21.10.2013
Zeitgeschichtlich interessanter Streifzug durch fünf Frauenbiographien

Zonenmädchen


Zonenmädchen Ganz ohne artifizielle Sentimentalität, ohne bitteres Nostalgiegebaren oder Larmoyanz, sondern eher authentisch, emotional, gebeutelt von den eigenen und den schwärenden Lebenswidersprüchen, aber dennoch unterschiedlich optimistisch: so in etwa könnte man die fünf Frauen in aller – natürlich unvollständig bleibenden – Charakterisierung beschreiben. Sie werden von Sabine Michel, der Filmemacherin, nach etlichen Jahren der Trennung wieder versammelt, wobei sie selbst eine der Protagonistinnen ihres Dokumentarfilms ist.

Sie waren sich eng verbundene Freundinnen, die zwar in ihrem inneren Kreis wiederum engere wie auch losere Allianzen schmiedeten, aber trotzdem einen festen Zirkel bildeten. Gemeinsame Basis, ja Ausgangspunkt ihrer jeweiligen Biographien ist ihre Ostidentität; sie allesamt waren mehr oder minder volljährig, dem Schulabschluss nahe, aufgewachsen in Dresden, das verächtlich-ironisch mitsamt seiner Umgebung als das "Tal der Ahnungslosen" tituliert wurde, als die Mauer im nicht allzu entfernten Berlin fiel. Mit dem Gefühl, dass ihnen nunmehr, im wahrsten wie beglückenden Sinne des Wortes, die ganze Welt uneingeschränkt zu Füßen liegen sollte, machen sie sich zusammen auf dem Weg nach Paris. Damals Sehnsuchtsort für die jungen Frauen.

Zonenmädchen Claudia, Claudi, Vera, Verusha und schließlich Sabine, die Filmemacherin treffen sich in Paris. In Rückblenden, unterfüttert mit Archivaufnahmen, in Gesprächen der Frauen miteinander in Paris, oder während der Zugfahrten von Dresden nach Paris und zurück, aber auch in Einzelgesprächen werden die jeweiligen Lebenslinien der Frauen behutsam, teils berührend, und zugleich spannend nachgezeichnet. Die Brüche, die Risse, aber ebenso die Erfüllung, die die Frauen in ihren jeweiligen Berufen und Privatleben erfahren haben, sind so zeitnah, mit einer intensiven Authentizität. Und sie werden auch keineswegs verzerrt, überproportional emotionalisiert, wenn Musik eingespielt wird, oder der Pariser Sonnenuntergang mit einem reichlich ausgedehnt ausgiebigen Kameraschwenk von einem Hügel aus mehrmals zelebriert wird.

Die Biographien der Frauen werden aber nicht nur chronologisch abgehandelt, wo dann am Ende die großen Bestandsaufnahmen stehen. Vielmehr lässt die Filmemacherin den einzelnen Frauen, ihren Freundinnen, ihren jeweiligen individuellen Raum über das zu berichten was sie wollen. Und selbst jene Momente, die von starker Betroffenheit der Frauen etwa über den Selbstmord ihrer Mutter oder der jedem von uns bekannten Einsamkeit sprechen, sind mitnichten voyeuristisch oder kitschig gefühlsheischend.

Zonenmädchen Dass die Frauen aufgrund ihrer heterogenen diametral gesetzten Lebensläufe zwangsläufig in ihrer Weltanschauung, in ihrer Einschätzung zu gesellschaftspolitischen Themen, aber auch in der Beurteilung der Vergangenheit und des Jetzt in ihren Sichtweisen fundamental differieren, wird nur kurz anzitiert. Stellenweise hat dies den leichten Stich eines biederen und oberflächlichen Klassentreffens, wo jeder jeden gern hatte und immer noch gern hat. Hier hätte man das Potential, das die satten, interessanten, freilich ebenso mit Rissen versehenen Biographien bieten, ausschöpfen müssen. Trotz dieses fehlenden Schwenks in die Kontroverse liefert Sabine Michel spannungsvolle, auch zeitgeschichtlich relevante Porträts von Frauen, die ihre ostdeutsche Identität und die hiermit assoziierten Erfahrungen ganz unterschiedlich verhandeln.  

Sven Weidner / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Mindjazz Pictures, Susanne Schüle (erste beide Fotos), Martin Langner (Foto 3)

 
Filmdaten 
 
Zonenmädchen  
 
Deutschland 2013
Regie & Drehbuch: Sabine Michel;
Produzentinnen: Maria Wischnewski, Holly Tischmann; Produktion: eine Koproduktion von It Works! Medien und dem RBB und dem MDR in Zusammenarbeit mit ARTE; Redaktion: Dagmar Mielke, Rolf Bergmann, Martin Hübner; Kamera: Susanne Schüle, Martin Langner; Musik: Sebastian Herzfeld; Schnitt: Gudrun Steinbrück-Plenert, Catrin Vogt;

Länge: 89,56 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Mindjazz Pictures; deutscher Kinostart: 14. November 2013



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<21.10.2013>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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