01.11.2016

Wonderwall
- Welt voller Wunder


Nicht jeder Film kann als Meisterwerk in die Filmgeschichte eingehen, hat sich aber trotzdem seinen Platz im Filmkosmos verdient. "Wonderwall" kommt als flippiges Hippiefilmchen daher mit einem verblüffend simplen Plot, kann aber dafür kuriose Einfälle und eine wunderschöne Ausstattung in die Waagschale werfen. Im Hintergrund gibt es interessante Querverbindungen zu entdecken - hier trafen einige Künstler aufeinander, die maßgebend für die Popkultur der ausgehenden 60er Jahre waren.

Die schlichte Handlung ist schnell wiedergegeben: Ein zurückgezogen lebender Professor wird durch ein Loch in seiner Wohnzimmerwand auf seine hübsche Nachbarin aufmerksam. Model Penny lebt dort mit ihrem Freund zusammen. Beide führen ein Leben, wie man es sich im Swingin' London vorstellt: extravagante Wohnung und Kleidung inklusive Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Diese neue farbenfrohe Welt auf der anderen Seite der Mauer zieht den Professor in ihren Bann, wird zu seinem Lebensmittelpunkt und beflügelt zunehmend seine Fantasie. Zuletzt wird er Zeuge, wie die Beziehung der jungen Frau in die Brüche geht, und wird zu ihrem Retter, als sie einen Selbstmordversuch unternimmt.

Die zwei Hauptfiguren sind klassisch konträr angelegt und so schablonenhaft, dass sie kaum Namen benötigt hätten: Statt der nie komplett genannten Namen Professor (Oscar) Collins und Penny (Lane) hätten "the man", "the girl" ausgereicht. Der Kopfmensch Collins geht in seiner Arbeit auf und untersucht tagtäglich unter seinem Mikroskop Proben aus dem Wasserwerk, wo er arbeitet. Wieder zurück in seiner Dachgeschosswohnung vertieft er sich in Bücher und scheint ansonsten keiner Beschäftigung nachzugehen. Er ist ein ewiger Junggeselle mit wenig Talent für Sozialkontakte, und es ist stark anzunehmen, dass er sich bisher kaum mit dem anderen Geschlecht befasst hat. Die Konfrontation mit diesem stark erotischen Wesen löst bei ihm einige Veränderungen aus: Tote, präparierte Schmetterlinge werden wieder zum Leben erweckt und fliegen als knallbunte Cartoons durch das Bild. Er geht nicht mehr zur Arbeit und baut stattdessen manisch seine Wohnung um, um besser beobachten zu können. Riesige Zeitschriftentürme, die er wie ein Messie angehäuft hat, werden zur Seite geschoben und noch mehr Gucklöcher gebohrt.

Durchaus zwiespältig an der leichtfüßig erzählten Geschichte ist, dass der Professor klar ein Voyeur ist und der Zuschauer mit ihm zum Voyeur wird. Voyeure nennt man in der englischen Sprache auch "Peeping Tom" (ursprünglich nach der Legende von Lady Godiva); Cineasten denken natürlich an den gleichnamigen britischen Horrorfilm von 1960, der fast gleichzeitig mit Hitchcocks "Psycho" erschien. In beiden Filmen ist die sexuelle Erregung durch Beobachten direkt verknüpft mit Mordlust, begründet durch ein gestörtes Verhältnis zu einem Elternteil. "Wonderwall" spielt mehrfach auf "Psycho" an: Effektvoll inszeniert taucht eine dominante Mutter im Rollstuhl auf, die ihren Sohn ermahnt. Ein Geist, den wohl das schlechte Gewissen des Professors hervorgerufen hat.

Ansonsten bleibt es auffallend unschuldig und brav in "Wonderwall" - man sieht viel nackte Haut, ohne explizit etwas sehen zu können. Der Professor beäugt seine Nachbarin mit kindlich anmutender Neugier. Zwar hat er wilde Träume, in denen er sich mit dem Rivalen duelliert, doch träumend sieht er Penny nicht nackt, sondern in einem romantischen Brautkleid. Er verliert sich ebenso in Tagträumen und lebt fast ausschließlich in seiner Imagination. Wie dieser konsequente Rückzug in die eigene Welt, die Welt im Kopf, gezeigt wird, gehört zu den faszinierendsten Aspekten des Films. Es ist nicht das einzige Mal, dass Drehbuchautor Brach um dieses Thema kreist: „Wonderwall“ bildet ein ungewöhnlich heiteres Gegenstück zur sogenannten Apartment Trilogy, wie die düsteren Filme "Ekel", "Rosemaries Baby" und "Der Mieter" nachträglich bezeichnet wurden. Roman Polanski und Gérard Brach schrieben "Ekel" und "Der Mieter" in Gemeinschaftsarbeit, an "Rosemaries Baby" arbeitete Polanski allein, während Brach mit "Wonderwall" eigene Wege ging. Die drei Filme haben gemein, dass sich deren Handlung zu einem Großteil in ein und derselben Wohnung abspielt, deren Einwohner aus unterschiedlichen Gründen zunehmend verrückter werden. Nur dem verrückten Professor ist ein Happy End gegönnt.

Hauptdarsteller Jack MacGowran darf hier eine vergleichbare Rolle spielen wie in "Tanz der Vampire" von 1967, und nicht nur wenn er mit einem altmodischen Umhang über das Dach turnt, sieht es deutlich nach einer Referenz aus. Iain Quarrier, der Pennys oberflächlichen Freund spielt, war ein enger Freund Polanskis und dessen Ehefrau Sharon Tate. Nachdem diese 1969 von Mitgliedern der Manson-Family ermordet wurde, beendete Quarrier seine Filmkarriere. Jane Birkin, die die labile Penny spielt, hatte nur 1-2 Jahre zuvor in Antonionis "Blow Up" ebenfalls ein Model dargestellt und ging wenig später nach Frankreich, um mit Serge Gainsbourg den für damalige Verhältnisse gewagten Song "Je T'Aime...Moi Non Plus" aufzunehmen. Anita Pallenberg, hauptsächlich bekannt wegen ihrer Beziehung zu den Rolling Stones Brian Jones und Keith Richards, hat ebenfalls einen kurzen Auftritt. Regisseur Joe Massot hatte nur wenige Vorerfahrungen vorzuweisen und seine Regiearbeit bei Led Zeppelins Konzertfilm "The Song Remains The Same" verlief derart unglücklich, dass er den Film nicht fertigstellen durfte.

Ohne George Harrisons Soundtrack wäre "Wonderwall" sicher in Vergessenheit geraten und nicht in den 90ern neu aufgelegt worden. Harrisons intensive Beschäftigung mit klassischer indischer Musik und Kultur ist jedem, der mit den Beatles etwas besser vertraut ist, bekannt. Aber er hat wohl kaum ein anderes Werk hinterlassen, wo man ihn derart spielerisch ausprobierend erlebt. Die Aussage des Regisseurs, dass er jede Musik, die er von ihm erhält, nehmen würde, gab ihm die nötige Sicherheit um frei zu improvisieren. Ungeachtet des zu erwartenden Erfolgsdrucks, da er damit das erste Soloalbum eines Beatles abliefern würde und zudem das erste Album auf dem neu gegründeten Apple-Label. Hier gibt es eine weitere direkte Querverbindung, denn das niederländische Künstler-Duo The Fool, verantwortlich für die psychedelische Gestaltung der Wonderwall, hat damals u.a. die Fassade der Apple-Boutique und Bekleidung der Beatles gestaltet und den Stil der Zeit damit geprägt.

Als bleibenden Einfluss auf die Geschichte der Populärkultur muss der gleichnamige Song von Oasis erwähnt werden. Also der Band, die lange Zeit der Halluzination erlag, "bigger than the Beatles" zu sein. Der Songtext stellt den Zusammenhang her, dass der Ich-Erzähler sich retten lassen möchte, nimmt ansonsten aber keinen tiefer gehenden Bezug auf den Film.

Obwohl man "Wonderwall" objektiv nicht hoch bewerten kann, so ist er doch ein durchaus amüsantes Zeitdokument und kann als interessantes "missing link" im Werk der Beteiligten gesehen werden. Zuschauer, die bisher wenig Berührungen mit experimentellen Filmen der Spätsechziger hatten, wird der wenig stringente Plot und die assoziativ angelegte Montage eher abschrecken. Wer weder an der Ära noch am Soundtrack interessiert ist, kann diesen Film getrost überspringen und sich den echten Klassikern widmen.

Linktipps:
http://nickyarborough.com/on-polanskis-apartment-trilogy (zur Rezension "Ekel")
http://www.georgeharrison.com/albums/wonderwall-music (zur Entstehungsgeschichte des Soundtracks)  

Jessica Ridders / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Wonderwall - Welt voller Wunder
(Wonderwall)
Alternativtitel: Wonderwall: The Movie

GB 1968
Regie: Joe Massot;
Darsteller: Jack MacGowran (Prof. Oscar Collins), Jane Birkin (Penny Lane), Irene Handl (Mrs. Peurofoy), Richard Wattis (Perkins), Iain Quarrier (junger Mann), Suki Potier, Anita Pallenberg u.a.;
Drehbuch: Gérard Brach, Guillermo Cabrera Infante; Produktion: Andrew Braunsberg; Kamera: Harry Waxman; Musik: George Harrison; Schnitt: Rusty Coppleman;

Länge: 88 Minuten (Video/DVD) bzw. 92 Minuten (Kino); FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: keiner; Fernsehpremiere: 11. Februar 1995



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Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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