September 2000

Die Schwierigkeit, die Lebendigkeit eines Comics auf die Leinwand hinüberzuretten

X-Men


Allzu lange musste man nicht auf eine "Matrix"-Nachahmung warten. Hier ist sie: die Comic-Verfilmung "X-Men". Erneut kämpfen coole Superhelden gegen finstere Schurken. Aber in dem Film fehlen nicht nur die matrixschen Sonnenbrillen. Vergeblich der Versuch von Drehbuchautor und Regisseur Bryan Singer ("Die üblichen Verdächtigen", 1995), dem Film einen ernsthaften Anstrich zu verleihen durch die als Allegorie auf den Holocaust gestellte Frage: Sind Mutanten, genetisch veränderte Menschen, gefährlich für die "normalen" Menschen und müssen deshalb gebrandmarkt oder gar verfolgt werden?



57 Millionen Dollar Einspielergebnis am USA-Startwochenende können nicht irren. Oder? Die Fangemeinde des Films hievte "X-Men" in der Online-Filmübersicht "Internet Movie Database" (http://us.imdb.com) innerhalb kürzester Zeit auf den aktuellen Platz 168 der besten Filme aller Zeiten mit der Durchschnittsnote 8,0 von 10 (Stand: Mitte September 2000). Tendenz wahrscheinlich noch steigend, denn auch die europäischen Kinogänger haben diesen Film jetzt entdeckt. Zudem gibt es viele Science-Fiction-Fans, die lange auf die Verfilmung des als populärstem Comic überhaupt geltenden X-Teams gewartet haben. Der Film läuft erfolgreich im Kino. Allerdings ist das wenig verwunderlich, wenn das Produktionsteam von "X-Men" Blockbuster-Regeln huldigt, zu Gunsten der Einspielergebnisse, aber auf Kosten der Story.

Die ist gleich zum Anfang des Films fragwürdig. Der Film beginnt 1944 in einem Konzentrationslager: Der Holocaust muss dafür herhalten, dass die Handlung des Films in Gang kommt. Ein Junge überlebt die Nazis, verliert aber seine Eltern. Auch seine telekinetischen Fähigkeiten, Metall zu verbiegen, rettet die Eltern nicht: Die nur leicht lädierten Stahltore schließen sich vor dem rauchenden Schornstein. Aus dem kleinen Jungen wird der Bösewicht des Films hervorgehen. Um nie wieder als Mitglied einer Minderheit verfolgt zu werden, wird Eric Lehnsherr (Ian McKellen, "Richard III.", 1995) am Anfang des dritten Jahrtausends zum Schurken. Denn er hat weitere Anfeindungen zu befürchten, er gehört erneut zu einer Minorität: Er ist ein so genannter Mutant, ein Mensch, dessen Gene Veränderungen unterworfen sind. Vor dieser Minderheit und ihren Kräften fürchten sich die "normalen" Menschen, personifiziert durch US-Senator Robert Kelly (Bruce Davison, "Short Cuts", 1993). Mutanten seien durch ihre nicht-menschlichen Begabungen eine Gefahr für die Menschheit, man müsse sie wenigstens kennzeichnen. Lehnsherr - als Schurke nennt er sich Magneto - verfolgt fortan einen menschheitsbedrohenden Plan, um dem zuvor zu kommen.

Damit das schlichte Blockbuster-Prinzip Gut gegen Böse auch für "X-Men" gilt, stellt das Drehbuch nach dem Schema des vorliegenden Comics Magneto einen guten Mutanten gegenüber: Der querschnittsgelähmte Professor Charles Xavier (Patrick Stewart, "Star Trek") glaubt an die Toleranz der Menschheit und predigt ein friedfertiges Miteinander. "Wenn also Xavier Martin Luther King ist, ist Magneto Malcolm X" (taz). Patrick Stewart und Ian McKellen, zwei Schauspielkollegen der Royal Shakespeare Company, verkaufen sich als Xavier und Magneto unter Wert, beider Auftritte sind zu Gastrollen degradiert. Dem Frieden, den Xavier anstrebt, steht Magnetos Hass auf die Menschen entgegen. Aber Xavier hat sein X-Team, alles Mutanten, die ihre Gen-Eigenschaften zum Kampf gegen Magneto und seine Schergen einsetzen werden.

Jeder Mutant als typisches Comic-Superwesen hat eine andere Fähigkeit. Magnetos Gehilfin Mystique (Rebecca Romijn-Stamos) ist ein Chamäleon. Sie kann sich in jeden Menschen oder Mutanten verwandeln. Neben ihr stehen Magneto ein Mutant mit Frosch-Eigenschaften und einer mit Bärenkräften und Mückenhirn zur Seite. Prof. Xavier alias Prof. X bietet dagegen eine Wettermacherin, einen Mutanten mit Laser-Augen und eine Medizinerin mit telekinetischen Fähigkeiten auf sowie den kräftigen Wolfsmann Logan (Hugh Jackman) mit chirurgisch in den Körper eingesetzten Metallkrallen. Er stößt erst im Verlauf des Films zum X-Team dazu. Ebenso die etwa 15-jährige Rogue (Anna Paquin, Oscar für "Das Piano", 1993), die gerade ihre gefährlichen Mutantenkräfte feststellen musste und nun auf der Flucht vor sich selbst ist.

1963 erschuf Stan Lee die "X-Men" für den Marvel-Verlag. In Deutschland wurden sie seitdem bei den verschiedensten Comic-Verlagen unter jedem nur erdenklichen Namen ("Die Gruppe X", "X-Männer", "X-Menschen") durchgereicht, bis Marvel-Deutschland sie 1997 unter dem Originalnamen mit dem bislang größten Erfolg veröffentlichte. In den USA hingegen waren die "X-Men"-Comics schon immer beliebt; eine Verfilmung früher oder später logische Konsequenz. Die Coolness des Mainstream-Erfolgs "Matrix" (1999) war der Anstoß für diesen sehr ähnlichen Film. Zum Jahrtausendwechsel sind die Computereffekte so gereift, dass eine manchmal beeindruckende Darstellung der Mutanten-Kräfte möglich wurde. Trotzdem: Die verknappte Dramaturgie des Comics ist nicht ohne weiteres auf das Medium Film übertragbar. Auf der Leinwand wirkt die Seichtheit einer Comic-Story grotesk. Auch "X-Men" kann sich davor und vor den schlichten Dialogen, die ein Comic zumeist aufweist, nicht bewahren. Gleichzeitig ist die Handlung gerade bei "X-Men" unübersichtlich zerdehnt. Das weiß auch Bryan Singer: Rogue und Logan fällt die Aufgabe zu, den Film dem Zuschauer transparent zu machen, er begleitet sie durch den Film. Das ist auch gut so, denn "X-Men" lebt von den schauspielerischen Glanzleistungen ihrer beiden Darsteller, Anna Paquin und Hugh Jackman. Sie sind die Identifikationsfiguren des Films, ohne sie wäre der Zuschauer hoffnungslos im Gewirr der Handlung verloren.

 
Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

X-Men


Alternativtitel: X-Men - Der Film
USA 2000
Regie: Bryan Singer;
Darsteller: Hugh Jackman (Logan/Wolverine), Patrick Stewart (Prof. Charles Francis Xavier/Professor X), Ian McKellen (Erik Magnus Lehnsherr/Magneto), Famke Janssen (Dr. Jean Grey), Anna Paquin (Marie/Rogue), James Marsden (Scott Summers/Cyclops), Halle Berry (Ororo Munroe/Storm), Tyler Mane (Victor Creed/Sabretooth), Ray Park (Mortimer Toynbee/Toad), Rebecca Romijn-Stamos (Raven Darkholme/Mystique), Bruce Davison (Senator Robert Jefferson Kelly), Rhona Shekter (Mrs. Lehnsherr), Kenneth McGregor (Mr. Lehnsherr) u.a.; Drehbuch: David Hayter, Tom DeSanto, Bryan Singer; Produktion: Avi Arad, Tom DeSanto, Richard Donner, Stan Lee, Lauren Shuler Donner, Joel Simon; Schnitt: Steven Rosenblum, Kevin Stitt, John Wright; Kamera: Newton Thomas Sigel; Musik: Michael Kamen;

Länge: 104 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von 20th Century Fox of Germany; deutscher Kinostart: 31. August 2000




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<31.08.2000>  



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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