30.01.2012
Romantische Tragödie

Zwei an einem Tag


Noch ein Liebesfilm. Noch eine romantische Inszenierung, die von zwei Protagonisten handelt, die füreinander bestimmt sind, aber nicht zusammenfinden. Und doch ist es anders. Denn hier sind es nicht äußere Umstände, die die Liebe vereiteln, sondern allein die inneren Blockaden der Charaktere selbst.

Zwei an einem Tag: Anne Hathaway, Jim Sturgess "Zwei an einem Tag" basiert auf der Romanvorlage von David Nicholls und hat es rasch auf die internationale Bestsellerliste geschafft. Die Erwartungen der Leser waren folglich hoch gesetzt und für Regisseurin Lone Scherfig ("An Education") wurde es schier ein Ding der Unmöglichkeit, diese nicht zu enttäuschen. Jeder Leser entwickelt beim Lesen seinen eigenen schemenhaften Film im Geist, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich die eigene Vorstellung mit der Verfilmung deckt ist verschwindend gering, ebenso die Toleranz der Leser, wenn es zu Abweichungen kommt.

Differenziert kann man den Film nur beurteilen, wenn man nicht den Anspruch besitzt, er müsse mit der der eigenen Vorstellung identisch sein. Dennoch profitiert der Film von einer Begebenheit, die nicht allen Literaturverfilmungen zu Gute kommt. Autor David Nicholls hat das Drehbuch gleich selbst geschrieben und lässt somit seine Sprache unmittelbar in den Film fließen.

Zwei an einem Tag: Anne Hathaway, Jim Sturgess Der Film lebt von den zwei Hauptfiguren Emma (Anne Hathaway) und Dexter (Jim Sturgess), deren Beziehung während Jahrzehnten an dem immer gleichen Tag im Jahr, dem 15. Juli, porträtiert wird. Das erste Mal näher kommen sie sich 1988 in der Nacht nach ihrer Examensfeier, an dem der Draufgänger Dexter mehr durch Zufall als Planung bei dem Mauerblümchen Emma zu Hause landet. Und doch wird schon in dieser ersten Szene auf subtile Weise deutlich, dass Dexter mehr ist, als ein unempfindlicher Lebemann und sich in Emma mehr verbirgt, als eine schüchterne Langweilerin. Durch eine etwas ungemütliche, aber umso realitätsnähere Situation schlafen die beiden nicht miteinander und genau diese Begebenheit wird wohl zum Ausschlag, dass sich eine vertrauensvolle Freundschaft zwischen ihnen entwickeln kann und ihre Verbindung sich nicht nach einem belanglosen One Night Stand auflöst.

Emma fällt beim Einstieg in die Berufswelt weniger Glück zu als Dexter, der schnellen Erfolg als Unterhaltungsmoderator im Fernsehen hat. So unterschiedlich ihre Lebensweisen und Ziele, so nahe sind sie sich doch, wenn sie sich treffen. Ganz so Friede-Freude-Eierkuchen ist das Verhältnis dann aber doch nicht, denn während Dexter als Frauenschwarm dem lockeren Lebenswandel nachgeht, wird er von Emma insgeheim aufrichtig geliebt. Doch obwohl sie sich dessen bewusst ist und vermutlich auch Dexter von ihrer Zuneigung weiss, wehrt sie sich vehement gegen seine verführerischen Anspielungen und Umgarnungen, die er nicht unterlassen kann. Sie hält ihre Liebe zurück, um immerhin die Freundschaft zu bewahren. Und doch gibt es Momente des Bruchs, Momente, in denen sich die beide einander annähern, wie es Freunde nicht tun würden. Aber keiner von beiden glaubt an diese Momente. Dexter verschließt die Augen vor der aufrichtigen Zuneigung, die in diesen Augenblicken liegt und schiebt sie in den Hintergrund zu Gunsten belangloser Abenteuer, dem Drang nach Freiheit und der Gier nach Erfolg. Emma passt sich Dexter an, steckt ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühle zurück und findet sich zumindest nach außen hin mit dem Zustand einer Freundschaft ab.

Zwei an einem Tag: Filmplakat Die oberflächliche Medienwelt verändert Dexter indes immer mehr zum Negativen und macht ihn zu einer ihrer seichten Marionetten. Er wird seinem eigenen Charakter fremd, verstärkt die negativen und schwächt die positiven Eigenschaften. Seine Mutter, zu der er einst eine enge Beziehung pflegte und die mittlerweile an schwerem Krebs leidet, besucht er kaum mehr und als er es einmal doch tut, ist er nach einer durchzechten Nacht in so einem miserablen Zustand, dass er nicht erkennt oder erkennen will, dass die Stunden seiner Mutter gezählt sind und er dabei ist, die letzten gemeinsamen Momente mit ihr zu vergeuden und zu verschlafen. Emma und er haben sich nichts mehr zu sagen und so trennen sie sich nach einer erhitzten Streitdiskussion, Emma mit dem Spruch auf den Lippen "I love you. I just don't like you anymore".

Nachdem Dexter seine zwischenmenschlichen Beziehungen ruiniert hat, beginnt auch seine Karriere immer mehr zu bröckeln. Er heiratet eine unterkühlte, dümmliche Fernsehpuppe aus versnobtem Haus, mit der er weder vernünftig reden noch lachen kann. Sie ist die Antithese von Emma, eine leere Hülle, die Dexter außerdem betrügt. Die Scheidung lässt nicht lange auf sich warten. Doch selbst in diesem Stadium dauert es lange, bis Dexter Emma wieder näher kommt. Die Vereinigung der beiden ist klassisch und für manchen Zuschauer vielleicht kitschig, aber im Hinblick auf die subtilen Charakterzüge und die Entwicklung, die die beiden Hauptfiguren durchlebten, ist es alles andere als eine Selbstverständlichkeit, dass aus dieser jahrelangen Freundschaft doch noch eine Liebschaft geworden ist.

Zwei an einem Tag: Anne Hathaway, Jim Sturgess Als Emma kurze Zeit später von einem Auto überfahren wird, mag auch das zu einfach und zu typisch anmuten, doch wer sich darauf einlässt, sieht darin eine wichtige Aussage. Man mag denken, dass die beiden die gemeinsame Jugendliebe verpasst und verschenkt haben, dass sie sich unnötiges Leid zuführten und die Liebe Jahre hinauszögerten und auf später verschoben, bis das Später plötzlich nur noch sehr kurz war, weil das Leben unvorhergesehene Streiche spielt. Man mag denken, dass dies deprimierend wie schön ist und man mag darin eine romantische Liebesgeschichte vermuten, die mit dem Abspann endet. Doch dann sollte man sich umdrehen und sich selbst ins Visier nehmen und es mag sein, dass man dann plötzlich die eine oder andere Parallele entdeckt. Eine Liebe, die immer auf später verschoben oder aus Angst nicht begangen wurde oder eine Freundschaft mit Zeichen, die aber nicht wahrgenommen wurden. Das ist der Punkt, an dem "Zwei an einem Tag" von der Leinwand direkt ins eigene Leben springt.  

Angelika Imhof / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Tobis

 
Filmdaten 
 
Zwei an einem Tag (One Day) 
 
USA / GB 2011
Regie: Lone Scherfig;
Darsteller: Anne Hathaway (Emma), Jim Sturgess (Dexter), Tom Mison (Callum), Jodie Whittaker (Tilly), Rafe Spall (Ian), Joséphine de La Baume (Marie), Patricia Clarkson (Alison), Ken Stott (Steven), Heida Reed (Ingrid), Amanda Fairbank-Hynes (Tara) u.a.;
Drehbuch: David Nicholls nach seiner eigenen Romanvorlage; Produzentin: Nina Jacobson; Ausführende Produzentin: Tessa Ross; Co-Produktion: Raphaël Benoliel, Jane Frazer; Kamera: Benoît Delhomme; Musik: Rachel Portman; Schnitt: Barney Pilling;

Länge: 107,48 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Tobis Film GmbH & Co. KG; deutscher Kinostart: 3. November 2011



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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