11.02.2015
Wettstreit der Künste

Words and Pictures
- In der Liebe und in der Kunst ist alles erlaubt


In dem Film geht es um Worte und Bilder, genauer: um ihre unterschiedliche Wertigkeit. Wir blicken ins Innere einer amerikanischen Eliteschule. Jack Marcus (Clive Owen), der beliebte und eigenwillige Literaturlehrer, hat früher selbst erfolgreich Gedichte und Essays veröffentlicht. Er begeistert seinen Leistungskurs für die Poesie, für die Macht der Worte. (Wenn hier dem Lehrer mit Whitmans Worten "Captain, mein Captain!" gehuldigt wird, ist das eine deutliche Anspielung auf Peters Weirs "Der Club der toten Dichter".) Eine Widersacherin taucht auf, als der Schulleiter dem Kollegium eine neue Lehrerin vorstellt, Dina Delsanto (Juliette Binoche), die eine bekannte Künstlerin ist, als schwierig gilt und nun den Kunstleistungskurs übernimmt. Eine schwere rheumatoide Arthritis zwang sie zu diesem Berufswechsel.

Die beiden leidenschaftlichen Lehrer geraten schnell in einen geistigen Wettstreit miteinander. Was ist wertvoller und wichtiger, Worte oder Bilder? Marcus behauptet gegenüber den Schülern: "Worte sind eure Götter!", Delsanto meint: "Worte sind Lügen, Worte sind Fallen, Worte sind entbehrlich". Die wahren Aussagekraft hätten die Bilder! Von ihren Positionen versuchen die beiden ihre Schüler zu überzeugen, und die fühlen sich durchaus von diesem "Krieg" inspiriert. Dann verlieben sich die Kratzbürsten ineinander, aber Delsanto beendet das Verhältnis wieder, weil Marcus alkoholabhängig ist und im Rausch eines ihrer Bilder beschädigt. Sie ist schockiert, als er ihr gesteht, ein Gedicht seines Sohnes unter seinem eigenen Namen veröffentlicht zu haben. Zudem droht ihm die Entlassung von der Schule. Aus Liebe schließt er sich den anonymen Alkoholikern an und überwindet seine Sucht. Am Schluss finden die beiden wieder zueinander, als ein für die Schülerzeitung inszenierter Wettstreit im Patt endet. Marcus darf an der Schule bleiben.

Der dialoglastige Film ist eine Neuauflage jener Screwball-Comedies, in denen früher Spencer Tracy und Katharine Hepburn sich die Wortduelle lieferten. Und auch in der modernen Version drehen die Hauptdarsteller voll auf und zeigen sich in bester Schauspiellaune. Owen, auch als Actionfilmheld bekannt ("Shoot 'em up!"), gibt mit erstaunlich wandlungsfähiger Mimik den Literaturstar. Juliette Binoche fasziniert als kalte Schönheit ebenso wie als Künstlerin – die Gemälde, die im Film entstehen, sind wirklich von ihr. Eine besonders eindrucksvolle Szene zeigt sie, wie sie bäuchlings auf einem Bürostuhl rollend einen riesigen Pinsel, der an einem Kran aufgehängt ist, über die auf dem Boden liegende Leinwand führt. (Wegen ihrer Krankheit kann Delsanto die normalen Pinsel nicht mehr halten.)

Die Wortgefechte sind leidenschaftlich, brillant, oft witzig und immer pointiert (Drehbuch: Gerald Di Pego). Das gilt nicht nur für die Protagonisten, sondern auch für die Gespräche innerhalb des originellen Lehrer- und Schülerensembles, das die beiden umgibt. Zudem werden kleine Nebengeschichten erzählt, zum Beispiel wird eine Schülerin von einem Mitschüler belästigt sowie im Internet gemobbt, und im Lehrerzimmer entspinnen sich Intrigen anlässlich der drohenden Entlassung von Marcus. Hier verhält sich Delsanto solidarisch und sagt zu seinen Gunsten aus. Der Regisseur, der Australier Fred Schepisi ("Roxanne", "Das Russlandhaus"), lässt allen Schauspielern große Entfaltungsmöglichkeiten.

Das Einzige, was man an dem Film kritisieren könnte, ist die etwas überspitzte Konfliktkonstruktion. Kann man sich wirklich eine Schule vorstellen, in der zwei Lehrkräfte allen Ernstes einen Widerspruch zwischen Wort und Bild, also zwischen Literatur und bildender Kunst, aufbauschen? Dass sich die Künste ergänzen, dass beide Vorzüge und Mängel haben, ist im Grunde banal. Aber ein Film muss natürlich auch nicht die Realität 1:1 abbilden. Der vorgeführte Konflikt ergibt hier in jedem Fall eine intelligente und unterhaltsame Geschichte, der wir gern folgen. Im Übrigen thematisiert sich der Film nicht zufällig selbst, denn auch das Kino lebt bekanntlich von Worten und Bildern. Allerdings ohne dass die sich gegenseitig "bekämpfen".  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Words and Pictures - In der Liebe und in der Kunst ist alles erlaubt (Words and Pictures) 
 
USA 2013
Regie: Fred Schepisi;
Darsteller: Clive Owen (Jack Marcus), Juliette Binoche (Dina Delsanto), Valerie Tian (Emily), Bruce Davison (Walt), Navid Negahban (Will Rashid), Amy Brenneman (Elspeth Croyden), Christian Scheider (Tony) u.a.;
Drehbuch: Gerald Di Pego; Produzenten: Curtis Burch, Gerald Di Pego, Fred Schepisi; Kamera: Ian Baker; Musik: Paul Grabowski; Schnitt: Peter Honess;

Länge: 115,57 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih der Senator Film Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 22. Mai 2014



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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