07.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Generation Kplus

Zud


In ihrem Spielfilmdebüt verwebt Filmemacherin Marta Minorowicz dokumentarische Aufnahmen mit einer fiktiven Handlung. Wo die Realität aufhört und die Inszenierung beginnt, lässt sie das Publikum nicht wissen. Nicht nur dies beeinträchtigt die Geschichte des elfjährigen Sukhbat, der mit seinen Eltern und einem kleinen Geschwisterkind in den Weiten der Mongolei lebt.

ZudDer Alltag in der unwirtlichen Landschaft ist hart, besonders, da der Winter hereinbricht. Eine rätselhafte Krankheit tötet die Schafe und Ziegen der Familie. Jedes Mal wenn Sukhbat ein verendetes Tier findet, rückt sein Wunsch, wieder zur Schule zu gehen weiter in die Ferne. Über den Hauptcharakter erfährt man fast nichts, nur, dass er sein Schicksal klaglos hinnimmt. Unbeschwerte Momente sind selten, denn die Eltern sind auf seine Hilfe angewiesen und er tut alles, um die Lage der Familie zu verbessern. Mit dem Vater hütet er in der von Wind und Regen gepeitschten Ödnis die Schafe und Ziegen. Woran das Vieh stirbt, bleibt unklar. Fast täglich liegt ein totes Mitglied der Herde auf der Weide. Auch die Pferde scheinen nicht gesund, doch die realistisch anmutenden Bilder erschließen sich ohne Kontextualisierung oft nicht. Einmal streichelt der Protagonisten den Kadaver eines Zickleins und murmelt: "Es hat einfach aufgehört zu atmen." Der stille Tod der Tiere scheint eine symbolische Bedeutung anzunehmen: zum einen für das allmähliche Verschwinden der Landbevölkerung, zum anderen für den Tod von Sukhbats Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Wolle lässt sich nicht verkaufen, der Vater ist verschuldet und die Bank wird den Kredit nicht verlängern.

Zud Ein Pferderennen, an dem Sukhbat mit einem jungen Wildpferd teilnehmen soll, scheint die letzte Chance, das Geld aufzubringen. Das Szenario klingt nach einem wildromantischen Abenteuerfilm, doch davon ist "Zud" weit entfernt. Das Training für das Rennen ist erschöpfend für die Menschen und oft brutal für Tiere. In der emotionslosen Darstellung der Misshandlungen der Haustiere liegt etwas beklemmendes, gerade, da der Film auf der Berlinale in einer Programmsparte für kleine Kinder läuft. Die ohne Kritik oder Erklärung gelieferten Bilder – etwa vom Häuten einer toten Ziege oder schmerzhaften Behandlungen an Pferden – vermitteln, dass Lebewesen lediglich eine materielle Ressource seien. Jüngere Zuschauer werden so tendenziell für die Leidensfähigkeit von Tieren desensibilisiert und erleben es als selbstverständlich, dass man sie schlägt und wie Gegenstände gebraucht. Bedrückend ist zudem, dass der Umgang der Erwachsenen mit den Tieren Parallelen dazu zeigt, wie die Eltern mit Sukhbat umgehen. Auch der Sohn scheint nur eine Arbeitskraft, dessen persönliche Bedürfnisse und Lebenswünsche keine Rolle spielen. Zuneigung oder Zärtlichkeit vermitteln selbst die intimen Bilder aus dem Kreis der kleinen Familie kaum.

Die Distanz zu den Protagonisten macht ein Einfühlen in ihre harsche Lage schwer. Was in den Charakteren vorgehen mag, verhallt in vagen Andeutungen. Gutes ist es wohl nicht. Kameramann Pawel Chorzepa findet in der mongolischen Steppe eine dankbare Kulisse, doch die schlechte Qualität der Bilder tut ein Übriges, damit die Düsterkeit überwiegt.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Zud (Zud) 
 
Deutschland/Polen 2016
Regie: Marta Minorowicz;
Darsteller: Sukhbat Batsaikhan (Sukhbat), Baljinnayam Nyam-ochir (Freund), Batsaikhan Budee (Vater), Bayasgalan Batsaikhan (Mutter), Bayajikh Batsaikhan (Kleiner Bruder), Sosorbaram Mungunsan (Tierarzt), Battsengel Nyam (Bankangestellter), Munkhjargal Oyuntsogt (Pferdefänger), Batmunkh Tsend (Pferdeheiler), Khalman Barambai (Kaschmirhändler) u.a.;
Drehbuch: Kenneth McBride, Marta Minorowicz; Produzenten: Ann Carolin Renninger, Thomas Kufus, Anna Wydra; Kamera: Pawel Chorzepa; Schnitt: Beata Walentowska;

Länge: 85 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
Zud
<07.03.2016>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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