefühlen, über die sich Regisseur Oskar Roehler bei allem sonst zur Schau gestellten Sarkasmus jeden Scherz verbittet. "Agnes und seine Brüder" ist eine Komödie auf den ersten und ein einziges großes Coming Out auf den zweiten Blick. Bei Roehler fallen nicht nur die nach außen mühsam aufrecht erhaltenen Fassaden in sich zusammen, er seziert auch die dahinter steckende Unfähigkeit zu Empathie, Kommunikation und Problembewältigung genüsslich. Drei Brüder als die Hauptfiguren des tatsächlichen Dramas sind unterschiedlich weit gediehen in beruflichem Erfolg und privaten Bindungen - und gleichzeitig gleichermaßen weit entfernt vom Lebensglück, mehr noch: von ihrem Recht auf Lebensglück.

Über Oskar Roehler heißt es mittlerweile, er sei der neue Rainer Werner Fassbinder. Gemeinsam haben die beiden Regisseure, sich den Nöten Hetero- und Homosexueller in intelligent vorgetragenen Geschichten anzunähern, gemeinsam haben sie des Weiteren, einst jeweils an der Aufnahme an eine Filmhochschule gescheitert zu sein. Ganz oben auf jenem Olymp, der den Vergleich mit Fassbinder erlaubt, ist Roehler gleichwohl noch nicht angelangt, aber er arbeitet daran. Und es fehlt nicht mehr viel. Er hat einen eigenen Stil entwickelt; in dem von ihm für "Agnes und seine Brüder" erdachten Mikrokosmos ist das eigentlich Undenkbare möglich. Bei Roehler kann das zur Camouflage privater Missstände herhaltende geradezu fanatische Verfolgen des ureigen grünen Ziels Dosenpfand, jetzt europaweit, genauso vorkommen wie eine im nächtlichen Lichterglanz die Wahrheit durch Show überdeckende Modenschau im Kölner Dom, in ein und demselben Film. Roehler liebt absurde Verzerrungen in der Tradition der Autorenfilmer mit den Methoden der Independent-Filmer: Der Laufsteg vor dem Domportal hatte keine Drehgenehmigung. Gedreht wurde doch, die Chuzpe muss man erst mal haben. Solch ausgefallene Ideen und mehr noch sein Gefühl für Geschichten etablieren Roehler in seiner spätestens mit "Die Unberührbare" erworbenen Stellung im deutschen Film.

Drei Menschen, geboren die drei als Männer, unterschiedlich alt, unterschiedliche Lebensstile pflegend, halten bei Roehler für die Darstellung und Brachlegung von Beziehungsunfähigkeit her. Drei Menschen, drei Vereinsamte. Das Ende von Partnerschaft, das Ende von Familie oder familienähnlichen Verhältnissen. Aber sie sind Brüder, da ist noch ein Stück weit Familie. Familienbande ist hier jedoch nur ein gedrungenes Zusammenraufen, von Roehler sogleich gründlich demontiert in einer der bestinszenierten und -gespielten Sequenzen in einem deutschen Film seit Jahren, wenn die gemeinsame Autofahrt der drei Brüder zu ihrem Vater abrupt beendet wird.

Agnes und seine Brüder: Martin Weiß Agnes (Martin Weiß), ein Mann nach einer Geschlechtsumwandlung für einen anderen, der, bevor er von diesem harten Schritt für ein geplantes gemeinsames Leben erfahren konnte, abgereist ist, Hans-Jörg (Moritz Bleibtreu), ein Mann, der unter seiner Sexsucht leidet, da er an Frauen nicht herankommt und deswegen seinen Job als Bibliothekar verlieren wird, um, ganz unten angekommen, ausgerechnet als Pornodarsteller ausgerechnet ein monogames Lebensglück doch noch finden zu können, und Werner (Herbert Knaup), ein einstiger grüner Sponti, der als erfolgreicher Politiker längst im Spießbürger-Dasein angekommen nun ein Mann ist, der die Welt nicht mehr versteht, und seine Frau (Katja Riemann) zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn in der Pubertät ihn nicht mehr.
Agnes und seine Brüder: Katja Riemann, Herbert Knaup Werner ist es, der umso verbissener in den Kampf für das besagte europäische Dosenpfand flüchtet, je mehr das Private nicht mehr so wie einst errungen existieren will. Der Frau und Kind anschreit, um Liebe auszudrücken. Der die beiden für sich selbst, aber auch für die Fassade als angesehener Politiker benötigt. Die darin enthaltene Camouflage ist Camouflage auch für ihn selbst, er erkennt vielleicht die Probleme, aber den richtigen Umgang mit diesen nicht, er verkennt die Lage. Nach außen, immerhin, hält die Camouflage.

Hans-Jörg ist es, dessen Fassade während des Films zusammenbrechen wird. Sein Job in einer Bibliothek in der Welt der staubtrockenen, somit meilenweit von Erotik entfernten Bücher verdeckt anfangs seine seelischen Abgründe. Schöne Frauen kommen in die Bibliothek. Hans-Jörg hat keine Chance bei einer jeden von ihnen. Seine eigene Art von Sex mit ihnen hat er doch: auf den Toiletten der Bibliothek.
Agnes und seine Brüder: Moritz Bleibtreu Die Frauen wissen es nur nicht, weil sie sich unbeobachtet fühlen. Hans-Jörg verkennt die Lage nicht, er weiß um seine Sucht, er weiß um die Gefahr des Jobverlusts. Weil er nicht gegensteuern konnte, wird er jenes schlimmstmögliche Szenario samt demütigendem Outing plus sozialem Absturz ertragen müssen.
Hans-Jörg ist es aber auch, der, bei all seiner Schmierigkeit und unabwendbarer Abhängigkeit von Erotik, noch mit der Seele empfinden kann, der zu seiner Schwester, dem vormaligen Bruder vorbehaltlos steht, ihn / sie ehrt, ihn / sie liebt - wofür Hans-Jörg mit weiterer, uneingeschränkter Liebe zu einer Frau belohnt werden wird; Autor Roehler gönnt ihm demnach das Erlebnis eines Märchens, wie es wohl nur ein Film bieten kann.

Agnes ist es, die etwaige Camouflage längst abgelegt hatte, weil dazu gezwungen ist, das Outing als gefühlte Frau sichtbar zu tragen, als Frau mit nicht ganz ad acta gelegten Männerattributen. Siehe den Filmtitel: Dem weiblichen Vornamen folgt ein maskulines Pronomen: Agnes kann, bezüglich der Einschätzung ihrer / seiner Lage, als am weitesten gediehen erklärt werden, und steht abgeklärt ihren Mann.
Bei Roehler wird gerade dies zum Fatalismus mit den tragischsten Auswirkungen. Dem falschen weltoffenen Makrokosmos Modenschau folgt das klärende Gespräch mit dem Lover von einst im intimsten Privatbereich. Eine Wiedergutmachung auf der manifesten Ebene, latent gleichwohl sieht es anders aus, das Innerste in Agnes bleibt zerstört.

Über allem schwebt der Familienpatriarch Günther (Vadim Glowna), ein auf seine alten Tage zu Homosexualität stehender Hippie. Er benötigt dazu keine Camouflage für die Außenwelt, er, logisch und konsequent, ist Eremit.

Ein weiteres Mal blickt Regisseur und Drehbuchautor Oskar Roehler in die und Beziehungsprobleme Hetero- und Homosexueller, die verzweifelt um Liebe und Anerkennung kämpfen, dabei aber die Übersicht über ihre in Wirklichkeit festgefahrene Lebensplanung zu verlieren drohen. Roehler erläutert, dass er einen Blick "auf die zerrütteten Verhältnisse, die über Generationen entstanden sind", werfen, dies aber "nicht zu ernst angehen, eher leicht und spielerisch" inszenieren wollte. Die Schilderung der tragischen Diskrepanz Beschichtung und Wahrheit ist ihm gelungen. Da mag man es Oskar Roehler verzeihen, dass er sich für "Agnes und seine Brüder" motivisch aus anderen Werken bedient; so entleiht Roehler dem Roman "Die Korrekturen" von Jonathan Franzen eine ganze Szene samt ihren für den Zusammenbruch des Familienidylls stehenden Einzelheiten. Und man mag es ihm verzeihen, dass er, der Liberale, konservatives Gedankengut streut, wenn er für die fortschreitende Zerrüttung im Privaten die 68er verantwortlich macht, die er zwischen bürgerlichem Angepasstsein und erwünschter Befreiung aus camouflierenden Korsetten schwanken sieht.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: X-Verleih

 
Filmdaten 
 
Agnes und seine Brüder  
 
Deutschland 2004
Regie: Oskar Roehler ("Die Unberührbare", "Der alte Affe Angst");
Darsteller: Martin Weiß (Agnes), Moritz Bleibtreu (Hans-Jörg), Herbert Knaup (Werner), Katja Riemann (Signe), Tom Schilling (Ralf), Susan Anbeh (Desiree), Vadim Glowna (Günther), Margit Carstensen (Roxy), Lee Daniels (Henry), Marie Zielcke (Nadine), Oliver Korittke (Rudi), Martin Semmelrogge (Manni Moneto), Martin Feifel (Hannes), Sven Martinek (Jürgen) u.a., als Gast: Til Schweiger; Drehbuch: Oskar Roehler; Produktion: Stefan Arndt; Kamera: Carl F. Koschnick; Musik: Martin Todsharow

Länge: 111 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; ein Film im Verleih von X-Verleih; Film-Homepage: http://www.agnes-derfilm.de



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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